Ausland
Der Golf erstickt
Von Martin Kilian, Morgan City. Aktualisiert am 05.06.2010
BP saugt Teil des austretenden Öls ab
Nach einer Serie von Rückschlägen ist BP beim Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko vorangekommen. Dem britischen Konzern gelang es, eine Absaugglocke über dem leckgeschlagenen Bohrloch zu platzieren und damit am Freitag einen Teil des Öls aufzufangen. Die US-Küstenwache sprach von einer positiven Entwicklung, aber auch von einer nur notdürftigen Reparatur. Täglich würden auf diese Art 1000 Barrel Öl abgesaugt – ein Bruchteil der bis zu 19'000 Barrel, die nach Regierungsschätzungen täglich ins Meer strömen.
Der Fortschritt von BP im Golf von Mexiko weckte bei der aufgebrachten Öffentlichkeit Hoffnungen, dass der Konzern die Ölpest endlich unter Kontrolle bringen könnte. Ein BP-Manager nannte als Ziel, 90 Prozent des auslaufenden Öls abzusaugen. Um die Ergebnisse zu verbessern, müsse die nächsten Tage noch hart gearbeitet werden. Laut BP kann ein vollständig abgedichteter Öl-Absaugtrichter bis Ende des Monats eingebaut werden. Der Konzern setzt aber mittelfristig vor allem auf Entlastungsbohrungen, die den Ausstrom ganz stoppen sollen. Dies wird nach Schätzungen von BP aber nicht vor Mitte August möglich sein.
US-Präsident Barack Obama sagte derweil eine Reise nach Australien und Indonesien ab, um die Katastrophenregion zu besuchen. Fernsehbilder von immer mehr ölverschmierten Vögeln schürten unterdessen den Zorn der US-Bevölkerung und setzen Präsident Obama immer stärker unter Handlungsdruck. (Reuters)
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Dort wo der Highway 56 aufhört und sich in Schlamm verwandelt, ehe die Marschgebiete des Golfs von Mexiko beginnen, liegt die Ortschaft Cocodrie, bewohnt von Cajuns, wie die Louisianans französischer Abstammung genannt werden. Einst lebten hier Krokodile. Man rottete sie aus. Neuerdings sind rings um Cocodrie wieder Tiere in Gefahr, Opfer des grössten Öl-Desasters der amerikanischen Geschichte.
«Schande über dich, BP!»
Cocodrie ist zu einem der Aufmarschgebiete der Soldaten geworden, die gegen die Katastrophe ins Feld ziehen, Fischer zumeist, die sich beim Ölriesen BP verdingt haben, um beim Saubermachen zu helfen und so ihre Verdienstausfälle auszugleichen. Denn mit dem Fischen ist es in dieser mit Krebsen, Crevetten, Fischen und Austern gesegneten Region bis auf weiteres vorbei.
Am Strassenrand zeigt ein Schild den Schuldigen: «Schande über dich, BP! Schau, was du angerichtet hast!» In Chauvin hat der Ölkonzern ein Büro für die Schadensersatzforderungen von Fischern und Charter-Kapitänen eingerichtet; die Stimmung ist gereizt, reden aber will keiner. Denn BP bezahlt sie, mehr schlecht als recht, aber immerhin winkt Arbeit beim Saubermachen. Aber es drohen gesundheitliche Schäden. Dutzende Fischer von der Küste Louisianas sind erkrankt. BP-Boss Tony Hayward vermutete «Lebensmittelvergiftung» als Ursache, was einmal mehr Entgeisterung auslöste. Das Öl mache krank, klar doch, sagen die Fischer.
Kein Tunfisch mehr
Und während die Quelle auf dem Meeresgrund weiter sprudelt, BP versucht, den Fluss zu bremsen, und Präsident Obama gestern schon wieder in die Region reiste, sorgt sich Jesse Gibson um seine Zukunft. In Dulac betreibt der Vater einen Crevetten-Grosshandel, eine kleine Halle nur mit metallenen Arbeitstischen, auf denen wenige Arbeiter die frischen Schalentiere sortieren. «Wir versuchen, noch möglichst viele Shrimps zu holen; im nächsten Monat droht uns das Ende», sagt Jesse, der den Betrieb vom Vater erben soll.
Aber der Vater ist in der Staatshauptstadt Baton Rouge und verhandelt dort mit BP über seine Zukunft und die seines Sohns. Noch fischen zwölf Boote Crevetten für die «Tideland Seafood Company» der Gibsons in Dulac; die Tunfischboote haben bereits aufgegeben. «Keiner von denen läuft mehr aus», sagt Jesse. Und dann beschreibt er die Haltung von BP: «Die sagen, wir sollten einfach Shrimp aus Vietnam importieren, aber wir kämpfen ja seit Jahren gegen die Importe aus Vietnam!»
Die besten Gehirne für das Problem
Fast vier Zehntel des Golfs sind bereits für die Fischerei gesperrt. Die Sperrzone wird wachsen, indes die Zukunftschancen der Tideland Seafood Company und ihres Erben Jesse Gibson abnehmen. Wenngleich in Baton Rouge allerhand unternommen wird, um das Desaster unter Kontrolle zu bringen. Hastig wurde an der Louisiana State University (LSU) ein Symposium einberufen, um Massnahmen zu ergreifen und den Golf zu retten.
Im Auditorium befinden sich Meeresbiologen, Ozeanografen, Toxikologen und Umweltwissenschaftler. Und auf der Bühne sitzen die Vertreter der Regierung Obama: Jane Lubchenko, Direktorin der National Oceanic and Atmospheric Administration, sowie Marcia McNutt, die Chefin des geologischen Dienstes. Es pressiert, denn der Golf beginnt am Öl zu ersticken. «Wundervoll, dass so viele gekommen sind», ruft Lubchenko, und «wundervoll», dass so viele aus der Region seien. «Der Präsident hat klar gesagt, dass er die besten Leute und die besten Gehirne für dieses Problem braucht», sagt Lubchenko.
Verschwörung befürchtet
Die besten Gehirne freilich sind skeptisch, was die Regierung anbelangt. Washington sei BP zu lange gefolgt, wird moniert. Die Öffentlichkeit fürchte, «es existiere eine Verschwörung, um Daten zu verbergen», sagt einer der Wissenschaftler in die Runde, worauf Lubchenko erwidert, «niemand» verstecke Daten. Vielmehr handle es sich um ein Datenmanagementproblem. Immerhin räumt Obamas Chef-Geologin Marcia McNutt ein, die Öffentlichkeit sei beunruhigt, weil «die exakte Menge» des auslaufenden Öls nicht bekannt sei.
Tatsächlich ist Washington den niedrigsten Zahlen verfallen; die wahre Menge des auslaufenden Öls dürfte weit darüber liegen. Die Stimmung im Auditorium könnte besser sein: Es fehlt an einer zentralen Datenbank, es fehlt an wissenschaftlichen Vorgaben für das einheitliche Sammeln von Wasserproben. Zudem fehlt es an Zuversicht, die Katastrophe in den Griff bekommen zu können. Es sei «absolut unverständlich, dass massive Ölmengen nicht von der Oberfläche abgesaugt werden», klagt Ed Overton, ein emeritierter LSU-Meeresbiologe. Neulich sei er in den verseuchten Marschgebieten gewesen, niemand aber habe sich dort befunden, «kein Mensch, kein Schiff», sagt Overton. Ein Skandal sei das, müsste doch «jedes Schiff auf der Welt», das sich zum Absaugen von Öl eigne, eingesetzt werden!
Der Pakt mit der Ölindustrie
Andererseits beleuchtet schon der Ort des Symposiums das Grundproblem: Das Auditorium wurde von einem LSU-Ehemaligen namens Lod Cook gestiftet; einst war er Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Arco. In der Eingangshalle grüsst ein Gemälde, auf dem Cook umgeben vom LSU-Wahrzeichen und einer Bohrinsel porträtiert wird. Louisiana ist eben einen höllischen Deal eingegangen: Zwei Milliarden Dollar bringt pro Jahr die Fischerei, 30 Milliarden bringt das Öl, wobei die Petroleumprofite grösstenteils abfliessen, hinaus aus dem Staat in die Taschen der Ölkonzerne und ihrer Aktionäre.
Die meisten Louisianans stört es nicht; die Ölindustrie bringt Jobs, die Bohrinseln sind ein Wahrzeichen des Staats. Weshalb in Morgan City, eine Autostunde von Baton Rouge entfernt und nahe der Küste, ein Denkmal in Form einer Bohrinsel steht, davor eine historische Plakette zu Ehren der ersten Bohrinsel 1947. Das jährliche «Shrimp and Petroleum Festival» in Morgan City symbolisiere «die einzigartige Verbindung dieser zwei doch anscheinend verschiedenen Industrien», verkünden die Veranstalter des Festivals. «Hand in Hand» arbeiteten Fischerei und Ölförderung «kulturell und beim Schutz der Umwelt zusammen», jauchzen sie. Der junge Jesse Gibson unten in Dulac kann darüber nur lachen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.06.2010, 22:06 Uhr
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