Ausland
Blutige Kämpfe mit Macheten um die Plätze in Zelten der Hilfswerke
Artikel zum Thema
- «Das käme einem weiteren Trauma gleich»
- Das Erdbeben löst selbst beim Erzfeind Solidarität aus
- Panoramafahrt durch die Katastrophe
- Cholera forderte in Haiti schon 7000 Tote
- Studie: UNO-Soldaten haben die Cholera eingeschleppt
- US-Bericht spricht von fünfmal weniger Opfern beim Erdbeben in Haiti
Stichworte
Die grossen Zelte auf dem staubigen Fussballplatz nördlich von Port-au-Prince sind für die Überlebenden der Erdbebenkatastrophe zur rettenden Oase geworden. Dort lebt es sich jedenfalls besser als in den provisorischen Schlafstätten unter aufgespannten Bettlaken oder Pappkartons. Doch wer einen der knappen Zeltplätze ergattert, hat viele Neider. Dass es schon zu blutigen Kämpfen mit Macheten kam, ist nur ein weiterer Beleg für die Verzweiflung der hunderttausenden Obdachlosen in Haiti.
Fenela Jacobs lebt mit 20 Angehörigen dicht gedrängt in einem vier mal vier Meter grossen Zelt, das ihr von der britisch-muslimischen Hilfsorganisation Islamic Relief Worldwide zur Verfügung gestellt wurde. Eigentlich wurden der Grossfamilie zwei Zelte zugeteilt, aber auf eines haben sie kurze Zeit später verzichtet. Sie erhielten nämlich Drohungen, dass ihre Zelte niedergebrannt würden, wenn sie nicht eines «freiwillig» aufgäben.
Bis zu eine Million Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen dringend auf eine Notunterkunft angewiesen. 10'000 Familienzelte sind bereits angeliefert worden, 30'000 sind unterwegs. Allein schon das Aufstellen bereitet jedoch grosse Schwierigkeiten, weil dafür das von Trümmern übersäte Gelände erst noch platt gewalzt werden muss. Hilfsorganisationen zufolge werden mindestens 100'000 Familienzelte benötigt, der haitianische Präsident René Préval hat die internationale Gemeinschaft um 200'000 gebeten. Aus Solidarität mit seinen notleidenden Landsleuten will er selbst in ein Zelt auf dem Gelände seines zerstörten Nationalpalastes ziehen.
Furcht vor der bevorstehenden Regenzeit
Brasilianische Soldaten der internationalen Friedenstruppe auf Haiti haben inzwischen im Norden von Port-au-Prince ein fünf Hektar grosses Gelände von Trümmern geräumt. Auf dieser Fläche von etwa 200 Mal 250 Metern soll eine grössere Zeltstadt entstehen. Etwa sechs weitere solcher Plätze sind in der Planung. Die Interamerikanische Entwicklungsbank will dafür sorgen, dass eine Fläche von insgesamt 100 Hektar für die Unterbringung von letztlich 100'000 Menschen in Zeltstädten vorbereitet wird.
Wichtig ist es, das Unterkunftsproblem bis zum Frühjahr einigermassen gelöst zu haben. Denn dann beginnt die Regenzeit und im Sommer die Saison der Hurrikane. 2008 wurde Haiti von den Wirbelstürmen «Hanna» und «Ike» schwer verwüstet, hunderte Menschen kamen ums Leben. Nach dem verheerenden Erdbeben droht also schon neues Unheil.
Islamic Relief Worldwide hat schon 1000 Zelte angeliefert, die grösstenteils noch gar nicht ausgepackt werden konnten. Wer eines ergattert hat wie Fenela Jacobs, ist begeistert. «Sie sind viel bequemer als die anderen Notbehausungen», sagt die 39-Jährige. Immerhin sind die Zelte zwei Meter hoch, man kann also aufrecht stehen. Allerdings wird es darin auch sehr heiss, wie Jacobs kritisch anmerkt.
Bilder von Bob Marley
Die Zelte in Cazo, einem nördlichen Vorort von Port-au-Prince, tragen die Aufschrift «Qatar Aid», weil sie vom Emirat Katar gestiftet wurden. Einige Überlebende haben ihren neuen Behausungen aber schon eine persönliche Note gegeben. Sie haben die Flagge von Haiti angebracht oder Bilder der jamaikanischen Reggae-Lebende Bob Marley.
Sorge bereitet nach wie vor die Sicherheit, wie der Helfer Moustafa Osman aus Birmingham in England betont. Er hat bereits Zeltbewohner mit Uniformen seiner Organisation ausgestattet und als Ordner eingesetzt. Denn wenn nicht schnell weitere Zelte aufgestellt werden, so befürchtet Osman, dann könnte die explosive Stimmung schnell in Gewalt umschlagen. (sam/ddp)
Erstellt: 26.01.2010, 14:59 Uhr







Die Welt in Bildern


















