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Buenos días, Nueva Orleans

Von Martin Kilian, New Orleans. Aktualisiert am 23.10.2009

Vier Jahre nach dem Hurrikan Katrina rappelt sich die geschundene Stadt wieder auf. Doch vieles ist völlig anders.

Frisch gestrichen: Hinter der restaurierten Fassade der Stadt liegt allerdings vieles im Argen.

Frisch gestrichen: Hinter der restaurierten Fassade der Stadt liegt allerdings vieles im Argen.
Bild: Keystone

Die Stadt feiert. Weil ihr Football-Team, die Saints, einen grossen Sieg eingefahren hat. Und auf der Bühne des Spotted Cat, einer kleinen Bar im Faubourg Marigny, legt eine Jazzcombo los. Die Treme Brass Band feiert den Football-Erfolg mit Posaunen und Trompeten, wie es sich in New Orleans gehört. Vier Jahre und anderthalb Monate nach Katrina kommt die Stadt langsam und ächzend wieder auf die Beine.

Nicht dass sie allzu viel Grund zum Feiern hätte, aber New Orleans nährt sich aus einem Lebensgefühl, das ohne Überschwang nicht existieren kann. Obschon die Dinge längst nicht im Lot sind. 65'000 Häuser sind verschwunden oder weiterhin unbewohnbar. Lediglich ein Drittel der geplanten Deiche und Dämme steht. Und die Mietkosten sind ein Drittel höher als vor dem Hurrikan. Vergangene Woche war der Präsident auf Besuch in New Orleans. Nur kurz indes: Er schwebte ein und flog nach sechs Stunden wieder davon. Barack Obama hätte sich nicht nach New Orleans zu bemühen brauchen, wenn er lediglich einen Zwischenstopp einlege, maulte Lawrence Powell, ein Historiker an der örtlichen Tulane-Universität, stellvertretend für viele andere.

Ein neuer Bürgermeister

Aber natürlich freuten sie sich, als der Präsident eintraf. Schliesslich hat ihn New Orleans nach der Bush-Pleite regelrecht herbeigesehnt. Trotzdem: Nach ihrem Absaufen rappelt sich die Stadt nur mühsam wieder hoch. «Von der Regierung Bush habe ich das erwartet, nicht aber von Ihnen», rüffelte der Student Gabriel Bordenave bei einem Bürgertreffen den Präsidenten wegen des schleppenden Beistands aus der Hauptstadt. Selbst Kritiker bescheinigen Obama jedoch, dass die Gelder aus Washington schneller fliessen und man dort energischer auf die Bedürfnisse der gebeutelten Stadt reagiert.

Ausserdem tritt im nächsten Jahr Ray Nagin ab, der viel gescholtene Bürgermeister, den die überwältigende Mehrheit der Stadtbewohner am liebsten schon gestern auf den Mond geschossen hätte. Nagin herrschte im Rathaus, als Katrina die Stadt überrollte. Und seither gelang ihm nicht allzu viel. «Es ist etwas an ihm, was die Leute verrückt macht», kommentiert Tom Morgan, ein renommierter Chronist der Musik von New Orleans und Autor mehrerer Bücher über die Stadt und ihre Musiker, die Reaktion des Volkes auf Nagin.

Anfang 2010 wird ein neuer Bürgermeister gewählt, und wenn es nach James Perry geht, heisst der neue Herr im Rathaus – James Perry. Der Kandidat entschuldigt sich telefonisch für die Verspätung, kündigt an, in einer Viertelstunde im vereinbarten Café an der Esplanade einzutreffen, betritt den Raum indes erst eine Dreiviertelstunde später, ein gehetzter und doch angenehmer Mensch. Drei Kandidaten sind im Rennen; er ist der junge Aussenseiter, unbefleckt von der gängigen Korruption, welche die Stadt seit jeher in einen viel bestaunten Morast verwandelt hat. «Diese Korruption hat nichts mit Personen zu tun; sie ist einfach im System drin», sagt Perry. Und preist sich als Vertreter einer neuen und unverbrauchten Generation an.

Neue alte «Mörderhauptstadt»

New Orleans hungere «nach einer neuen Führung», sagt Perry. Die Wirtschaft stehe auf tönernen Füssen, da sie zu sehr vom Tourismus abhänge. Er möchte den Hafen entwickeln, damit dort mehr Jobs entstehen. Er will Hightech anlocken. Und vor allem will James Perry der grassierenden Kriminalität beikommen, die New Orleans bereits wieder den Ruf der amerikanischen «Mörderhauptstadt» eingetragen hat. Im August ereignete sich vor Perrys Wahlkampfhauptquartier ein wildes Feuergefecht zwischen zwei Banden. Das habe einmal mehr bewiesen, sagt Perry, «dass wir als Stadt nicht weiterkommen, wenn wir nicht die öffentliche Sicherheit verbessern».

Dazu aber bedürfte es unter anderem eines Ausmistens bei der Polizei, wo derzeit mal wieder das FBI herumstochert – wegen Korruption und Mord und überhaupt wegen allem, was die Polizei von New Orleans seit langem schon in Verruf gebracht hat. Aber so funktioniert es eben im «Big Easy», wie die Bewohner ihre exzentrische Stadt liebevoll nennen: Leben und leben lassen, auch wäscht eine Hand stets die andere, ohne dass die Hände davon sauberer würden. Im Gegenteil.

Vorwärts, aber schleppend

Aber immerhin geht es voran, wenn auch nur schleppend: zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Im Lower Ninth, dem von Katrina am gründlichsten zerstörten Stadtteil, werden neue Häuser gebaut – teilweise auf Stelzen, um der nächsten Überflutung zu entgehen. Und kürzlich weihte man dort das 100. Haus im Musikerdorf ein, wo junge und alte Künstler dank grossherziger Spenden die Gelegenheit erhielten, subventionierte Immobilien zu kaufen. Deprimierend aber ist die Rundfahrt durch den Bezirk trotzdem, denn die Neubauten sind Oasen inmitten einer trostlosen Landschaft einst bebauter und jetzt leerer Grundstücke sowie zerfallender und von Pflanzen überwucherter Häuser.

Nicht nur im Lower Ninth suggeriert der erbärmliche Zustand von Strassen wie Gehsteigen, dass New Orleans von der Ersten in die Dritte Welt gerutscht ist; die bereits zuvor erbärmliche Infrastruktur der Stadt erlitt weitere Schäden, nachdem sie über Tage und Wochen in Katrinas Schmutzwasser gestanden hatte. Dennoch zieht die Stadt wieder Menschen an; die Bevölkerung ist 2008 um mehr als acht Prozent auf über 300'000 gewachsen – womit sie aber immer noch weit entfernt ist von der nahezu halben Million Einwohner, die New Orleans vor Katrina bevölkerten.

Ein neuer Magnet für Latinos

Besonders ärmere Afroamerikaner leben weiterhin in der Diaspora, Latinos hingegen haben New Orleans entdeckt. «Viele kamen, um bei den Aufräumarbeiten Geld zu verdienen, und nicht wenige blieben hier», sagt Lucas Diaz, der Direktor von Puentes, einer Lobby, welche die Interessen von Latinos in New Orleans vertritt. Niemand, so Diaz, wisse genau, wie viele Latinos zwischenzeitlich in der Stadt lebten; unbekannt sei überdies, wie hoch der Prozentsatz der Illegalen sei. Diaz schätzt, dass fast die Hälfte der Mexikaner und Honduraner in New Orleans keine gültigen Papiere besitzen.

Aber schon drückt die wachsende hispanische Gemeinschaft der Stadt ihren Stempel auf: Taqueria-Buden künden ebenso von ihr wie die kürzlich von Aeromexico eingerichteten Direktflüge von New Orleans nach Mexico City mit Anschluss nach San Pedro Sula in Honduras. Das Leben der Latino-Tagelöhner ist hart: Der amerikanische Boss prellt sie um den Lohn, schwarze Gangster betrachten sie als fleischgewordene Bankomaten und rauben sie aus. Immerhin, sagt Lucas Diaz, habe die Polizei unlängst angekündigt, bei Straftaten «nicht mehr den Einwanderungsstatus des Überfallenen» feststellen zu wollen.

Tom Morgan, der Musikhistoriker, reibt sich jedenfalls die Hände beim Blick auf die wachsende Zahl seiner hispanischen Mitbewohner: Wie ein Schwamm hat New Orleans die musikalischen Traditionen anderer Kulturen aufgesogen und sie zu einer beeindruckenden Melange verarbeitet. Nun also Latinos! Morgan ist zuversichtlich, dass New Orleans gedeihen wird. Schliesslich sind die Musiker wieder zurück, die Bars wieder geöffnet, die Traditionen der Stadt lebendig wie eh und je. Nur am Allereinfachsten mangelt es: Lebensmittel muss Tom Morgan in den Vorstädten einkaufen, da der Supermarkt in seinem Viertel Katrina nicht überlebt hat. Irgendwo anders zu leben aber fiele Morgan nicht im Traum ein. Den allermeisten seiner Mitbürger ebenfalls nicht. Trotz allem.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2009, 04:00 Uhr

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