Ausland

Die Gratis-Kliniken in den USA sind am Ende ihrer Kräfte

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 25.02.2010 4 Kommentare

Mit der Rezession verlieren immer mehr Amerikaner die Krankenversicherung. Die Gratis-Gesundheitszentren werden überrannt, kämpfen aber selber mit Finanzproblemen.

Wo der Arztbesuch gratis ist: Der Andrang in den Haight Ashbury Free Clinics von San Francisco ist gross.

Walter Niederberger

Wenn Präsident Barack Obama heute im Kongress einen letzten Anlauf unternimmt, die Reform der Karkenversicherung zu retten, so kann er in den Haight Ashbury Free Clinics mit einem aufmerksamen und sehr besorgten Publikum rechnen. Die zwölf kostenlosen Gesundheitszentren der Stadt San Francisco behandeln genau jene Patienten, die am meisten auf eine Reform angewiesen sind. Es sind die ärmsten Einwohner der Stadt, es sind chronisch und psychisch Kranke ohne feste Bleibe. Aber es sind auch immer mehr Patienten aus der Mittelschicht, die ihre Stelle verloren haben.

«Leute, die uns im letzten Jahr noch eine Geldspende überwiesen haben, gehören heute zu unseren Kunden», sagt Jeff Schindler, Entwicklungsdirektor der Haight Ashbury Free Clinics. «Wir sind das letzte Auffangnetz für jene, die ihre Stellen verloren haben und sich keine Krankenversicherung mehr leisten können.» Einer der Kernpunkte der Reform ist eine Ausweitung der Versichungsleistungen für Arbeitslose. Vorgesehen ist, dass die Regierung 65 Prozent der Beiträge übernimmt, die vom Arbeitgeber bezahlt werden. Dies würde es mehreren Millionen Familien erlauben, ihre Versicherung weiterzuführen, auch wenn die Stelle verloren ging, sagt Schindler. «Das heutige System macht mich wütend. Genau dann, wenn die Leute wegen dem Verlust der Arbeitsstelle am Anschlag sind, müssen sie noch höhere Prämien zahlen, wenn sich versichert bleiben wollen.» Landesweit dürften deswegen die staatlich unterstützten Gesundheitskliniken 2009 über 20 Millionen Patienten gratis oder beinahe kostenlos behandelt haben, über zehn Prozent mehr als ein Jahr früher. Die Zahl der Nicht-Versicherten nahm allerdings um 21 Prozent zu.

Ein Modell aus der Hippie-Zeit

Die Haight-Ashbury-Zentren sind die Pioniere der kostenlosen Behandlung der Armen, der Drogenabhängigen, der Heimatlosen, der Schwarzarbeiter und nun immer mehr die Arbeitslosen. Die erste Klinik wurde 1967 eröffnet, als Selbsthilfe-Gruppe der nach San Francisco strömenden Hippies. Das Netzwerk wuchs schnell über die Anfänge als alternative Praxis hinaus und betreut heute an zwölf Standorten über 20'000 Patienten. Das Modell gilt als so erfolgreich, dass es von praktisch allen US-Grossstädten übernommen wurde und auch im Ausland kopiert wird.

San Francisco baute auf diesen Zentren auf, als die Stadt vor drei Jahren eine weitere Pioniertat vollbrachte. Sie machte die Krankenversicherung zu einem Obligatorium nach europäischen Muster. Trotz des Widerstands der Arbeitgeber konnte für das Projekt «Healthy San Francisco» ein Finanzierungsmodell mit Beteiligung der Unternehmen entwickelt werden. Seither wurde gut die Hälfte der 60'000 Nicht-Versicherten einbezogen. Befürchtungen, wonach die Unternehmen Angestellte entlassen müssten, weil sie ihren Beitrag von zehn Prozent an die Versicherung nicht zahlen könnten, erwiesen sich als unbegründet. Dafür schlagen zahlreiche Restaurants den Versicherungszuschlag gesondert auf die Rechnung und geben ihn so an die Kunden weiter.

Experiment nur dank Solidarität möglich

«Ein solches Experiment ist nur hier möglich, weil wir mehr Gewicht auf Solidarität legen und die Leute bereit sind, für eine universelle Gesundheitsversorgung zu zahlen», erklärt Mark Sears, Chefarzt der Haight Ashbury Clinics. «'Healthy San Francisco' ist ein grossartiges Programm. Auch deshalb hoffen wir, dass die Gesundheitsreform gelingt. So würde der Wechsel von einer Versicherung zur andern erleichtert, was den effizienten Anbietern wie uns helfen würde.» Die Kosten eines Arztbesuchs in einer Gratis-Klinik liegen bei 135 Dollar.

Der gleiche Patient zahlt dagegen in einer Allgemeinpraxis rund 600 Dollar und in der Notfallaufnahme eines Spitals bis zu 1500 Dollar. Ein weiterer Grund für die tieferen Kosten ist der Einsatz der Freiwilligen. In der grössten Gratis-Praxis an der Mission Street arbeiten neben acht Festangestellten mehr als 30 Freiwillige. Schliesslich zwingen die knappen Mittel diese Zentren zur scharfen Kostenkontrolle. Die über 7500 Gratis- und Kommunalklinken leiden unter den Budgetkürzungen der Bundesstaaten, die durch Zuschüsse der Regierung im Rahmen des Ankurbelungsprogramms bei weitem nicht ausgeglichen werden.

Kostenlose Praxen sichern Notfallpflege

Einer der Reformvorschläge zielt darauf ab, die Subventionen weiter zu erhöhen und damit die Grundversorgung zugunsten der Ärmeren zu stärken. «Ich mache mir Sorgen, dass wir nicht genügend Freiwillige finden», sagt Trina Morgan, eine der Arztassistentinnen an der Mission Street. «Je weniger sicher die Subventionen sind, desto mehr sind für auf Fronarbeit angewiesen. Aber unendlich gross ist die Reserve der Freiwilligen eben nicht.» Im Grossraum San Francisco mussten wegen der Budgetklemme bereits vier Gratiskliniken schliessen, weitere Einschnitte dürften folgen.

Kostenlose Praxen wie jene in San Francisco verhindern, dass Nichtversicherte ohne jede Prävention und Notfallpflege bleiben und damit die Gesundheitskosten weiter antreiben. Mit der Reform hofft Präsident Obama, rund 31 der 45 Millionen nicht-versicherten Menschen zu erfassen. «Wir rechnen damit, dass ein grösserer Teil unserer Patienten davon profitieren kann», sagt Schindler. «Ein Scheitern der Reform wäre für unsere Kliniken gravierend, für unsere Patienten aber wäre es fatal.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2010, 07:43 Uhr

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4 Kommentare

Walter Kühn

25.02.2010, 09:03 Uhr
Melden

Dieser Artikel sollte zum Leitartikel werden. Da können wir heute schon lesen, wohin uns New Economy und die Sparorgien der Bürgerlichen in Zukunft bringen werden Antworten


Hedvika Post

25.02.2010, 10:50 Uhr
Melden

Wie kann man nur gegen die Gesundheitsreform von den Demokraten sein?! Antworten



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