Ausland
Die Akte 1225782
Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 20.05.2011 49 Kommentare
Der wegen versuchter Vergewaltigung angeklagte frührer IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn kommt gegen Kaution frei. Heute soll er entlassen werden. (Video: Reuters )
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Fast wie im richtigen Film. Eine Geschichte, wie sie kein Plotschreiber aus dem seichten Genre der Gerichts- und Sittenserien zu erdenken gewagt hätte, beschäftigt die Welt seit letztem Sonntagmorgen, Mitteleuropäische Zeit. Und für einmal ist der Superlativ wohl nicht übertrieben: die ganze Welt. Es ist die schier unglaubliche Geschichte eines der mächtigsten Männer überhaupt: Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), einer der wichtigsten Finanzakteure des Planeten, und aussichtsreicher Anwärter auf die Präsidentschaft einer Atommacht, stürzt aus dem Himmel seiner brillanten Karriere. Abrupt, vielleicht aufgrund eines «Kurzschlusses».
Die New Yorker Staatsanwaltschaft wirft dem 62-jährigen Franzosen Dominique Strauss-Kahn, in seiner Heimat der Einfachheit halber meist DSK genannt, vor, er habe vor einer Woche in einer Hotelsuite in Manhattan versucht, eine 32-jährige Putzfrau zu vergewaltigen.
Geschworene glauben Indizien
Gestern Donnerstagabend hat eine Grand Jury über das juristische Schicksal von Strauss-Kahn entschieden, Aktennmmer 1225782. Dafür waren 23 Geschworene ausgelost worden. Sie hatten sich das Plädoyer des Anklägers angehört und das Zeugnis des mutmasslichen Opfers. Auch der mutmassliche Täter, DSK also, war zugegen, als der Entscheid fiel. Eine Mehrheit der Geschworenen erachtet die Indizien, die gegen ihn sprechen, für stark genug, um sein Dossier an den Strafrichter weiterzuleiten.
Dominique Srauss-Kahn droht eine langjährige Haftstrafe, im Höchstfall 74 Jahre und 3 Monate. Er wird auf nicht schuldig plädieren. Er kann aber nun jederzeit seine Strategie ändern, auf schuldig plädieren und damit die Höhe seiner eventuellen Strafe beeinflussen. In seinem Schreiben, in dem er seinen Rücktritt als IWF-Direkltor bekannt gab, verheisst Strauss-Kahn, mit allen seinen Kräften seine Unschuld zu beweisen – seine Unschuld in der Akte 1225782.
Alles geschah innert drei Tagen
Hier nun der «Film», wie die Franzosen auch dann sagen, wenn es sich nicht um Fiktion handelt, sondern um die krude Abfolge realer Ereignisse. Verteilt über drei Tage. Alles kreist um einen Vorfall in einem Hotelzimmer, der vielleicht den Weltenlauf etwas verändert hat, wohl auch die nähere Zukunft Frankreichs, sicher aber die Karriere dieses mächtigen Mannes – gestützt auf die Protokolle des mutmasslichen Opfers und der Polizei, der Aussagen der Staatsanwälte und der Verteidiger, genährt von den Recherchen der Zeitungen.
Es ist Freitagabend, 13. Mai, New York, 44. Strasse. Strauss-Kahn checkt im Hotel Sofitel ein, der Nobelherberge einer französischen Kette beim Times Square, 30 Stockwerke, ein Haus ohne grosse Allüren. Gebucht hat er für eine Nacht. Privat. Es ist ein Zwischenstopp auf seinem Weg von Washington nach Paris, Berlin, Brüssel, wieder Paris, dann Deauville, wo nächste Woche ein G-8-Gipfel stattfinden wird. Seine Tochter aus zweiter Ehe, die in New York studiert, will er treffen. Er hätte auch eine Dienstwohnung in der Stadt. Doch DSK mag das Sofitel. Es heisst, er sei oft da, letztes Jahr allein ein halbes Dutzend Mal, obschon es nicht auf der Liste der Hotels steht, die der IWF seinen Angestellten bezahlen würde, nicht einmal seinem geschäftsführenden Direktor: zu teuer.
Der Sozialist mit Hang zum Luxus
Wie ein Pied-à -terre sei das Sofitel für ihn, liest man in französischen Zeitungen. Der Listenpreis seiner Suite liegt bei 3000 Dollar. Bezahlt hat er einen Freundschaftspreis: 525 Dollar. Ein Foto von Dominique Strauss-Kahn hängt in der Umkleidekabine des Personals. Man will wohl besonders höflich sein mit den wichtigsten Kunden. Er bezieht eine Suite im 28. Stockwerk, die 2806. Sie liegt am Ende eines kurzen, mit Teppich belegten Korridors, etwas versetzt vom Rest der Zimmer. Sie hat einen kleinen Eingangsbereich, eine Gästetoilette, ein Büro, ein Schlafzimmer und ein grosses Badezimmer. Insgesamt 80 Quadratmeter.
DSK ist ein Gourmand. Er mag es gross und luxuriös. Sein sprichwörtlicher Hang zu Glamour und Geld gilt als eine der Schwächen des Sozialisten auf dem Weg zur französischen Präsidentschaft. Er weiss das. In einem Interview mit der «Libération» vor einigen Wochen hat er selber benannt, was gegen ihn spricht: «Die Kohle, die Frauen und mein Jüdisch-Sein.»
Sie klingelte an der Tür
Samstag, 14. Mai, gegen Mittag. Strauss-Kahn duscht. Er ist zum Essen mit seiner Tochter verabredet. An der Tür klingelt es. So will es die Politik des Hauses – immer klingeln. Es ist keine laute Klingel. Im Badezimmer hört man sie offenbar nicht. «Ophelia» (manche französische und amerikanische Zeitungen nennen ihren wahren Namen), die Putzfrau, 32 und alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter, wohnhaft im Stadtteil Bronx, betritt die Suite 2806. Sie stellt ihren Putzwagen in die Türe. Die muss immer offen sein beim Putzen. Ein Arbeitskollege, der das Frühstückstablett aus der Suite getragen hatte, hatte ihr bedeutet, das Zimmer sei leer, der Gast abgereist. Als «Ophelia» die Suite betritt, fragt sie nochmals nach, ob tatsächlich niemand da ist.
Da tritt ihr DSK entgegen. Nackt. «Ophelia», eine schöne, gross gewachsene Frau, Muslimin aus Guinea, frankofon, entschuldigt sich, will die Suite schnell wieder verlassen. Doch Strauss-Kahn hindert sie daran, wie sie später der Polizei erzählt. Er riegelt die Tür ab, fasst ihr von hinten an die Brüste, zerrt sie ins Schlafzimmer, wirft sie aufs Bett, berührt sie im Intimbereich, versucht sie zu vergewaltigen. Sie kann sich lösen, aber nur kurz. Strauss-Kahn drängt sie ins Badezimmer ab und zwingt sie dort zum Oralsex.
Er wirkte «sehr verstört und gestresst»
Dann gelingt es ihr zu fliehen. Sie meldet den Fall sofort der Direktion. Die ruft die Polizei aber erst eine Stunde später, um 13.32 Uhr. Als die Polizei eine Viertelstunde danach eintrifft, ist Strauss-Kahn schon weg. Er hat das Hotel kurz nach 12.28 Uhr verlassen. So stehts auf der Rechnung und in den Computern des Hotels. Die Videoüberwachungskameras in der Lobby zeigen Strauss-Kahn in Eile. Sein Anwalt wird später sagen, er habe zum Lunch mit seiner Tochter nicht verspätet kommen wollen, 12.45 Uhr sei ausgemacht gewesen.
Doch der Chauffeur, der ihn zum Flughafen fährt, erzählt einem nachfolgenden Fahrgast, Strauss-Kahn habe «sehr verstört und gestresst» gewirkt. In der Limousine zum Flughafen merkt DSK, dass ihm eines seiner Handys fehlt. Er vermutet, dass es noch in der Suite 2806 liegt, und ruft im Hotel an. Da erklärt man ihm, er müsse nur angeben, wo er sei, und man werde ihm das Gerät bringen. Die Polizei hört mit. Sie erfährt so, dass Strauss-Kahn auf dem Weg zum Flughafen John F. Kennedy ist, zum Flug AF 23 nach Paris.
Er spricht von einem Problem
Gebucht hat er den Flug eine Woche zuvor. Seine Frau Anne Sinclair ist schon in Paris, an der Geburtstagsfeier eines berühmten Sängers und Freundes. Er telefoniert zweimal mit ihr. Das zweite Mal erklärt er offenbar, es gebe ein «gravierendes Problem». Dank einem speziellen Laisser-passer muss er die lange Kontrollprozedur am Flughafen nicht mitmachen. Um 16 Uhr sitzt er in der Ersten Klasse des Flugs AF 23 – alleine. Auf 16.40 Uhr ist der Take-off geplant. Um 16.30 Uhr betreten zwei Beamte in zivil das Abteil. DSK fragt: «Worum gehts?»
Er wird abgeführt, ohne Handschellen. Man fährt ihn zurück in die Stadt, 124. Strasse, East Harlem, wo er der Special Victims Unit vorgeführt wird, einer Sondereinheit der New Yorker Polizei für Sittendelikte. Man liest ihm die Vorwürfe vor, die ihm die Putzfrau macht. DSK streitet die Anschuldigungen ab. Und fordert eine Sonderbehandlung, seinem Stand und Rang entsprechend. Er will gegen Kaution schnell freikommen. Er soll dabei arrogant gewirkt haben. Man serviert ihm ein Essen für 1.80 Dollar.
Einzelzelle im Trakt für Sträflinge mit Tuberkulose
Sonntagmorgen, 15. Mai, 2.15 Uhr in der Früh. Strauss-Kahn wird angeklagt wegen «kriminellem Sexualakt», «versuchter Vergewaltigung» und «versuchter Freiheitsberaubung einer Person». Die Anklage wird die Punkte später ausführen. 23 Uhr, DSK verlässt das Kommissariat mit Handschellen, düsterer Miene, dunklem Mantel, eskortiert von Beamten. Die Bilder gehen um die Welt. Montag, 16. Mai. Strauss-Kahn wird Richterin Melissa Jackson vorgeführt – unrasiert, mit eingefallenem Gesicht.
Sein Anwalt will ihn gegen eine Kaution von 1 Million Dollar freibekommen. Er argumentiert, Strauss-Kahn werde bestimmt nicht fliehen. Die Richterin lehnt das Gesuch ab. Der Angeklagte kommt nach Rikers Island, auf die berüchtigte Gefängnisinsel: 7000 Wärter, 14 000 Häftlinge. Man gibt ihm eine Einzelzelle im Trakt für Sträflinge mit Tuberkulose. 12 Quadratmeter, ein Fernseher, kein Kontakt zu Mitinsassen. Man nimmt ihm die Schnürsenkel ab. Die Gefängnisdirektion hält Strauss-Kahn für suizidgefährdet.
Wer ist «Ophelia» überhaupt?
Es bleiben viele Fragen offen: Welche «privaten Angelegenheiten» führten DSK überhaupt nach New York? War es nur das Treffen mit seiner Tochter am Samstagmittag? Wer ist «Ophelia»? Warum sagte die Polizei zunächst, der Übergriff auf die Klägerin habe sich um 13 Uhr zugetragen, bevor sie sich korrigierte und von «eher um 12 Uhr» sprach? Ist es möglich, wie das die Verteidigung zu beweisen sucht, dass «Ophelia» in die sexuellen Handlungen eingewilligt haben könnte? Was ist mit der DNA-Analyse: Stammt das Material, das die Gerichtsmediziner unter den Fingernägeln von «Ophelia» gefunden haben, von den Kratzern auf DSKs Brustkorb? Was ist mit den Spermaspuren auf dem Boden der Suite, die die Polizei sichergestellt hat? Und was würden diese Spuren beweisen?
Warum erzählte ein 42-jähriger Mann, Blake Diallo, der sich als «Ophelias» Bruder ausgibt und ein Café in Harlem besitzt, dass sie DSKs Gesicht nicht kannte, wenn dessen Foto im Umkleideraum des Personals hängt und die Mitarbeiterin nach dreijähriger Anstellung wegen guter Leistungen auf den Etagen mit den Suiten eingesetzt wurde? «Le Monde» berichtet, Blake Diallo sei einem Bekannten zufolge in Wahrheit der Freund «Ophelias» und Senegalese. Und weiter: Weshalb informieren sich die Angestellten des noblen Hauses nicht vorab über Walkie-Talkies bei der Lobby, ob der Gast ausgecheckt hat – vor allem, wenn es sich um Gäste der teuren Suiten handelt? Warum wartete die Hoteldirektion eine volle Stunde, bevor sie die Polizei rief? Kann es sein, dass sie so lange brauchte, um das Zeugnis der schockierten Angestellten zu fassen? Oder wollte die französische Hotelkette den berühmten Gast schützen, weil dieser Franzose ist? Warum rief Strauss-Kahn wegen seines Handys im Hotel an, wenn er das Sofitel mit der Absicht zu fliehen verlassen hatte? Es gibt noch viele Frage mehr. Sie werden im Prozess verhandelt werden, der frühestens in drei Monaten, spätestens in einem Jahr beginnt. In der Akte 1225782.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.05.2011, 10:07 Uhr
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49 Kommentare
Was ich einfach nicht verstehe: wie kann man eine Frau zum Oralsex zwingen? Einmal kräftig zubeissen, und die Sache hat sich ein für allemal erledigt, oder? Und als "grossgewachsene Frau", die manuell arbeitet, dürfte frau durchaus auch zur Gegenwehr fähig sein, die über Kratzspuren hinaus geht. Hm, ich kann's mir einfach nicht vorstellen... Antworten
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