Die 10 Fallgruben für Hillary Clinton

Die US-Medien sind besessen von Donald Trump. Als Favoritin bei der US-Präsidentenwahl gilt dennoch Hillary Clinton. Eine brandgefährliche Ausgangslage.

Ist für sich selbst die grösste Gefahr: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in Kentucky. (16. Mai 2016)

Ist für sich selbst die grösste Gefahr: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in Kentucky. (16. Mai 2016) Bild: Aaron P. Bernstein/Keystone

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In Washington hat man bisher angenommen, dass Hillary Clinton die Präsidentschaftswahl im November nicht zu nehmen ist – trotz des Phänomens Donald Trump. Trump, der in der Nacht auf Mittwoch auch die Primary im US-Bundesstaat Washington für sich entschieden hat, schien sich zu viele Ausfälligkeiten geleistet zu haben gegenüber Frauen, Latinos, Afro-Amerikanern und vielen anderen mehr.

Bahn frei für Hillary also? Kaum, denn die knapp sechs Monate bis zum Wahltag sind in der Politik eine halbe Ewigkeit, da kann viel passieren, und es drohen Fallgruben. In einer neuen nationalen Umfrage liegt Trump denn auch erstmals vor Clinton. Obwohl eine landesweite Erhebung beschränkte Aussagekraft hat, da ja in jedem US-Bundesstaat einzeln gewählt wird, zeigt sie doch einen für Clinton alarmierenden Trend. Zumal ihr weiterhin Bernie Sanders das Leben schwermacht: Der 70-jährige, selbst erklärte Sozialist beantragt nun gar die Überprüfung der Vorwahl in Kentucky, die Clinton knapp gewonnen hat.

Die grösste Gefahr droht Hillary Clinton aber nicht von Trump oder Sanders, sondern von Hillary Clinton. Die voraussichtliche Kandidatin der Demokratischen Partei läuft vor allem Gefahr, sich selber zu schlagen. Hier 10 Gründe, weshalb sie im November doch noch verlieren könnte.

1. Selbstgefälligkeit
Viele ihrer Anhänger und Wahlkampfhelfer scheinen dem Irrtum zu erliegen, dass das Rennen gegen Trump gelaufen ist, bevor es richtig begonnen hat. Clinton wie etliche ihrer Gefolgsleute haben bereits Bernie Sanders lange Zeit unterschätzt, bis es doch noch knapp wurde. Denselben Fehler beging Clinton bereits 2008 als sie Newcomer Barack Obama zunächst nicht ernst nahm. Als Wahlkämpferin ist Hillary Clinton jedoch nur dann wirklich gut, wenn sie ihre Gegner nicht unterschätzt.

2. Bill rastet aus
Bill Clinton ist ein begnadeter Wahlkämpfer, wenn es um ihn geht. Als sich seine Ehefrau 2008 erstmals ums Weisse Haus bewarb, wollte er ihr helfen, ging dann aber zu weit. Er bezeichnete Barack Obama als «das grösste Märchen, das ich je erlebt habe» und warf dem späteren Präsidenten vor, er spiele die «Rassenkarte». Auch dieses Mal zeigte Mr. Bill bereits wenig Augenmass, als er in New Hampshire Bernie Sanders als unehrlich und dessen Anhänger als Sexisten bezeichnete. Hillary Clintons Wahlkampfteam hat die schwierige Aufgabe, Super-Alphatier Bill Clinton zu kontrollieren. Beweist wenig Augenmass: Bill Clinton in New Hampshire. (Reuters/Brian Snyder)

3. Unerzwungene Fehler
Sobald sich Clinton nicht an ihr sorgfältig ausgearbeitetes Wahlkampfprogramm hält, riskiert sie einen Ausrutscher. So sagte sie etwa in Kentucky, dass sie grosse Teile der Kohlenindustrie stilllegen möchte, was gar nicht gut ankam bei den Arbeitern im Rust Belt, die traditionell den Demokraten nahestehen, nun aber zu Trump überlaufen. Ebenfalls unglücklich war, dass Hillary Clinton daran erinnerte, dass sie und ihr Mann Bill Pleite gewesen seien, als sie das Weisse Haus verliessen. Das mag so gewesen sein. Aber dank der erlangten Prominenz kassieren Hillary und Bill Clinton seither für Vorträge vor Geschäftsleuten sechsstellige Honorare.

4. Insiderin statt Inspiration
Hillary Clinton kann nicht nur die Kandidatin sein, die Donald Trump verhindert. Sie muss selber eine Vision von Amerika entwickeln, um jene Wähler zu erreichen, die Barack Obama 2008 mobilisierte. Die Reden von Hillary Clinton sind trockene Prosa. Die inspirierende Poesie Barack Obamas oder auch Bill Clintons geht ihr ab. Dazu kommt, dass Hillary Clinton niemanden mehr überraschen kann. Sie ist als ehemalige First Lady, Senatorin und Aussenministerin zwar bestens qualifiziert für den Job im Weissen Haus. Aber sie gilt auch als Insiderin, die wenig frischen Wind verspricht. Umso wichtiger wäre es, dass sie sich nochmals neu erfindet. Denn in den USA ist alles Neue von vornherein schon einmal gut. Hingegen wird das Bekannte skeptisch betrachtet. Und Hillary Clinton ist bekannt, zu bekannt.

5. Zu wenig beliebt
Hillary Clinton wirkt im Vergleich zu Trump oder auch Obama in ihren öffentlichen Auftritten steif und streberhaft, Mimik und Gestik scheinen gekünstelt. Sie trägt eine Maske, die ihrer Beliebtheit nicht zuträglich ist. Clinton hat als Ehefrau von Bill Clinton ohne Zweifel einiges mitgemacht. Um besser anzukommen, müsste sie die schützende Maske zuweilen ablegen und nicht als Managerin, sondern als Mutter und Grossmutter zu den Wählern und vor allem zu den Wählerinnen sprechen.

6. Schwenk zu weit nach rechts
Clinton appellierte an die moderaten Republikaner, die sich von Trump abwenden. Das Bild mit George W. Bush, der sie bei der Abdankung von Nancy Reagan herzlich umarmt, ging um die Welt.

Angeblich gelangte Clinton an die Geldgeber von Jeb Bush, dem ehemaligen Präsidentschaftsbewerber auf republikanischer Seite, und bat um Unterstützung. Das Argument: Sie vertrete die Anliegen der traditionellen Republikaner besser als Donald Trump. Doch um die Wahl zu gewinnen, braucht Clinton die Sanders-Wähler. Rückt sie hingegen politisch zu sehr nach rechts, könnte die Parteilinke am 8. November zu Hause bleiben. Sanders selbst hat kürzlich angekündigt, der Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli in Philadelphia könnte «chaotisch» werden.

7. Schwenk zu weit nach links
Clinton fasst Bernie Sanders mit Samthandschuhen an. Sie will seine Anhänger nicht vergraulen, vielmehr will sie sie für sich einnehmen, spätestens am Parteitag vom 25. bis zum 28. Juli. Der Senator aus Vermont fordert jedoch Gegenleistungen bei der Sozialpolitik. Rückt Clinton zu sehr nach links, riskiert sie wiederum, die politische Mitte bei den Demokraten wie auch bei den Republikanern zu verärgern.

8. Schlechte Wahl eines Vizes
Mit der Wahl ihres Vizes kann Hillary Clinton eigene Schwächen ausgleichen und Wähler ansprechen, die sie selber nicht richtig erreicht. Die perfekte Wahl gibt es nicht, und etwas Glück oder Pech ist auch dabei. Denn ein Vize-Kandidat kann auf dem Papier gut aussehen, sich aber als ungeeignet erweisen oder Leichen im Keller haben. (John McCain kann davon ein Lied singen wegen Sarah Palin.) Angeblich möchte Clinton die Sanders-Anhänger zufriedenstellen. Gleichzeitig soll ihr Running Mate sich nicht davor fürchten, mit Donald Trump in den Ring zu steigen. Der Latino Julián Castro, derzeit Obamas Wohnungsbau- und Stadtentwicklungsminister, gilt als Favorit auf den Vizeposten und könnte sich als taktisch kluge Wahl erweisen.

9. Angst vor Trump
Was ihren wahrscheinlichen Gegner im Schlussgang betrifft, hat sich Hillary Clinton bisher vornehm zurückgehalten. Als Trump sie auf sexistische Weise beleidigte, weigerte sie sich, dies zu kommentieren. Das ist nobel, der amerikanische Wahlkampf ist es aber nicht. Der ist dreckig und niederträchtig. Hillary Clinton muss den Dog Fight annehmen, wenn sie Präsidentin werden will. Agressiver Wahlkampf: Donald Trump an einer Rally in Kalifornien. (Reuters/Chris Carlson)

Um zu gewinnen, müsste sie zunächst ihr Verhältnis zu den Medien entspannen. Bisher wollte sie die Presse stets auf Abstand halten, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Was die Medien betrifft, ist ihr Trump weit voraus.

10. Hillary Clinton muss vor Gericht
Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Hillary Clinton angeklagt wird. Doch die FBI-Ermittlung, ob sie als Aussenministerin geheime Informationen – wenn auch nicht wissentlich – weitergegeben hat, sind noch nicht abgeschlossen. Das Problem ist, dass Clinton tatsächlich einen privaten E-Mail-Server benutzte, als sie als Aussenministerin vertrauliche Nachrichten versandte.

Last but not least sei angefügt, dass Hillary Clinton auch die Geschichte gegen sich hat. Seit dem Zweiten Weltkrieg konnte nur einmal eine Partei das Weisse Haus während drei aufeinanderfolgenden Amtszeiten halten. Das war von 1981 bis 1993 unter Ronald Reagan und George H.W. Bush. Dennoch kann Hillary Clinton die erste US-Präsidentin werden. Dass es zur historischen Wahl kommt, braucht sie jedoch einen pannenfreien Wahlkampf. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2016, 17:44 Uhr

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