Ausland

Blut, Urin, Kot sind Waffen in Guantánamo

Von Dietmar Ostermann. Aktualisiert am 19.05.2009

Lange Jahre stand Guantánamo als Synonym für den unmenschlichen Umgang der USA mit ihren politischen Gefangenen. Im Januar 2010 soll das Lager schliessen. Die Insassen bereiten sich auf ihren Auszug vor.

Ständiger Alarmzustand: Leibesvisitation im Camp 4, das als das Lager Guantanamo gilt, in dem die Häftlinge die meisten Freiräume haben.

Ständiger Alarmzustand: Leibesvisitation im Camp 4, das als das Lager Guantanamo gilt, in dem die Häftlinge die meisten Freiräume haben.
Bild: Keystone

Wer sich heute den Gefangenen von Guantánamo nähern will, unterliegt noch immer strengen Regeln. Zwar verkündet Cody Starken, ein junger Leutnant vom Pressestab, das neue Motto: «Guantánamo ist das transparenteste Gefängnis der Welt.» Gemeint ist die Häufigkeit, mit der man jetzt Journalisten empfängt. Schon die Frage aber, wo sich 14 der mutmasslichen Top-Verdächtigen befänden, die im Jahr 2006 aus den «schwarzen Knästen» der CIA hierher verlegt wurden, erntet eisiges Schweigen. Ihr Aufenthaltsort ist noch immer ein gut gehütetes Geheimnis.

Auch in «Camp Delta», jenem verstreuten Archipel mit mehreren Unterlagern, in dem die Gefangenen je nach Sicherheitseinstufung heute untergebracht sind, sind nur kurze Stippvisiten möglich. Jede Kommunikation mit Häftlingen ist verboten, Interviews sowieso. Auf Fotos dürfen keine Gesichter und Sicherheitsanlagen zu erkennen sein. Guantánamo ist noch immer ein Ort ausgeprägter Feindängste in ständigem Alarmzustand. Einer, wo Wachsoldaten in Sichtweite der Häftlinge statt Namensschildern vierstellige Nummern an ihren Uniformen tragen. Unbedenklich sind dagegen «Fotos der Exekutiv-Order von Präsident Obama».

Gemeint ist jenes Dekret, das Barack Obama im Januar zwei Tage nach seinem Einzug ins Weisse Haus unterzeichnet hat. Übersetzt in die Sprachen der Häftlinge hängt es in Guantánamo in den Zellentrakten aus. Der neue Präsident hat darin angeordnet, das weltweit umstrittene Lager binnen eines Jahres zu schliessen. Seither tickt die Uhr: Spätestens am 22. Januar 2010 müssen alle Gefangenen Kuba verlassen haben. «Die Häftlinge warten jetzt, was mit ihnen passiert», sagt Zaki, ein Jordanier, der die Lagerleitung in kulturellen und religiösen Fragen berät, «zumindest kennen sie nun ein Enddatum.»

Bezeugungen der Freude

In der Nacht vorigen November, in der Amerika Obamas Wahlsieg feierte, soll es auch im Gefangenenlager Guantánamo Bay zu spontanen Freudesbekundungen gekommen sein. «Obama, Obama», hätten Häftlinge skandiert, sagt eine Lagerlegende. Ob sie stimmt, vermag Petty Officer Wilson nicht zu sagen. «Ich hatte an diesem Abend keinen Dienst», zuckt der junge Wachmann mit den Schultern. Wilson, 20 Jahre alt, ein grosser Junge mit Milchgesicht und Gel im kurzen Haar, ist seit 15 Monaten in Guantánamo. Eigentlich wollte er zur Eliteeinheit der Navy Seals. Dort aber rasselte er vor zwei Jahren durch die brutalen Aufnahmetests. Im Juli will er es erneut versuchen. Nach Guantánamo hatte sich Wilson freiwillig gemeldet. Der Job härtet ab.

Der schlechte Ruf des Lagers stört den Marinesoldaten nicht: «Ich verliere darüber keinen Schlaf, solange wir das Richtige tun.» Er bewacht Leute, die sein Land für gefährliche Feinde hält. Für Wilson ist das schon alles, was wichtig ist. Wie es weitergeht mit Guantánamo? «Das entscheiden Leute mit einer höheren Gehaltsstufe.» Auch für den Umgang mit Gefangenen hat er sich einen mentalen Panzer zugelegt: «Ich lasse sie nicht in mein Leben, sie mich nicht in ihres.»

Kurze Euphorie

Rings um die Präsidentschaftswahl im Herbst aber hatte der Wachmann doch eine gewisse Unruhe in den Zellen bemerkt. «Sie schienen nervös», sagt er über die Häftlinge, «sie hatten von ihren Anwälten gehört, was die Kandidaten zu Guantánamo gesagt hatten.» Wie Obama hatte zwar auch der Republikaner John McCain angekündigt, das umstrittene Gefangenenlager zu schliessen. Doch Obama hatte es lauter gesagt. Und vielleicht klang das Versprechen in den Ohren muslimischer Häftlinge bei einem Kandidaten mit dem Namen Barack Hussein Obama glaubwürdiger. «Als Obama gewählt wurde, haben die Gefangenen gesagt: Hast du gehört, sie machen hier jetzt bald dicht», erzählt Wilson, «sie wollten, dass Obama gewinnt.» Die Euphorie dauerte nicht lange. «Schon nach einer Woche», erinnert sich der Soldat, «war wieder alles normal.»

«Normal» meint in Guantánamo einen nervösen Zustand der Anspannung zwischen Waffenstillstand und Krieg. Auch nach mehr als sieben Jahren widersetzt sich ein erheblicher Teil der Häftlinge noch immer allen Lagerregeln, kämpfen viele weiter, als verliefe die Front jetzt hier und nicht Tausende Kilometer entfernt. Wie in allen Gefängnissen geht es wohl auch um Macht, Kontrolle und darum, wessen Würde mehr in den Staub getreten wird. Ausgetragen wird dieser Kampf auf der einen Seite mit Hilfe eines Systems, das Haftbedingungen individuell justiert: Je mehr ein Gefangener den Regeln folgt, desto grössere Freiheiten geniesst er – und umgekehrt.

Kein Lachen

In Camp 4, wo die gefügigsten Häftlinge untergebracht sind, gibt es Fussbälle, Fernseher und fast unbegrenzten Freigang in einem staubigen Innenhof hinter Stacheldraht und grünen Planen. Gefangene schlafen und essen gemeinsam. Nach der Harry-Potter-Phase sind jetzt Religionsbücher aus der Lagerbibliothek besonders gefragt. An einem heissen Nachmittag kicken auf dem Schotterplatz zwei Mannschaften gegeneinander. Es geht barfuss zur Sache und wird laut. Nur eines hört man nie: ein Lachen. Jogger mit langen Bärten und weissen Umhängen drehen derweil in der trägen Brise gemächlich ihre Runden.

Ein Stück weiter in Camp 5 hingegen, dem Lager mit der höchsten Sicherheitsstufe, werden die Fussfesseln selten abgenommen. Hier haben die Zellen dicke Stahltüren und draussen in den zimmergrossen Freigangskäfigen ist jede Schraube verplombt, damit sie nicht zur Waffe wird. «Die Gefangenen hier haben gezeigt, dass sie sich nicht an die Regeln halten», erklärt grimmig der Wachhabende, ein schwarzer Hüne.

Rasende Wut

Wie schnell sich die Lage aufheizen kann, zeigt sich, als Pressefotografen vom Hof aus durch die schmalen Fenster Gefangene in ihren Zellen fotografieren wollen. «Stoppt das, stoppt das», ruft durchs dicke Glas gedämpft wütend ein Häftling, dann hebt ein lauter Proteststurm an. Viele Gefangene wollen nicht fotografiert werden – ein Recht, das ihnen zusteht. Im Obergeschoss aber, zweites Fenster von links, hält ein Häftling drei Fotos hoch. Darauf sind Kinder zu sehen, die Köpfe der Mädchen sind überklebt. Der Mann schlägt sich mit der Faust in die Hand, dann streicht er mit der rechten Hand über die Pulsader der Linken.

Die Waffen der anderen Seite im Kampf zwischen Wärtern und Bewachten sind oft genug Blut , Sperma, Urin und Kot . Vor ein paar Tagen hat sich ein Häftling aus Jemen bei einem Treffen mit seinem aus Washington angereisten Anwalt heimlich unter dem Tisch das Handgelenk aufgeschlitzt, offenbar mit einem vom Holztisch abgebrochenen Splitter. Das aufgefangene Blut schüttete er seinem Verteidiger ins Gesicht. Für Lagersprecher Brook DeWalt ist der Vorfall keine grosse Sache. «Der Arm musste nicht mal genäht werden», zuckt der Presseoffizier mit den Achseln.

Hungerstreiks nonstop

Man ist hier einiges gewohnt. Im Lazarett zeigt ein Arzt Schläuche, mit denen Gefangene zwangsernährt werden. Hungerstreiks gibt es in Guantánamo seit Jahren nonstop. Das gilt auch für jene fliegenden «Cocktails», von denen Petty Officer Wilson, der junge Wachmann, erzählt: «Sie werfen mit Kot , sie sprayen Urin aus Wasserflaschen, sie versuchen, sich selbst zu verletzen. Sie sammeln eine Woche lang Exkremente und schmieren sie überall hin, an ihre Körper, die Wände, die Betten – sie wissen, dass wir es sauber machen müssen.» Über Jahre konnte den Zermürbungskampf nur eine Seite verlieren.

Nun aber hat der neue Präsident mit seinem Erlass den Status quo verändert. Zwar steht ein umfassender Plan noch aus, was mit den 240 verbliebenen Häftlingen geschehen soll. Doch seit sie in der Kommandantur das Foto Obamas über dem Schriftzug «Commander in Chief» montiert haben, ist Guantánamo ein Lager auf Abruf. Das hat vorerst die Spannungen sogar verschärft: «Ich habe von Kollegen gehört, dass es ein verstärktes oppositionelles Verhalten gibt», erzählt ein Militärpsychiater, «Flüssigkeitsattacken nehmen zu. Sie sagen: Hey, wir haben nichts zu verlieren. Wir sind sowieso bald weg.» Gefangene wiederum haben sich über ihre Anwälte beschwert, das Wachpersonal sei seit dem Machtwechsel ruppiger geworden.

Neuer Präsident, neue Anordnung

«Das ist nicht wahr», sagt Konteradmiral David Thomas, «es gibt hier nichts, auf das ich nicht stolz wäre, es meiner Mutter oder meinen Kindern zu zeigen.» Thomas ist seit einem Jahr Lagerkommandant in Guantánamo. Wenn er nach der Zukunft der Camps gefragt wird, zuckt freilich auch er nur mit den Schultern. Nicht seine Sache. Diese Dinge überlässt der vorsichtige Offizier höheren Mächten in Washington, auch wenn für einen Moment so etwas wie ein Lächeln seinen Mund zu umspielen scheint, als er von den «grossen, wichtigen politischen Debatten» in der fernen Hauptstadt spricht. Dann geht der Blick wieder straff geradeaus.

Dass jetzt ein neuer Präsident im Weissen Haus sitzt, beteuert der energische Glatzkopf, mache für ihn keinen Unterschied. «Die Anordnung, das Lager zu schliessen, ist neu», sagt Thomas. Sein Job aber bleibe der gleiche: «Meine Aufgabe ist es, eine sichere, humane Haft der Gefangenen zu gewährleisten. Und zwar so lange, bis der letzte Häftling diese Insel verlässt.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.05.2009, 16:17 Uhr

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