Ausland

Amerikas letzter Kriegstoter im Irak

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 20.12.2011 41 Kommentare

16 Tage vor seiner Heimreise in die USA ist David Hickman bei einer Bombenexplosion in Bagdad ums Leben gekommen. Das Pentagon vermerkte ihn auf der Gefallenenliste mit der Nummer 4474.

1/7 Sauber machen zum Schluss: Ein US-Soldat putzt den Boden im Camp Adder vor seiner Abreise. (17. Dezember 2011)
Bild: Reuters

   

Heimkehr im Sarg: David Emanuel Hickman.

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Neue Spannungen im Irak

Streit in der Regierung

Nach dem Abzug der US-Armee brechen die Konflikte innerhalb der irakischen Regierung offen auf. Ministerpräsident Nouri al-Maliki droht jetzt mit Rücktritt, um die Entlassung seines Stellvertreters Salih al-Mutlak durchzusetzen. Der hatte ihn mit dem 2003 vom US-Militär gestürzten Präsidenten Saddam Hussein verglichen. Ein Parteigenosse al-Malikis sagte der Bagdader Tageszeitung «Al-Mada», der Regierungschef habe ihm gesagt, wenn das Parlament dem stellvertretenden Ministerpräsidenten nicht das Vertrauen entziehen sollte, werde er selbst binnen zwei Tagen sein Amt niederlegen.
Am Montagabend war zudem ein Haftbefehl gegen Vizepräsident Tariq al-Hashemi erlassen worden, der zum gleichen Parteienbündnis wie al-Mutlak gehört. Al-Hashemi werde vorgeworfen, er sei an einem versuchten Anschlag auf al-Maliki Ende November beteiligt gewesen, meldete das Staatsfernsehen.

Das Weisse Haus habe gegenüber allen beteiligten irakischen Parteien «unsere Beunruhigung über diese Entwicklungen» ausgedrückt, sagte US-Präsidentensprecher Jay Carney in Washington. Die USA ermahnten alle Parteien, «daran zu arbeiten, ihre Divergenzen friedlich und den Rechtsstaat sowie den demokratischen Prozess achtend zu klären». Die USA waren in den vergangenen Jahren stets als Vermittler zwischen den Parteien der Kurden, Schiiten und Sunniten aufgetreten. Sie hatten am vergangenen Wochenende ihren fast neunjährigen Militäreinsatz im Irak beendet. (vin/SDA/DAPD)

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«Nachdem eine Menge irakisches und amerikanisches Blut vergossen wurde, ist das Ziel eines Irak in greifbare Nähe gerückt, der sich selbst regieren und für seine Sicherheit sorgen kann», sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta vor fünf Tagen an einer Zeremonie in Bagdad zum offiziellen Ende des Irak-Kriegs. Ob der Irak selber Ruhe und Ordnung gewährleisten kann, ist fraglich (siehe auch Infobox). Es floss aber in der Tat viel Blut in einem Krieg, dessen Sinn immer weniger Amerikaner verstehen können. Zehntausende Iraker verloren ihr Leben. Auf amerikanischer Seite starben fast 4500 Soldaten. Gemäss einer Zählung des Pentagons sind es exakt 4474 US-Soldaten, die im fast neun Jahre dauernden Krieg im Irak für ihre Nation gefallen sind.

Amerikas letzter Kriegstoter im Irak heisst David Hickman, wie die «Washington Post» berichtet. Hickmans Heimkehr war für den 1. Dezember bestimmt. Doch seine Familie in Greensboro im Bundesstaat North Carolina sollte der 23-Jährige nie mehr sehen. Am 14. November jagte eine am Strassenrand versteckte Bombe das Fahrzeug, mit dem Hickman auf Patrouille in der irakischen Hauptstadt unterwegs gewesen war, in die Luft. Hickman starb auf dem Weg ins Lazarett, er erlag Hirnblutungen. Das Pentagon vermeldete am Tag danach den Tod Hickmans mit einem routinemässigen Satz: «Auf der Gefallenenliste der USA ist David Emanuel Hickman die letzte Nummer: 4474.»

«Warum sind wir überhaupt noch hier?»

Hickman – ein Fitnessfanatiker, Taekwondo-Meister und Footballspieler – gehörte zum Zweiten Bataillon der 82. Luftlandedivision der US-Armee. Der trainierte Fallschirmspringer galt als der «Superman» seines Bataillons. Er sammelte laufend Auszeichnungen wie die National Defense Service Medal, die Iraqi Campaign Medal oder auch die Global War on Terrorism Service Medal.

Wie die «Washington Post» berichtet, war Hickman vor zwei Jahren direkt nach dem College in die Armee eingetreten. Sein Ziel war, Elitesoldat zu werden. Und er scheute sich nicht, in den Irak-Krieg zu ziehen. Als er nach der Grundausbildung im letzten Mai in Bagdad landete, waren die Kampfhandlungen jedoch offiziell schon beendet. Der Möchtegern-Krieger musste sich mit Patrouilletätigkeiten zufriedengeben. «Warum sind wir überhaupt noch hier? Was tun wir?» – dies fragte Hickman immer öfter.

Vier weitere Orden nach dem Tod

Der als letzter Amerikaner im Irak-Krieg gefallene Hickman traf im Sarg zum Thanksgiving-Fest daheim in Greensboro ein. Die Armee veranstaltete einen Abschied mit allen militärischen Ehren. Posthum wurden ihm vier weitere Orden verliehen, darunter das Purple Heart, das alle gefallenen Soldaten bekommen. «Es ist verrückt, dass er sterben musste», sagte Logan Trainum, ein früherer Klassenkamerad von Hickman, der «Washington Post», «egal, ob du einst für oder gegen diesen Krieg warst – wir alle denken, dass längst niemand mehr von uns da drüben sein sollte.»

US-Präsident Barack Obama hatte im letzten Oktober den Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak angekündigt. Die letzten 4000 US-Soldaten sollen das ölreiche Land bis zum Jahresende verlassen haben. Die USA verlassen ein Land, in dem die Aufständischen zwar geschwächt wurden, ihren Kampf aber fortsetzen.

Schwieriger Neuanfang für Irak-Veteranen

In den USA wartet nicht auf alle Irak-Heimkehrer eine gute Zukunft. Mit 11,7 Prozent liegt die Arbeitslosenrate der Irak-Veteranen deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 8,6 Prozent. Bei den 20- bis 25-Jährigen, die oft direkt von der Highschool zum Militär gingen, liegt die Arbeitslosenquote bei 30 Prozent. Viele Veteranen sind auch für den Wiedereinstieg ins Berufsleben nicht bereit. Laut einer Armeestudie von 2010 zeigen 31 Prozent der Soldaten Symptome von Depression und posttraumatischer Belastungsstörung, 14 Prozent haben sogar «schwere Probleme» im Alltag. Schätzungsweise 6500 Veteranen nehmen sich jedes Jahr das Leben.

Zu Spitzenzeiten waren rund 170'000 US-Soldaten in dem überwiegend muslimischen Land im Einsatz. Etwa 1,5 Millionen Amerikaner riskierten im Irak-Krieg ihr Leben. Eine Koalition unter Führung der USA war im März 2003 in den Irak einmarschiert, um den damaligen Präsidenten Saddam Hussein zu stürzen. Der von Präsident George W. Bush begonnene Krieg kostete die US-Steuerzahler mehr als 700 Milliarden Dollar.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen SDA, DAPD und AFP. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.12.2011, 14:34 Uhr

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41 Kommentare

Kerstin Winter

20.12.2011, 15:21 Uhr
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Milosovic, Karacic und Konsorten müssen sich vor Kriegsgerichten in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Was geschieht mit Bush, Cheney und Rumsfeld? Antworten


Lothar Steinebrunner

20.12.2011, 15:15 Uhr
Melden 44 Empfehlung

Dieser Krieg wird als der in die Geschichte eingehen, mit dem die Amerikaner ihren Untergang einleiteten: Im definitiven Verlust von deren Glaubwürdigkeit und Integrität als Führungsmacht, in den horrenden Kosten von über 700 Milliarden Dollar, die den US-Haushalt hätten sanieren können und in ihrer Erfolglosigkeit, nachdem sie ein zutiefst gespaltenes und destabiliertes Land zurücklassen. Antworten



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