Ausland

Streit um Sawiris' Folterinsel

Von Enver Robelli. Aktualisiert am 18.01.2016 42 Kommentare

Der Tourismusunternehmer Samih Sawiris will eine Folterburg auf einer Adriainsel in Montenegro zu einem Luxushotel umbauen. Angehörige der Opfer laufen Sturm gegen das Projekt.

1/10 So sieht die «Insel des Todes» heute aus: Luftaufnahme von Mamula.
Bild: PD

Sawiris' Luxusinsel des Todes

   

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Die Vergangenheit vergeht für Jovanka Uljarevic nie. Wenn sie zurückblickt, und das tut sie oft, dann erinnert sie sich an ihre Grossmutter Ljubica. «Obwohl sie das ganze Leben in der Nähe der Adriaküste verbrachte, hatte sie immer Angst vor dem Meer», sagt Uljarevic. Ljubica, die Liebliche, war 12 Jahre alt, als Benito Mussolinis Faschisten ihren Vater ermordeten. Das Mädchen wurde im Frühling 1942 mit ihrer Schwester und Mutter auf der Adriainsel Lastavica in Montenegro interniert.

Dort, am Eingang zur Bucht von Kotor, befindet sich die Festung Mamula, die im 19. Jahrhundert von der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gebaut wurde. Im Zweiten Weltkrieg diente die Anlage als Konzentrationslager für bis zu 2000 Menschen, schreibt das Balkan Investigative Reporting Network (Birn). Im Campo Mamula wurden etwa 100 Häftlinge exekutiert, 50 weitere verhungerten. Die Familie Uljarevic hatte Glück: Sie kam nach vier Monaten frei.

Ehemalige Folterburg als Luxusresort

Auf den Tourismusunternehmer Samih Sawiris ist Jovanka Uljarevic nicht gut zu sprechen. Ausgerechnet die frühere Folterburg soll eine Traumdestination für Touristen werden: Auf Lastavica will der Chef der Orascom Development Holding ein Luxushotel errichten – mit Jachthafen, Spa, Nachtclub, Strandbar, Restaurants. Die montenegrinische Regierung hat vor knapp einem Jahr das Eiland für 49 Jahre an die schweizerisch-ägyptische Investmentfirma Orascom vermietet, die auch in Andermatt ein Tourismusprojekt finanziert.

Gegen Sawiris' Pläne in Montenegro formiert sich nun Widerstand. Jovanka Uljarevic klagt über mangelndes Geschichtsbewusstsein. Das Vorhaben werde die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit tilgen. «Auf der ganzen Welt ist noch kein Konzentrationslager zu einem Hotel umgebaut worden», sagt die Aktivistin und Bauingenieurin Olivera Doklestic, deren Vater, Grossvater und Onkel auf Mamula inhaftiert waren.

Angehörige der Opfer fordern Gedenkstätte statt Hotel

Orascom weist die Kritik zurück. Die ehemaligen Gefangenen hätten den Bauplänen zugestimmt, liess die Firma mitteilen. Das Belgrader Architekturbüro Salt and Water verspricht in einer Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, man werde die Festung mit «minimalen Eingriffen» zum Hotel umbauen. Ausserdem sei ein Denkmal für die Gefangenen geplant, erklärt Olivera Brajovic vom montenegrinischen Tourismusministerium. Damit geben sich die Angehörigen der Opfer aber nicht zufrieden. Sie fordern, die Festung zu restaurieren und als Gedenkstätte für Besucher zu öffnen. Auf der Miniinsel möchte Sawiris 15 Millionen Euro investieren. Die Regierung in Podgorica rechnet mit Einnahmen von 7,5 Millionen Euro pro Jahr und mindestens 200 neuen Arbeitsplätzen.

In die Debatte um die Zukunft der Adriainsel hat sich auch der frühere UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali eingeschaltet. Das Projekt müsse verschoben werden, bis die Angehörigen der Opfer, die Regierung und Orascom-Vertreter eine Einigung fänden, um die Festung als Erinnerungsort zu erhalten, schrieb Boutros-Ghali in einem offenen Brief an das Parlament in Podgorica. Der frühere ägyptische Diplomat, ein koptischer Christ wie Samih Sawiris, äussert Befremden, dass die Festung eine «Freizeitanlage mit fünf Sternen» werden solle. Mamula sei ein Denkmal und ein Zeugnis der Vergangenheit, der Kriege und Konflikte in dieser Region. Boutros-Ghali will, dass auf dieses Erbe Rücksicht genommen wird.

Die Tourismusfirma Orascom hat in Montenegro grosse Pläne. Das Luxushotel auf der geschichtsträchtigen Insel Lastavica gehört zum nahe gelegenen Komplex Lustica-Bay. Dort baut Sawiris für 1,1 Milliarden Euro eine neue Stadt – mit sieben Hotels, zwei Jachthäfen, einem 18-Loch-Golfplatz, Villen und Appartements. Oppositionspolitiker und Aktivisten der Zivilgesellschaft behaupten, Orascom habe Regierungsvertreter bestochen, um das riesige Tourismusprojekt zu angeln. «Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage», entgegnet die Firma und droht mit Klagen.

Zigarettenhandel mit der italienischen Mafia

Der Zwergstaat Montenegro wird seit einem Vierteljahrhundert von Milo Djukanovic mehr beherrscht als regiert. In den 90er-Jahren geriet der Ökonom ins Visier der italienischen und der deutschen Justiz wegen Zigarettenschmuggels. Über Scheinfirmen aus der Schweiz wurden Glimmstängel nach Montenegro geliefert – ohne Tabaksteuer, Zoll und Mehrwertsteuer, weil das Land nicht zur EU gehört. «Jede Woche gingen etwa 25 Lastwagen mit Zigaretten aus der Schweiz nach Montenegro. Das konnte nicht stimmen. Was taten die Leute dort damit? Ausserdem lagen den Transporten Rechnungen bei, denen jeder Zollfahnder ansehen konnte, dass sie getürkt waren», sagte ein deutscher Zollbeamter zur «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vor Jahren. Diese «Mickymaus-Firmen» seien damals in der Schweiz, auf den Virgin Islands oder in Panama registriert gewesen.

Die Ware wurde in Montenegro gelagert und danach mit Schnellbooten der italienischen Mafia über die Adria an die apulische Küste gebracht. Von dort aus kamen die Zigaretten auf die Schwarzmärkte der EU. Djukanovic wurde reich und ein Partner des Westens bei den Bemühungen, den serbischen Diktator Slobodan Milosevic zu schwächen. Vermutlich aus diesem Grund deckten ihn die EU und die USA. Ende Dezember wurde Djukanovic von Journalisten des Netzwerks Organized Crime and Corruption Reporting Project mit einem unerwünschten Preis geehrt: Er bekam den ersten Platz unter den korrupten Politikern auf dem Balkan.

Staatsbürgerschaft gegen Investments

Montenegro hat sich 2006 von Serbien getrennt und versucht seither, vor allem die Tourismusbranche zu entwickeln. Grosse Investoren werden auch mit dem montenegrinischen Pass gelockt. Investiert ein Ausländer eine Million Euro und beschäftigt wenigstens 20 Menschen, erhält er als Belohnung die Staatsbürgerschaft. Tourismusunternehmer Samih Sawiris ist seit 2011 stolzer Besitzer eines montenegrinischen Reisedokuments. Die Opposition schäumt seit Jahren.

Mit dem Citizenship-by-Investment-Programm würden zweifelhafte Geschäftsleute, Kriminelle oder korrupte Politiker aus aller Welt eingeladen, um in Montenegro einen sicheren Hafen zu finden. So wie der ehemalige thailändische Regierungschef Thaksin Shinawatra: Er wurde in seiner Heimat wegen Amtsmissbrauchs und Korruption verurteilt, wird aber von Montenegro nicht ausgeliefert. Kurz nach seiner Einbürgerung sagte der Telekommunikationsunternehmer: «Ich bin jetzt Montenegriner.» Und versprach Investitionen in die Tourismusbranche. Davon haben die 620'000 Bürger Montenegros fast nichts gesehen. Thaksin Shinawatra lebt inzwischen im Golf-Emirat Dubai. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2016, 21:45 Uhr

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42 Kommentare

Ike Conix

18.01.2016, 23:24 Uhr
Melden 168 Empfehlung 38

Dieses Vorhaben ist wirklich nur dekadent und ekelhaft. Man stelle sich vor, jemand käme auf die Idee aus Auschwitz ein Ferienresort zu machen. Antworten


Charles Bücheli

18.01.2016, 23:35 Uhr
Melden 132 Empfehlung 10

Leuenberger: 22.18
"Das Leben findet in der Gegenwart und in der Zukunft statt, nicht in der Vergangenheit."
Ja, aber aus der Vergangenheit kommen wir, und wehe wer diese Wurzeln nicht pflegt, wird beim nächsten "Sturm", seinen "Baum" (seine Kultur, sein Land) umfallen sehen.Was eben zur Zeit sehr modern geworden ist, und man die Wurzeln (Vergangenheit) lieber zurückstutz,als diese noch zupflegen!
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