Die Heldin und Verräterin ist frei

Die von Barack Obama begnadigte Wikileaks-Informantin Chelsea Manning meldet sich das erste Mal aus der neugewonnenen Freiheit.

Peinliche Enthüllungen: Chelsea Manning und der grösste Fall von Wikileaks. (Video: Tamedia)

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Sie ist eine Art Mutter aller Whistleblower: Chelsea Manning. Mit Informationen aus dem Inneren der US-Streitkräfte machte Manning die Plattform Wikileaks berühmt. Nach fast sieben Jahren in Haft ist sie jetzt wieder frei. Die Haft nur wenige Stunden hinter sich, hat sich Manning bereits via Twitter gemeldet, mit der Bildunterschrift «Erste Schritte in der Freiheit!».

Nicht alle sind mit der Begnadigung Mannings einverstanden. Anfang April 2010 machte ein entsetzliches Video die Runde um die Welt: US-Soldaten feuern aus einem Helikopter auf unschuldige Menschen im Irak. Sie töten nicht nur die wehrlosen Zivilisten, sie ergötzen sich sogar an deren Leid. «Ich bin gerade über eine Leiche gefahren», sagt einer hörbar lachend, der eigentlich Verletzte bergen soll.

Video «Collateral Murder»

Das Video, das später unter dem Titel «Collateral Murder» («Mittelbarer Mord») bekannt werden sollte, zeigt den Tod unschuldiger Menschen – darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Die US-Armee hielt es geheim, auch für die Hinterbliebenen. Bis es einem jungen Computerexperten der Streitkräfte in die Hände fiel. Sein Name: Bradley Manning.

Damals gerade 20 Jahre alt, spielte er das Video als Teil einer immensen Datensammlung aus dem Irak heraus der Enthüllungsplattform Wikileaks des australischen Whistleblowers Julian Assange zu. Hunderttausende Dokumente fanden den Weg dorthin, wo sie nach Auffassung der US-Behörden keinesfalls hin sollten – in die Öffentlichkeit.

USA blamiert

Die Welt war erregt. Die USA, die ihre Soldaten gerne als Helden im Dienste des Guten in der Welt darstellen, waren blamiert. Es war quasi die inoffizielle Geburtsstunde von Wikileaks und auch der Startschuss eines erbitterten Kampfes der USA gegen das Enthüllen geheimer Dokumente.

Zehn Jahre nach den Schüssen von Bagdad hat sich viel getan: Mannings heisst nicht mehr Bradley, sondern Chelsea und ist inzwischen eine Frau. Zu 35 Jahren Militärhaft unter anderem wegen Spionage und Kollaboration mit dem Feind verurteilt, kam sie nun am Mittwoch aus dem Gefängnis frei. Als deutlich veränderter Mensch. Ob Manning ein gebrochener Mensch ist, muss sich zeigen. «Wie konnte ich nur glauben, als einfacher Soldat die Welt verändern zu können», hiess es in ihrem Geständnis.

Folterähnlichen Methoden soll sie ausgesetzt gewesen sein. Sie gab an, sie sei in Isolationshaft gehalten worden, habe sich in der Zelle nackt ausziehen müssen. Mindestens zweimal versuchte sie, sich umzubringen, einmal trat sie in den Hungerstreik.

Ein Präzedenzfall

Das Verfahren gegen Manning war der erste richtig grosse Prozess gegen einen Whistleblower. Ein Präzedenzfall: Was passiert jemandem, der das mächtigste Land der Welt herausfordert? 35 Jahre Haft, das Urteil fiel den Erwartungen entsprechend aus.

Wikileaks-Chef Assange hat es ungleich besser getroffen als seine Informantin: Zwar bewegt sich auch der Australier nicht in Freiheit, sondern harrt in der Botschaft Ecuadors in London aus. Doch immerhin kann er sich in den Räumen frei bewegen und seine inzwischen durchaus umstrittene Arbeit mit Wikileaks fortsetzen. Würde er den Fuss vor die Tür setzen, würde er festgenommen: wegen eines Haftbefehls aus Schweden, unter anderem wegen des Verdachts auf Vergewaltigung. «Ich kann nicht erwarten, sie zu treffen», schrieb Assange jetzt.

Heldin und Verräterin

Das öffentliche Urteil über Chelsea Manning ist am Tag ihrer Freilassung gespalten. In Europa gilt sie vielen als Heldin. Ein italienischer Bildhauer widmete ihr sowie Assange und dem in Moskau festsitzenden Whistleblower Edward Snowden ein Bronzedenkmal. Manning war mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert, mehrere Menschenrechtspreise wurden ihr zuerkannt, darunter auch in Deutschland. Keinen konnte sie persönlich entgegennehmen.

Für die meisten in den USA ist Manning eine Verräterin. Mehrere Politiker, darunter der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee, forderten die Todesstrafe. US-Präsident Barack Obama, dessen Regierung für harte Haftbedingungen und eine strenge Linie gegen Whistleblower stand, verkürzte Mannings Haft kurz vor Ende seiner Präsidentschaft. Der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, hält diese Entscheidung noch heute für «empörend».

Nach etwas weniger als sieben Jahren Militärhaft ist Manning nun eine freie Frau. Fast. Offiziell ist Manning noch immer Mitglied der Streitkräfte und untersteht damit deren Regeln. Zwar kann sie nicht mehr der selben Vergehen angeklagt werden, für die sie schon einmal verurteilt wurde. «Wenn sie eine neue Straftat beginge, hätte das Militär wieder die Hand drauf», sagte ihr Anwalt David Coombs dem US-Sender NBC. (rub/sda)

Erstellt: 17.05.2017, 15:22 Uhr

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