Ausland

Das Weisse Haus und die manipulierten Daten

Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 08.12.2013

Die Regierung Obama soll Informationen über den Giftgas-Einsatz in Syrien im August manipuliert haben. Dies behauptete der Enthüllungsreporter Seymour Hersh.

Der Giftgas-Einsatz bei Damaskus sorgte weltweit für Empörung: Waffeninspekteure während ihres Einsatzes in Syrien.

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Bild: Reuters

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UNO-Mission gegen Chemiewaffenarsenal in Syrien

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Der amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour Hersh beschuldigt die Regierung Obama, geheimdienstliche Informationen über den Giftgasangriff auf syrische Zivilisten im August in einem Vorort von Damaskus manipuliert zu haben. In einem am Sonntag freigegebenen Artikel in der «London Review of Books» schreibt Hersh unter Berufung auf geheimdienstnahe Quellen und geheimdienstliche Dokumente, Obama habe ausserdem verschwiegen, «dass die syrische Armee nicht die einzige Partei im syrischen Bürgerkrieg mit Zugang zu dem Nervengas Sarin ist». Hersh zu Folge ist die mit al-Qaida verbündete Al-Nusrat-Front ebenfalls in der Lage, Giftgas herzustellen. Amerikanische Nachrichtendienste hätten dies bereits in den Monaten vor der Attacke am 21. August berichtet.

«Als sich der Angriff ereignete, hätte Al Nusra ebenfalls verdächtigt werden müssen, aber die Obama-Administration wertete geheimdienstliche Informationen selektiv aus, um einen Schlag gegen Assad zu rechtfertigen», schreibt Hersh. In ersten Stellungnahmen dementierte die Regierung Obama Hershs Anschuldigungen: Nachrichtendienstliche Erkenntnisse über den Giftgas-Einsatz hätten klar ergeben, «dass nur das Assad-Regime dafür verantwortlich sein konnte», sagte Shawn Turner vom Büro des nachrichtendienstlichen Direktors James Clapper. Turner wies zudem Hershs Vorwurf zurück, das Weisse Haus habe Informationen hinsichtlich der Al-Nusra-Front unterdrückt.

Informationen erst nachträglich gesammelt

Laut Hersh besass die Regierung Obama trotz anderweitiger Behauptungen keinerlei Hinweise auf einen bevorstehenden Einsatz von Giftgas in den Tagen vor dem Angriff. Präsident Obama hatte dies jedoch in einer Rede am 10. September angegeben und damit den Weg für einen militärischen Einsatz gegen das Assad-Regime geebnet. Hersh beschuldigt nun das Weisse Haus, lediglich nachträglich Informationen gesammelt und manipuliert zu haben. Er zitiert einen ehemaligen hohen Geheimdienstmitarbeiter, der diese Manipulation mit den Lügen der Johnson-Administration über eine nordvietnamesische Militäraktion 1964 im Golf von Tonkin vergleicht. Die Regierung Johnson hatte über den Vorfall gelogen, um den Vietnamkrieg zu eskalieren.

Hätte das Assad-Regime wie von Obama und Aussenminister John Kerry behauptet in den Tagen vor dem Gasangriff am 21. August Vorbereitungen getroffen, wäre dies von geheimen US-Sensoren in Syrien gemeldet worden, schreibt Hersh. US-Dienste verfügten über hochempfindliche Sensoren innerhalb Syriens, die von Satelliten des ultrageheimen «National Reconaissance Office» gesteuert würden. Diese Sensoren seien in der Nähe aller syrischen Giftgas-Depots installiert worden, hätten jedoch keinen Alarm vor der Attacke ausgelöst. Andererseits habe die CIA die Obama-Administration bereits im Mai unterrichtet, dass sowohl die Al-Nusra-Front als auch eine zweite radikalislamistische Gruppe, al-Qaida in Irak, das technische Knowhow zur Produktion von Gitgas besitze.

Improvisierte Raketen

Am 20. Juni, so Hersh weiter, habe der stellvertretende Leiter des Pentagon-Geheimdienstes DIA, David Sheed, ein vierseitiges Dokument erhalten, wonach Al Nusra in der Lage sei, Sarin herzustellen. Auch die beim Gaseinsatz am 21. August eingesetzten Raketen seien «improvisiert» gewesen und hätten in einer «bescheidenen Werkstatt» hergestellt werden können, schreibt Hersh unter Berufung auf den Waffenexperten Theodore Postol vom renommierten «Massachusetts Institute of Technology». Ihre Reichweite habe lediglich zwei Kilometer betragen.

Wider besseres Wissen, so Hersh, habe die Regierung Obama «in privaten wie in öffentlichen Briefings» nach dem Einsatz des Giftgases in Syrien behauptet, nur das Assad-Regime habe Zugang zu Sarin. Der Präsident, so Hershs Schlussfolgerung, habe der Nation falsche Informationen präsentiert, um in Syrien eingreifen zu können. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2013, 19:11 Uhr

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