Ausland

Baltimore ist überall

Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 03.05.2015

Wirtschaftlicher Niedergang, schlechte Bildung, Arbeitslosigkeit, Drogen: Die Konflikte in Baltimore und anderen US-Städten haben tief liegende Ursachen.

1/28 Jubel in Baltimore: Sechs Polizisten wurden angeklagt – nahezu zwei Wochen nach dem Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray. (1. Mai 2015)
Bild: AP Photo/David Goldman

   

Keine Ausgangssperre mehr

Sechs Tage nach den Unruhen wegen des Todes eines jungen Schwarzen im Polizeigewahrsam hat die Bürgermeisterin von Baltimore die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben. Diese galt seit vergangenem Dienstag und sollte ein letztes Mal an diesem Sonntag greifen. Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake sagte in einer Mitteilung, sie wolle das Verbot nicht länger als nötig aufrechterhalten. Den Bürgern Baltimores war es nach den schweren Ausschreitungen seit Dienstag untersagt, sich zwischen 22 Uhr und 5 Uhr ausserhalb ihrer Wohnungen aufzuhalten. (sda)

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Da waren die Festgenommenen, über 250 an der Zahl. Da waren die Medien, die in solchen Fällen gleich Fallschirmjägern in einer Stadt landen, die sie nicht kennen. Da war die schwarze Bürgermeisterin mit ihrem ratlosen Gesicht und Worten, die sie eins ums andere auf die Goldwaage zu legen schien. Und da war die junge Staatsanwältin Marilyn Mosby, die am Freitag in Baltimore sechs Polizisten unter Anklage stellte - nahezu zwei Wochen nach dem Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray, der in Polizeigewahrsam schwer verletzt worden und später gestorben war.

Ausserdem war da der amerikanische Präsident, nur eine halbe Autostunde entfernt von Baltimore, wo Afroamerikaner nach der Beerdigung Grays randalierten und plünderten und Gebäude abfackelten. Nicht dass daran etwas ungewöhnlich gewesen wäre: Rassenkrawalle sind keine amerikanische Spezialität, aber sie ereignen sich immer wieder in Städten wie Baltimore, der grössten Stadt Marylands. Oder in Ferguson nahe St. Louis. Oder in Los Angeles. Oder sonst wo im weiten Amerika.

«Nichts Neues, das geht seit Jahrzehnten so»

Der Präsident, selbst ein Afroamerikaner, nahm diesmal kein Blatt vor den Mund. An den Ausschreitungen in Baltimore sei «nichts Neues, das geht seit Jahrzehnten so», sagte Barack Obama. Er kritisierte die Plünderer, sprach aber aus, was eigentlich jedem Amerikaner bekannt ist: «Wenn unsere Gesellschaft das Problem wirklich lösen will, könnte sie das.» Das «Problem» sind Armut, Chancenlosigkeit, Polizeibrutalität. Und Teilnahmslosigkeit: Ein halbes Jahrhundert nach Martin Luther King und Lyndon Johnsons Bürgerrechtsgesetzen tritt das schwarze Amerika auf der Stelle, der erbärmliche Stillstand aber wird kollektiv verdrängt. Bis eben mal wieder Randale ist.

Freddie Gray hat von den Unruhen in Baltimore nichts mehr mitbekommen. Am 12. April wurde er von Polizisten in Baltimore festgenommen. Warum, ist unklar. Nach einem «Augenkontakt» mit einem Polizeileutnant sei er weggerannt, sagte die Polizei. Die Cops setzten nach, ein Video eines Passanten zeigt, wie sie den vor Schmerz schreienden Gray zu einem Transporter schleifen. Eine Woche später ist Gray tot, gestorben an einer schweren Rückenmarksverletzung.

Es heisst, Freddie sei ein «netter Kerl» gewesen

Die Staatsanwältin wirft den Polizisten, drei weissen und drei schwarzen, nun Mord zweiten Grades, Totschlag, unterlassene Hilfeleistung sowie Freiheitsberaubung vor. Ihr zufolge gab es keinen Grund, Freddie Gray festzunehmen. Ein Gangster war er nicht. Er war ein kleiner Fisch am Rande der Drogenszene in Baltimore, dieser Königin des Heroins in Amerika.

Es heisst, Freddie sei ein «netter Kerl» gewesen. Seine Gesundheit war nicht die beste. Vielleicht weil Freddie Gray wie viele Afroamerikaner in Baltimores Armenvierteln in einem Haus mit Bleifarbe aufwuchs. Oder weil er in der Sozialsiedlung Gilmor Homes wohnte.

Die Lebenserwartung von Afroamerikanern in solchen «Projects» liegt stets unter dem amerikanischen Durchschnitt. Die Polizei war nicht gern gesehen in den Gilmor Homes. Die Mutter des schwarzen Essayisten Ta-Nehisi Coates wuchs dort auf. «Jeder, den ich kannte, und der in dieser Welt lebte, begegnete der Polizei nicht mit Bewunderung und Respekt, sondern mit Angst und Vorsicht», schrieb Coates. Das gilt für alle amerikanischen Ghettos und Armenviertel, in Ferguson, in Chicago, in Detroit oder sonstwo. Auch in Baltimore trat die Polizei wie eine Besatzungsmacht auf. Sie war oft grundlos brutal und schmierte Unschuldige an. Weshalb die Stadt nach Klagen zwischen 2010 und 2014 insgesamt 11,5 Millionen Dollar Entschädigungen und Anwaltskosten zahlen musste.

Früher war die Stadt eine industrielle Maschine

Baltimore ist zu 64 Prozent schwarz, die Bürgermeisterin, der Polizeichef und der Stadtrat sind gleichfalls schwarz. Einen Unterschied machte es nicht. «Über 100 Menschen haben vor Gericht Entschädigungen wegen Polizeibrutalität und der Verletzung ihrer Bürgerrechte erstritten», berichtete die Zeitung «Baltimore Sun». Unter den Opfern befanden sich eine 26-jährige schwangere Buchhalterin, eine 50-jährige Frau, die Lotteriescheine verkaufte, ein 65-jähriger Diakon sowie eine 85-jährige Grossmutter. Alle waren schwarz, und fast alle waren arm. Wie eben viele in Baltimore.

Früher war die Stadt eine mächtige industrielle Maschine mit einem grossen Hafen und Eisenbahnen. 950’000 Menschen lebten 1950 in ihr. Jetzt sind es noch 621’000. Hundertausende gut bezahlte Jobs lösten sich in Luft auf und wurden teils durch schlecht bezahlte Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche ersetzt. Weisse und wohlhabendere Afroamerikaner setzten sich in die Vorstädte ab, zurück blieb schwarze Armut. Jetzt rappelt sich die Stadt langsam wieder auf als Touristenattraktion und Kongresszentrum: Am Hafen befindet sich ein riesiges Aquarium, Restaurants und Sportteams locken Besucher an.

Jeder Dritte ist offiziell arm

In den Gilmor Homes, wo Freddie Gray lebte, war davon jedoch nicht viel zu spüren. Dort hatte sich nicht allzu viel geändert seit den Rassenkrawallen nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968. Auch damals brannte Baltimore. Eine zur Aufklärung der Unruhen von 1968 eingesetzte Kommission hielt in ihrem Bericht fest, dass die «sozialen und wirtschaftlichen Zustände in den geplünderten Vierteln klare Benachteiligungen der ‹Negroes› im Vergleich mit Weissen zeigen». Lapidar vermerkte der Report, für die Krawalle seien «zwei Elemente verantwortlich: weisser Rassismus und die wirtschaftliche Unterdrückung der ‹Negroes›».

In Freddie Grays Viertel ist jeder Dritte offiziell arm. Die Arbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent. Verrottete Häuser stehen leer. Und die Schulen taugen nicht viel. Zuerst protestierten die Afroamerikaner Baltimores friedlich gegen den Tod Freddie Grays. Unter den Marschierenden waren Pastoren, Stadträte und die afroamerikanische Prominenz.

Die Bürgermeisterin war ein Shootingstar

Am vergangenen Montag wurden die Proteste gewalttätig. Es waren Schüler, die zuerst Scheiben einschlugen und Steine auf Polizisten warfen, kaum dass Freddie Gray am Montagmittag beerdigt worden war. In einem weissen Hemd lag er in einem weissen Sarg in der New-Shiloh-Baptistenkirche. Seine Familie plädierte für friedliche Proteste – ohne Erfolg.

Mittags kurz nach drei Uhr strömten die schwarzen Kids aus den Schulen, worauf der Zoff begann. Sie kamen beispielsweise aus der Frederick-Douglas-Schule. Sechs Jahrzehnte nach dem Ende der Rassentrennung in Baltimores Schulen sind 99 Prozent der Schüler dort schwarz. 83 Prozent stammen aus armen Haushalten. Die Coppin Academy ist eine weitere Schule, aus der die Kids kamen. Sie ist 100 Prozent schwarz, 77 Prozent der Schüler kommen aus armen Familien.

Um eine Explosion zu vermeiden, zögerte Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake zunächst mit einem energischen Polizeieinsatz. Es waren ja nur Kids, die da plünderten. Am späten Nachmittag aber übernahmen Erwachsene, die Randale eskalierte. Die Bürgermeisterin war ein Shootingstar der Demokratischen Partei, prädestiniert für höhere Weihen. Damit ist wahrscheinlich Schluss. Ihre Stadt, in der sie aufgewachsen ist und die sie zu neuer Blüte führen wollte, entglitt ihr. Ungeschickt wirkten sie und ihr Polizeichef. «Sie halten eine Pressekonferenz, aber sie sagen nichts, während die Leute wütender und wütender werden», klagte der Stadtrat Carl Stokes. Am Ende musste die Bürgermeisterin die Nationalgarde zu Hilfe rufen. Der Ausnahmezustand wurde verhängt mitsamt einer Ausgangssperre.

«Wo waren die Rufe nach Frieden?»

Anreisende Teilnehmer eines Kongresses zur Lebensmittelsicherheit wurden freilich beruhigt: «Uns ist versichert worden, dass unsere Gäste problemlos anreisen können», erklärte der Veranstalter. Die Medien filterten unterdessen die Schurken und Helden heraus: etwa die Mutter, die ihren Teenagersohn mit Schlägen von der Teilnahme an den Plünderungen abhalten wollte. Oder die Angehörigen von Freddie Gray, die flehentlich um Frieden baten.

Aber es gab auch andere Stimmen wie jene des 37-jährigen Afroamerikaners Pierre Thomas. «Wo waren die Rufe nach Frieden, als auf uns geschossen wurde? Wo ist der Friede, wenn wir geschlagen werden? Wo der Friede, wenn wir in einem Krankenwagen abtransportiert werden?», sagte er dem Radiosender NPR. Barack Obama hat recht: Amerika weiss sehr genau, wie Baltimore und Ferguson und anderen Orten amerikanischer Verzweiflung geholfen werden könnte. Es fehlt indes der Wille. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2015, 17:16 Uhr

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