Deutschland unterschätzt die ­Flüchtlingskrise gewaltig

Wir schaffen das? Nicht wirklich. Die schrecklichen letzten Tage legen auch die Grobfahrlässigkeit von Merkes Flüchtlingspolitik offen.

Willkommenskultur: Kanzlerin Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling. (September 2015).

Willkommenskultur: Kanzlerin Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling. (September 2015). Bild: Keystone

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Deutschland hat eine fürchterliche Woche von Terror und Gewalt hinter sich. Die Orte des Schreckens ­heissen Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach. Zwei der vier Fälle werfen das Land auf seine Flüchtlingspolitik zurück. Der Axt-Mörder von Würzburg stammt womöglich nicht aus ­Afghanistan, wie die Behörden annahmen, ­sondern aus Pakistan. Der Selbstmord-Terrorist von ­Ansbach ist ein syrischer Flüchtling, der gemäss Dublin-System längst nicht mehr in Deutschland sein sollte, sondern in Bulgarien oder Syrien.

Die Politiker verweisen ­darauf, dass es sich bei dem Pseudo-­Afghanen und dem Syrer um Einzelfälle handle, und das stimmt auch. Aber die Einzelfälle verweisen auf ­systematische ­Probleme der Behörden.

Grobfahrlässige Politik

Erstens: Sie schaffen es nicht, eine ordentliche Registrierung durch­zuführen und gründlich zu prüfen, woher die Menschen sind, die nun in Deutschland leben. Die Politik mit den Syrern war sogar grob fahrlässig: In der Hochzeit der Flüchtlingskrise genügte es, einen kurzen Fragebogen auf Arabisch auszufüllen und zu behaupten, man sei aus Syrien – und schon wurde man als Syrer ­registriert, ob man nun aus Aleppo, Kairo oder Tunis stammt.

Zweitens: Die meisten Bundesländer waren und sind unfähig, Flüchtlinge mit einem negativen Asylbescheid in ihre Herkunftsländer zurück­zuschicken, geschweige denn das ­Dublin-System durchzusetzen. Humanität mit Flüchtlingen ist ehrenwert, in der deutschen Praxis aber auch gefährlich.

Bett an Bett, Atem an Atem

Bei den Gewalttätern von Würzburg, Reutlingen und Ansbach spielt auch die psychische ­Verfassung eine Rolle. Werden aber psychisch kranke Flüchtlinge in Deutschland genügend betreut, ­werden ihre Krank­heiten überhaupt erkannt? Meinen ­letzten Gesprächen mit Flüchtlingshelfern zufolge: nein. Das Land müsste ehrlicherweise zugeben, dass es noch lange nicht bei der Integration angelangt ist, um die es jetzt gehen sollte. Allein in Berlin leben 10'000 Flüchtlinge in Notunter­künften, Turnhallen und ­miefenden Hangars – Bett an Bett, Atem an Atem. Sie sind noch nicht einmal im Wartezimmer der Integration angelangt. Wie lange überwiegt Dankbarkeit die enttäuschten Erwartungen?

Deutschland unterschätzt die ­Flüchtlingskrise gewaltig. Letzte Woche machte der Chef der ­deutschen ­Polizeigewerkschaft den Vorschlag, alle Syrer-Fälle vom vergangenen Jahr noch einmal zu prüfen. Es dürfte sich etwa um eine halbe Million handeln. Es klingt nach einem wahnwitzigen Auftrag. Er wäre der heutigen Lage angemessen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2016, 09:24 Uhr

Benedict Neff, Korrespondent der Basler Zeitung in Berlin.

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