Ausland
Wird Kuba zu einer neuen Ölmacht?
Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 20.10.2008
In naher Zukunft könnte über Kuba ein Geldregen niederprasseln – vorausgesetzt, die jüngsten Schätzungen der staatlichen Erdölgesellschaft Cuba Petróleo (Cupet) erweisen sich als zutreffend. Laut Rafael Tenreyro, der bei Cupet für die Erschliessung neuer Erdölquellen zuständig ist, belaufen sich die kubanischen Rohstoffvorkommen im Golf von Mexiko auf bis zu 20 Milliarden Fass. Dies entspräche ungefähr den Reserven der USA und würde Kuba unter die zwanzig grössten Fördernationen der Welt katapultieren. Die amerikanische Behörde Geological Survey geht allerdings lediglich von 9 Milliarden Barrel aus. «Wir kennen die Geologie unseres Landes besser als die Amerikaner», entgegnet Tenreyro. Nächstes Jahr soll die Förderung des neu entdeckten Reichtums beginnen.
Sollte sich Tenreyros Behauptung bestätigen, stünden die Gebrüder Castro einmal mehr als geradezu sagenhafte Glückspilze da. Jahrzehntelang lieferte ihnen die Sowjetunion Erdöl zu Vorzugspreisen; nachdem der Ostblock zusammengebrochen war, dauerte es weniger als zehn Jahre, ehe Venezuelas Präsident Hugo Chávez an die Stelle der einstigen Supermacht trat. Gegenwärtig fördert Kuba rund 60'000 Fass pro Tag, während es von der südamerikanischen Brudernation 93'000 zusätzliche Fass erhält. Dafür arbeiten kubanische Ärzte, Militärexperten und Sporttrainer in Venezuela.
Die USA sind nicht mit dabei
Die amerikanische Regierung stürzt der potenzielle Rohstoffreichtum des ideologischen Erzfeindes in ein Dilemma. An der Gewinnung des kubanischen Erdöls beteiligen sich gegenwärtig Energiekonzerne aus Spanien, Norwegen, Venezuela, Malaysia, Indien und Vietnam. «Die USA lassen sich ein riesiges Geschäft entgehen. Sie sollten bei der Erschliessung mitmachen», sagt Tenreyro.
Barack Obama hat angekündigt, im Falle eines Wahlsieges am Handelsembargo gegen die sozialistische Diktatur festzuhalten. Es ist jedoch zu erwarten, dass er den seit 1962 geltenden Boykott zumindest lockert. Eine Zusammenarbeit zwischen amerikanischen Ölmultis und Cupet würde allerdings ein diplomatisches Tauwetter bedingen, wie es gegenwärtig unvorstellbar scheint.
Der Regierung ist das Embargo auch recht
Fraglich ist auch, ob Kubas Staatschef Raúl Castro dabei mitspielte. Denn obwohl die kubanische Regierung seit eh und je gegen das US-Embargo wettert, liefert es ihr eine goldene Rechtfertigung für all die hausgemachten ökonomischen Missstände. Kürzlich hat sich Fidel Castro für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten ausgesprochen – im Wissen, dass Obama auf solche Schützenhilfe liebend gerne verzichten würde. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.10.2008, 06:42 Uhr
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