Der Pyroman als Märchengestalt und der Zufall als Kommissar
Von Pascal Schmid. Aktualisiert am 30.07.2009 6 Kommentare
Der jüngste Fall: Abgebranntes Gartenhaus auf der Schrebergartenanlage Rankhof. (Bild: Dominik Pluess)
Links
Dossiers
Artikel zum Thema
- Erneut Brandstiftungen im Raum Riehen/Kleinbasel
- Erneuter Brand in Riehen
- Phantombild zu Brandstiftungsserie von Riehen und Bettingen
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Seit März 2005 wurden im Raum Riehen über 30 ungelöste Brandfälle registriert, bei denen Brandstiftung im Vordergrund steht – die beiden letzten am vergangenen Wochenende auf der Schrebergartenanlage Rankhof. Zwei Drittel der Fälle schreibt die Polizei der selben Täterschaft zu.
Wie der «Riehener Brandstifter» aussehen könnte, ist bekannt, seit die Polizei im August das Phantombild eines Verdächtigen veröffentlicht hat. Kriminalkommissär Markus Melzl, Chef Medien und Information der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt will sich aber nicht auf ein Täterprofil festlegen. Ein Profiling, wie man es aus Kriminalfilmen und –serien kennt, bringe im aktuellen Fall wenig: «Wir verfügen nicht über genügend Daten, um ein brauchbares Profil zu erstellen.»
Man könne zwar davon ausgehen, dass der Täter irgendeinen Bezug zu Riehen hat. Aber es sei unmöglich, zu sagen, worin dieser Bezug besteht: Ob der Brandstifter in Riehen wohnt oder gewohnt hat, ob er durch eine ehemalige Arbeitsstelle oder durch eine Partnerschaft mit der Gemeinde verbunden ist. Statt eines Profils führt die Polizei in diesem Fall eine «operative Fallanalyse» durch: «Wir beziehen jede erdenkliche Möglichkeit mit ein: Die Uhrzeit, das Wetter, den Mondschein und so weiter», sagt Melzl.
Das Märchen von der Pyromanie
Für das Profiling arbeitet das Kriminalkommissariat mit Volker Dittmann zusammen, dem Direktor des Basler Instituts für Rechtmedizin. Zum aktuellen Fall will dieser keine Auskunft geben, da er an den Ermittlungen beteiligt ist. Nach dem klassischen Brandstifter-Typen gefragt, sagt Dittmann, der auch die gerichtspsychiatrische Abteilung der UPK leitet: «Den gibt es nicht. Die Motive sind sehr unterschiedlich. Rache, etwa nach einer Kündigung, ist zum Beispiel ein mögliches Motiv.» Die oft zitierte Pyromanie, die Sucht nach Brandstiftung als isolierte psychische Störung, sei ein «Märchen». Auch die Vorstellung, dass oft Feuerwehrleute hinter vorsätzlich gelegten Bränden stecken, stimme nicht. Das komme nur sehr selten vor.
An eine Brandserie von diesem Ausmass in der Region kann sich Dittmann nicht erinnern. Generell sei Brandstiftung ein typisches Seriendelikt: «Wenn jemand einmal zwei oder drei Brände gelegt hat, ist die Rückfallsrate sehr hoch. Was aber nicht heisst, dass es sich bei den aktuellen Fällen um ein und den selben Täter handeln muss.»
Allgemein könne man feststellen, dass es sich bei Brandstiftern meistens um Männer handelt. Und häufig habe man es mit unsicheren, unreifen Menschen zu tun, die Probleme haben, ihre Konflikte offen auszutragen, sagt Dittmann. «Diese wählen dann den Weg der anonymen Brandstiftung. Damit erlangen sie mit geringen Mitteln grosse Wirkung.» Durch aufgebauschte Berichterstattung in den Medien würden solche Täter bestärkt, kritisiert Dittmann. «Oft tragen die Medien mit dazu bei, dass die Situation eskaliert, der Täter noch mehr und noch grössere Brände legt.»
Hoffen auf den Zufall
Mehr Hoffnung als in Analysen und Profile setzt die Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung. Auf das im August veröffentlichte Phantombild seien 70 bis 80 Hinweise eingegangen – «zum Teil konkrete, zum Teil eher fantastische». Und auch nach grösseren Bränden, vor allem nach dem Brand auf dem Bäumlihof im März 2008, gehen gemäss Melzl viele Hinweisen ein. Dabei erhält die Polizei nicht nur Zeugenaussagen zu vergangenen Straftaten, sondern auch Hinweise «im Voraus»: «Wenn die Leute sensibilisiert sind, achten sie eher auf auffällige Vorfälle und Personen, und melden Verdächtiges.»
Ansonsten bleibt den Fahndern nur, auf einen Fehler des Brandstifters zu warten. «Der Täter bestimmt die Zeit und den Ort der Tat. Aber es gibt auch für ihn unbekannte Grössen. Hier kann uns der Zufall helfen.» So sei es etwa dem Kommissar Zufall zu verdanken gewesen, dass man den «Mondscheinvergewaltiger» gefasst hat, der vor einigen Jahren in Basel sein Unwesen trieb. Eine Polizeipatrouille sei damals wegen eines vor ihr parkierenden Autos einige Meter rückwärts gefahren. Der Vergewaltiger, der in jener Strasse auf der Lauer gelegen sei, habe geglaubt, er sei ertappt worden. Als er aus seiner Deckung flüchtete, sei man auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn geschnappt. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.07.2009, 12:40 Uhr
Kommentar schreiben
6 Kommentare
Ich bin sehr erstaunt, dass diesbezüglich alle noch im dunkeln tappen.Kann man denn nicht auf Verhaltensweisen oder Statistiken von Pyromanen zurückgreifen, um ein besseres Phantombild, resp. Profilbild, zu erstellen?Schaut die Polizei auch über die Grenze von Stadt-Basel?Sind die Verhaltensmuster wirklich dieselben oder ähnlich?Monatstage,Orte,Zeit,Deliktsabstände?evtl.Arbeitsloser?Depressiver? Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!












