Ausland

Amerikas Gesundheitswesen ist krank – doch die Betroffenen verdrängen das

Von Martin Kilian, Fork Union (Virginia). Aktualisiert am 18.08.2009

In den USA macht die Rechte vehement gegen eine Reform des Gesundheitswesens mobil. Unter anderem an Bürgerforen wie jenen des demokratischen Abgeordneten Tom Perriello.

Tom Perriello.

Tom Perriello.

35 Grad im Schatten zeigt das Thermometer, und die Mittelschule nahe dem Nest Fork Union im Landkreis Fluvanna duckt sich in die Landschaft. Der Parkplatz ist voll, noch immer aber rollen Besucher an zum Bürgerforum des Kongressabgeordneten Tom Perriello. Über die Gesundheitsreform wird gestritten. Wieder eines jener Bürgerforen also, über die ganz Amerika redet.

In Fluvanna, wo Barack Obama im vergangenen Herbst bei der Wahl verlor, wird der demokratische Abgeordnete Perriello einiges zu hören bekommen. Der Landkreis im Herzen Virginias ist eher konservativ eingestellt, wenngleich die Bevölkerung rasant wächst und manche der Zuziehenden nicht dem traditionellen Republikanertum Virginias anhängen. Acht Bürgertreffen hat Perriello bereits zum Thema Gesundheitsreform in seinem Kongressbezirk abgehalten. Dies ist das neunte und vielleicht unfreundlichste.

Viele Senioren im Publikum

Vor dem Eingang zur Schule werben die Obama-Kräfte für die Reform. Ein Tisch, darauf Unterschriftenlisten, fungiert als Organisationszentrum. Im Auditorium der Schule befinden sich bereits mehrere Hundert Menschen – unter ihnen viele Senioren. «Stoppt Obamacare!», verlangt ein Plakat zur Linken der kleinen Bühne. «Das führt doch klar zur Rationierung der medizinischen Versorgung», sagt der Herr neben mir. Er habe Verwandte in Dänemark, meint er vielsagend. So weit lasse man es hier nicht kommen. «Ich bin für freies Unternehmertum!», sagt er.

Das amerikanische Gesundheitswesen sei das teuerste der Welt, sage ich. Und die Lebenserwartung hinke der westeuropäischen hinterher. Das sei eine Folge «unserer Minderheiten», antwortet der Mann mit den dänischen Verwandten und teilt Plakate aus. «Kein staatliches Gesundheitswesen!» steht darauf. Die silberhaarigen Senioren, die ihre Hände nach den Plakaten ausstrecken, sind in «Medicare», der staatlichen Krankenkasse für Amerikaner über 65. Von wegen «kein staatliches Gesundheitswesen».

Perriello als republikanische Hoffnung

Der Abgeordnete Perriello erscheint. Mit einer roten Krawatte. Er gewann 2008 sensationell gegen einen altgedienten Republikaner. Nun steht er ganz oben auf der republikanischen Abschussliste für die Kongresswahl 2010. Beifall und Buhrufe schallen ihm entgegen. Das Auditorium quillt über, und die Luft ist zum Schneiden dick. «Einige Leute sind ideologisch gegen die Reform, und andere sind dafür», sagt der Abgeordnete Perriello. Er respektiere das.

Tom Perriello weiss, dass seine Zukunft auf dem Spiel steht. Mit gerade mal 727 Stimmen Vorsprung gewann er diesen Kongressbezirk. Und Obamas Gesundheitsreform hat allerhand Ängste geweckt in Fluvanna und überhaupt im Hinterland. Die Bürger schreiten zum Mikrofon, drei Fragen auf einmal, ehe Perriello antwortet. «Man sagt uns, wir sollen unsere Freiheit für Sicherheit eintauschen», sagt Tracy Schweitzer. «Alle vier Jahre gehen wir wählen, und danach werden unsere Anliegen nicht einmal gehört», klagt Bob Flynn. Er erhält Beifall.

Yale Absolvent

«Es ist wirklich schön, so viele Menschen zu sehen, die ihre Bürgerpflicht ernst nehmen», lobt der Abgeordnete Perriello – und weiss, dass die Dinge nicht gut stehen. Vielleicht wundert er sich, worauf er sich eingelassen hat. Im früheren Leben war Tom Perriello, 34, in Sierra Leone als Ankläger für Kriegsverbrechen. Er half, Liberias Tyrannen Charles Taylor zu verurteilen. Recht hat er studiert an der prestigeträchtigen Yale-Universität. Und jetzt darf er in der sengenden Augusthitze einer Seniorin erklären, warum das Gerede von Euthanasie als Teil der Reform Blödsinn sei. Ohne indes «Blödsinn» sagen zu können.

Die Gegner der Reform haben klar die Oberhand. Einige sind Republikaner, andere parteilose Bürger, die einfach dagegen sind. Punktum. «Wir werden wie die Sowjetunion enden», sagt einer am Mikrofon. Zu viel Staat. Er sei «gegen die staatlichen Rettungsaktionen für die Banken und Detroit gewesen», verteidigt sich Perriello. Applaus kriegt er dafür.

Das Volk im Kreis Fluvanna aber hat die Nase voll: Obama schmeisst das Geld mit beiden Händen hinaus. Wer bezahlt die Reform dieses Gesundheitswesens? Der Steuerzahler! Ein Rentner steht vor dem Mikrofon. Der Entwurf der Gesundheitsreform enthalte über 1000 Seiten, informiert er. «Das liest doch niemand, da wird einfach abgestimmt, ohne dass das Gesetz zuvor gelesen worden wäre», sagt der Rentner unter tosendem Beifall. In der ersten Reihe vor dem Abgeordneten trägt ein junger Mann eine Kappe mit der Aufschrift «NRA» – National Rifle Association. Die Knarren-Lobby. In der Hand hält er ein Plakat: «Veränderung, die wehtut + gebrochene Versprechen = Obama».

Periellio verlangt Reform

Der Abgeordnete Perriello, der dem progressiv-linken Flügel der demokratischen Fraktion im Repräsentantenhaus angehört, versucht zu beruhigen. Es existierten «viele Falschinformationen da draussen» über die Reform des Gesundheitswesens. Auch rationierten die Versicherungen ja bereits die medizinische Versorgung. «Nach einem Kaiserschnitt werden Sie nach einem Tag aus dem Krankenhaus entlassen», sagt der Abgeordnete. Die Reform sei dringend vonnöten, wirbt Perriello.

Mindestens die Hälfte seiner Wähler in der Mittelschule denken anders. «Wenn ihr die Leute nicht überzeugen könnt, macht ihr sie einfach konfus», ruft einer Tom Perriello zu. Der kleine Mann wird betrogen. Die Freiheit verpufft. Zu viel Staat. Am Ende auch noch Euthanasie. Was bilden die sich eigentlich ein? «Ich glaube, ihr habt einen schlafenden Giganten geweckt», sagt ein Bürger am Mikrofon. Wenn das stimmt, wird es in Washington bald noch heisser werden als in Fluvanna.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2009, 21:58 Uhr

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