Die Zukunft kommt aus Kalifornien

Neue Ideen braucht die Welt! Und die besten davon kamen schon immer von der US-Westküste. Ein Besuch bei seriösen Hippies, grünen Kapitalisten und fröhlichen Weltverbesserern im Golden State.

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Der Highway 101 wird auch «Highway of Dreams» genannt. Parallel zur Pazifikküste führt er durch ganz Kalifornien. Selbst wer ihn nicht kennt, hat die Träume, die an ihm geträumt und verwirklicht werden, in seinem Leben. Den iPod zum Musikhören. Die Suchmaschine Google, um im Internet zu surfen. Die Fitnessmode, der er gerade huldigt.

Kalifornien ist die Brutstätte der globalen Kultur. Ob McDonald’s oder Skating, Bluejeans oder politische Korrektheit — was hier das Licht der Welt erblickt, formt sie. Das Bild jenes Amerika, dem viele nachzuleben versuchen, kommt aus Hollywood, der Traumfabrik bei Los Angeles. Wer in die Zukunft sehen will, schaut auf den Golden State; Kalifornien ist die Kristallkugel, die den Planeten von morgen zeigt. Der Highway 101 ist die Schlagader.

Ich will sehen, was los ist mit dem Staat, der jetzt pleite ist; ihm den Puls fühlen. In Nordkalifornien gibt eine neue Generation Hippies zu reden, die ein pragmatisches Utopia lebt. Im Silicon Valley, das den Computer und das Internet alltäglich gemacht hat, gilt Cleantech als das nächste grosse Ding. Risikokapitalisten investieren in junge Startups, die mit der Rettung der Welt vor der globalen Klimaerwärmung Geld verdienen wollen. Und in San Francisco, dessen «Summer of Love» eine Generation prägte, sind deren Nachkommen daran, den Kampf für ein besseres Diesseits auf eine solid kapitalistische Geschäftsgrundlage zu stellen.

Grund genug, das Auto zu packen und loszureisen. Mein alter Chevrolet gibt dem Unternehmen eine ironische Note. Nicht nur des Namens wegen, den er dem ebenso genialen wie glücklosen Schweizer Autokonstrukteur verdankt. Etwas Schicksalergebenes, ganz und gar Un-Kalifornisches geht von ihm aus. Die Farbe blättert, die Klimaanlage hat längst den letzten Schnaufer getan, und nehme ich hinter dem Steuer Platz, quittiert er das mit einem Ächzen, dass ich mich unwillkürlich entschuldige.

Es ist Sommer und über vierzig Grad heiss, eine Ochsentour für uns beide. Ich plane, mich mit Leuten zu treffen, die nicht mal das Geld hätten, mir die Karosse für ein paar hundert Dollar abzukaufen. Und mit solchen, die Hunderte von Millionen Dollar auf dem Konto haben.

Hippies 2.0: Emerald Earth Sanctuary

Mein erstes Ziel ist eine Landkommune, nicht weit von dem Ort am Highway 101, wo ich wohne. Es ist dreissig Jahre her, seit ich das letzte Mal eine Kommune besuchte. Es war im schweizerischen Jura; sie bestand aus zwei, drei Männern und ein paar Frauen, welche die freie Liebe predigten und eine sieben Meter breite Matratze hatten. Es war nicht so aufregend, wie es klingt. Die Sorge um die Gurken, die nicht wachsen wollten, warf einen Schatten auf die sinnlichen Freuden, zumal die Autorität des grossen Zampano sich weniger seiner natürlichen Ausstrahlung verdankte als der Tatsache, dass sein Harem schwerlich im Folies-Bergère hätte auftreten können.

Auch jene Kommune war ein Klon aus Kalifornien. Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre waren junge Leute aufs Land ausgeschwärmt, die den Liebessommer nicht hatten enden sehen mögen. Sie gründeten Kommunen, schluckten LSD und suchten den Trip auf den Boden der Realität zu holen, indem sie Ackerbau betrieben. Immer wieder treffe ich welche im lokalen Bioladen: siebzig-, achtzigjährige Althippies mit weissen Dreadlocks und psychedelisch bunten T-Shirts, die selten am Stock gehen.

Die dunklen Seiten jener Jahre sind nicht minder gegenwärtig. Jim Jones hatte seinen «People’s Temple» in Redwood Valley, ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Von da brachte er seine mehr als neunhundert Anhänger in den Dschungel von Guyana, nach «Jonestown», wo er einen der grössten Massenselbstmorde der Geschichte inszenierte.

Manche sagen, es sei hier etwas in der Erde, eine Strahlung, die einen verrückt mache. Daran muss ich denken, als ich nach Philo im Anderson Valley unterwegs bin, wo Charles Manson lebte, bevor er nach Los Angeles zog und seine Kommune zu zahlreichen Morden anstiftete, unter anderem an Roman Polanskis hochschwangerer Ehefrau Sharon Tate.

Das Anderson Valley erstreckt sich westlich vom Highway 101 in Richtung Küste. Boonville, der Hauptort, ist ein Dorf inmitten von Rebbergen und Obstgärten. Die Einwohner gelten als Sonderlinge. Untereinander sprechen sie eine Geheimsprache, die Aussenseiter nicht verstehen, und zu Halloween, wie eine befreundete Galeristin weiss, veranstalten sie Sexpartys, bei denen jeder mit jeder darf und die Maskierung etwas Komisches hat, weil sich doch alle kennen. Die Landschaft ist ausgedörrt, golden glüht das Gras in der trockenen Hitze. Die Fenster sind offen, und der Fahrtwind bläst den letzten Gruss eines Skunks ins Wageninnere. Ein überfahrenes Tier, das seinen übel riechenden Strahl auf einen vierrädrigen Feind gespritzt hat.

Emerald Earth liegt in den Hügeln, inmitten eines Tannenwaldes. Die Gemeinschaft hat ihren Namen von L. Frank Baums Kinderklassiker «The Wizard of Oz»; Emerald City ist die geheime Stadt, wohin es das Mädchen Dorothy verschlägt, nachdem ein Tornado es samt Haus aus Kansas entführt hat. Ich fahre das Strässchen hoch, gelange ans Tor, öffne das Zahlenschloss mit der Kombination, die mein Kontaktmann mir gegeben hat, und bin im Reich der Kommune.

Mika

Mika ist in den Vierzigern, schlank, mit blauen Augen, die leuchten wie eine elektronische Anzeige. Er hat Soziologie studiert, trägt lange, grauschwarze Haare und einen Spitzbart, der seiner Sanftheit eine gewisse Schärfe gibt. Er hat sein halbes Leben in Kommunen gelebt und nun in Emerald Earth gefunden, was er suchte: die Freiheit, nichts zu besitzen.

Er führt mich auf dem Areal herum, das 76,5 Hektar umfasst. Die Äcker und die Siedlung befinden sich auf einer Waldlichtung, die eingezäunt ist, um das Wild abzuhalten. Die Häuser sind aus Holz, Stroh und Lehm, doch so komfortabel wie konventionell gebaute. Es gibt fliessendes Wasser, Strom und Heizung; nur die Komposttoiletten sind ausserhalb. In grossen Glaskästen, die Solarpanels gleichen, werden die mit Sägemehl vermengten Exkremente in der Sonne gebacken, um pathogene Keime abzutöten, und dann als Dünger verwendet.

Es gibt ein Gemeinschaftshaus mit Küche und Aufenthaltsraum, ein Waschhaus mit Sauna, ein Hühnerhaus und einen Ziegenstall, dazu ein Treibhaus und zwei grosse Gärten mit Gemüsen, Früchten, Beeren und Kräutern.

«Nichts davon gehört uns», sagt Mika. Wer hier lebt, baut mit auf und lässt es zurück, wenn er geht. Nur persönliche Dinge, die man mitgebracht oder gekauft hat, bleiben einem. Mika hat ein paar Musikinstrumente, Bücher, etwas Geschirr.

Rechtlich ist Emerald Earth eine Non-Profit-Organisation; das Land wurde der Kommune von einer Gönnerin geschenkt. Die Generation, die jetzt die real existierende Utopie lebt, ist schon die dritte. Von den ersten notdürftigen Unterkünften in der Senke bis zu den neuen Häusern am Sonnenhang spiegelt sich der Aufstieg von Pionieren zu Siedlern. Zwar läuft niemand mit einem BlackBerry herum, doch es gibt ein Mobiltelefon und eine Satellitenschüssel fürs Internet. Sonne und Wasserkraft liefern den Strom, ein Grauwassersystem reinigt die Abwässer, und die Landwirtschaft ist auf Permakultur ausgelegt, was — kurz gesagt — heisst, dass man der Natur nichts nimmt, was man ihr nicht in einer verdaulichen Form zurückgeben kann.

Doch das sind Äusserlichkeiten. Ich habe einst selber in einem selbstverwalteten Betrieb gearbeitet und gelernt, dass nicht die Handarbeit oder die bescheidenen Verhältnisse einem zu schaffen machen, sondern das Sozialleben. Wo die Stossdämpfer einer formalen Hierarchie fehlen, prallt man schutzlos aufeinander. Kollektive folgen nicht selten dem Muster von Segeltörns: In der ersten Woche fallen alle einander um den Hals, in der zweiten geht man einander auf die Nerven und dann, falls man sich nicht zusammenraufen kann, ans Lebendige. Mich nimmt wunder, in welchem Stadium Emerald Earth ist.

Huldigung einer Art Naturreligion

Um halb eins schlägt die Glocke zum Mittagessen. Plötzlich belebt sich der Wald; von überall her kommen, wie von einer Fee hingezaubert, Leute zwischen den Bäumen hervor. Man versammelt sich um den grossen Tisch vor der Küche, auf dem gut zwei Dutzend Speisen stehen, hält sich bei den Händen und singt ein Lied mit dem Refrain: «Every little cell in my body is happy and well». Eine junge Frau, grazil wie eine Gazelle, wiegt sich verträumt im Takt, ein bärtiger Waldmensch steht still wie ein Baum, manche wippen mit den Füssen. Die Köche erläutern die Speisen, informieren, was für Vegetarier, für Veganer, für Fleischesser, für Personen mit speziellen Diäten, mit einer Allergie auf oder einer Abneigung gegen irgendetwas ist. Alles ist köstlich, frisch von der Ernte, raffiniert gewürzt.

Ich setze mich an den Tisch zu der Gazelle, die Prana heisst und für den unteren Gemüsegarten verantwortlich ist. Ich sah sie zuvor, wie sie sich zwischen den Bohnen und Tomaten wie in Zeitlupe bewegte. Sie gibt bereitwillig Auskunft über ihre Tätigkeit, aber noch mehr als darauf höre ich auf die Art und Weise, wie sie redet.

Die Mitglieder von Emerald Earth huldigen einer Art Naturreligion, was sich zeigt in Äusserungen wie «Danke dir, Geist» oder «Das Universum hat unseren Ruf erhört» — ein kosmischer Pantheismus, der nicht zur Schau getragen wird. Man feiert die Sonnenwenden, den Muttertag, Neujahr. Mika alias «Reverend Lovejive» leitet einen «Pagan Gospel Choir», der so beliebt ist wie die Bands aus der Umgebung, die ab und zu aufspielen.

Nach dem Essen steht das wöchentliche Geschäftsmeeting auf dem Plan. Brent, eine sportliche Erscheinung mit gepflegtem Dreitagebart und kurz geschnittenem Haar, übernimmt die Leitung. Lisa erklärt die Evakuationsrouten im Fall eines Waldbrandes, Patrick teilt mit, dass er morgens um sieben meditiere und Ruhe brauche, und Liz, Brents Frau, will in der Frühe niemanden um den Ziegenstall haben, weil das beim Melken störe. Zu erledigende Arbeiten werden verlesen, vom Apfelbäumeschneiden bis zur Wasserpumpe-Reparatur; man meldet sich freiwillig. Dann schliesst man mit einem Spiel, drängt sich zu einem Haufen; jeder soll zwei Hände fassen und ein erster Händedruck weitergegeben werden, bis er wieder beim Urheber angelangt ist. Worauf man sich entwirren und einen Kreis bilden will, ohne einander loszulassen.

Wir kriechen unter Armen durch, steigen übereinander, um den Knäuel zu einem Ring zu formen, und schaffen es doch nicht. Vielleicht ist es ein Symbol dafür, wie schwierig das scheinbar Einfache ist.

Konsensbildung, gewaltlose Kommunikation und die Priorität von Sachkompetenz in Autoritätsansprüchen sind die Leitsätze von Emerald Earth. Über das neue Gemeinschaftszentrum, das im Bau ist — ein grosszügiges, einladendes Gebäude mit Terrasse —, sind langjährige Diskussionen geführt worden, bis alle Wünsche befriedigt und alle Einwände erledigt waren.

Cathy möchte weg

Der Mangel an formeller Hierarchie wird kompensiert mit einer verbindlichen Tagesstruktur. Sie erinnert an ein Kloster; die Glockenschläge zum Arbeitsbeginn, zum Essen, das stets zu denselben Zeiten eingenommen wird, das Ersatzritual für das Tischgebet. Doch Emerald Earth ist keine Sekte, die sich vor der Welt verschliesst. Fast alle arbeiten in der Umgebung, machen Webdesign, Akupunktur, therapeutische Massage. Die Kommune tauscht Landwirtschaftsprodukte mit lokalen Bauern, veranstaltet Workshops für Gartenbau, Naturhausbau und eine Menge mehr. Das bringt Geld und popularisiert die Idee.

Für die Gemeinschaft selber muss jeder mindestens zwanzig Stunden die Woche arbeiten. Buch geführt wird nicht, doch wer nicht tätig sei, falle unangenehm auf, meint Mika. Gartenarbeit, Hausbau und Instandsetzungsarbeiten gehören zum Pensum, ebenso Kochen, Putzen und Kinderhüten, wozu alle verpflichtet sind. Etwa einen Viertel ihres Nahrungsbedarfs kann die Kommune selber decken; mit Gartenprodukten, Pilzen aus dem Wald, Seetang vom Pazifik, Käse und Joghurt aus der Ziegenmilch. Wilde Truthähne, denen man Fallen stellt, sind beliebt auf dem Speisetisch, zumal sie im Garten schon wie die Hunnen gewütet haben.

Am Nachmittag helfe ich Cathy den Stall auszumisten. Wir fällen eine kleine Tanne, hieven sie ins Gehege, und die Ziegen zuckeln herbei und knabbern die Knospen wie Kinder eine Tüte Pommes Chips. Cathy ist japanischer Abstammung, klein, mit breitem Gesicht und kräftigem Körper. Sie ist erst seit zwei Monaten in Emerald Earth. Sie hat ihre Biofarm im Capay Valley aufgegeben, weil sie sich in Michael verliebt hat, den bärtigen Holzfäller, mit zehn Jahren Mitgliedschaft der Dienstälteste der Kommune.

Meine Frage, ob es ihr in Emerald Earth gefalle, verneint sie heftig. Sie vermisst ihre Farm, findet die Art, wie hier Landwirtschaft betrieben wird, wenig effizient und fühlt sich einsam. «Es ist schwierig, in Kontakt zu kommen, wenn man unglücklich ist», sagt sie. Nur wenige wissen, wie es ihr geht, an den regelmässig stattfindenden Aussprachen über Persönliches hat sie geschwiegen. Michael wäre bereit, mit ihr wegzugehen, doch sie will ihm das nicht antun, die Kommune ist sein Leben.

Beide leiden sie unter der Situation. Michael ist im Unruhejahr 1968 geboren, der Sohn eines sozialistischen Architekturprofessors aus Neuseeland, wie er erzählt. Nach dem Studium in Umwelttechnik arbeitete er in Costa Rica für eine Organisation, die gegen das Abholzen des Regenwaldes kämpft. Zuvor ein Zyniker, habe er da erkannt, dass man die Zukunft in die Hand nehmen müsse, wolle man nicht ihr Opfer werden. Er lernte, wie man Naturhäuser baut, den Wald bewirtschaftet, seine eigene Nahrung produziert. 1999 machte er sich mit einem befreundeten Paar, das ein dreijähriges Kind hatte, an den Aufbau von Emerald Earth.

Wegweiser der Zukunft sein

Als sie begannen, gab es bloss eine Jagdhütte mit einem Einsiedler, der dann auszog, der Kinder wegen, die in die Kommune kamen. Michaels Haus war das erste, das sie bauten, für tausend Dollar. Weitere Pioniere kamen dazu, darunter ein Arzt, der in der lokalen Klinik arbeitete. Damals wurden die Einkommen geteilt, heute bezahlt jeder für Essen, Verbrauchsmaterialien und Landbenutzung gegen 350 Dollar monatlich.

Hört man Michael reden, merkt man, dass er lange nachgedacht hat über die beste Art zu leben. Es gebe radikalere Kommunen als Emerald Earth, meint er, doch der Kontakt zur Aussenwelt, die Integration in die Gesellschaft, die Unterstützung lokaler Bauern dünkt ihn zentral für das, was sie wollen — Wegweiser sein in eine Zukunft, in der man nicht Kriege führen muss um Nahrung, Wasser und Energie. Michael hat eine nüchterne Sicht der Dinge, ist in der Welt herumgekommen und sich gewohnt, Probleme praktisch anzugehen. Nur mit Gefühlen geht das nicht. «Cathy hat mehr aufgegeben, als ich es würde, wenn ich hier wegginge», meint er mit der Grossmut des Liebenden.

Es fehlt an Kindern

Die Liebe ist denn auch das Element, das die Kommune von einem Kloster unterscheidet. Zurzeit gibt es drei Paare, zwei davon mit Kindern, und vier Einzelstehende, wovon zwei Aussenbeziehungen haben. Prana, eine davon, wird weggehen, weil sie ihren Freund nicht oft genug sehen kann.

Erst kürzlich sind Michaels Gefährten aus den Pionierjahren ausgezogen. Darryl, dem Mann, war es zu eng geworden, Sara war ausgebrannt vom steten Kommen und Gehen neuer Leute, und die Tochter Aria, die nun ein Teenager ist, hat eine andere Vorstellung von einem aufregenden Leben, als in Beerenbüschen zu stehen und sich den Mund vollzustopfen. Die Kommune sieht solche Wechsel als Teil des Lebens, nicht als Dissidenz.

Die Väter und Mütter wünschten sich mehr Erwachsene mit Kindern; Natashas Sechsjähriger ist gelangweilt mit den drei Knirpsen im Alter zwischen zwei und vier. Wäre die Kommune grösser, würde das solche Probleme entschärfen, hingegen andere, wie etwa die Konsensfindung, verschärfen.

Es ist ein heisser Nachmittag, und ich steige den Hügel hinauf, wo ich mich zu Patrick und Lisa geselle, die an der undichten Wasserpumpe herumbasteln. Sie sind guter Dinge. Lisa, eine Buchbinderin mit Heimwerkstatt, ist unlängst von ihrem Freund verlassen worden, doch die Spur von Traurigkeit, die ihre Augen umschattet, ist in Gegenwart von Patrick verschwunden. Er ist vierzig, etwas rundlich, mit glatt rasiertem Schädel, makellos getrimmtem Bart und zwei Reihen blendend weisser Zähne, die sich wie gut gelaunte Matrosen zum Appell präsentieren, wenn er lacht. Patrick ist einer der zehn Praktikanten, ein Novize, der sechs Monate in Emerald Earth verbringt und dafür 450 Dollar zahlt. Er ist aus Pasadena bei Los Angeles, selbstständiger Zimmermann, hat ein Haus mit allem, was man sich wünscht, und will weg davon. «Hier habe ich meine Familie gefunden», sagt er.

Zustrom in der Krise

Zum Nachtessen versammelt man sich wieder um den Tisch, auf dem ein Gericht aus Abalonen steht: Meeresschnecken in Suppentellergrösse, die, richtig zubereitet, die Konsistenz eines zarten Schnitzels haben. Es ist ein merkwürdiger Anblick, mitten im Wald all die Frauen und Männer zu sehen, frisch geduscht und in Abendkleidern, als wären sie in einem Gourmettempel. Man sitzt zusammen, plaudert über dies und jenes, und Robert, ein Novize im Outfit eines Cowboys, begründet mir seinen Verdacht, die Ente im Teich sei ein Psychopath und habe die andere, die dort lebte, ertränkt. Eines Morgens sah er sie bauchoben im Wasser treiben — und wann hat man schon gehört, dass eine Ente ertrinkt?

Ein paar Männer trinken Bier, ausser Robert raucht niemand, und fast alle gehen früh zu Bett. Emerald Earth ist eine Kommune, wie ich sie nicht kannte, nichts von «Sex & Drugs & Rock & Roll» — Hippies 2.0, wenn man so will. Sie sind weder politische Sektierer noch Bewohner eines Luftschlosses, das mit Flowerpower beheizt wird.

Der Teich ist wie eine grosse Wanne, voller Frösche, die nicht aus Gummi sind, und mit einer Ente, von der mir lieber wäre, sie wäre es. Böse blickt sie mich an. Eine Serienmörderin, keine Frage. Mittlerweile habe ich fast alle Kommunemitglieder näher kennengelernt. Einige von ihnen haben progressive Eltern, die teils selber in Gemeinschaften leben; ihre Kinder protestieren nicht wie diese einst gegen das Establishment und den Mief des Spiessertums. Sie setzen fort, was sie im Elternhaus gelernt haben. In Kalifornien gibt es mittlerweile 225 solcher «Intentional Communities». Der Andrang wächst und mit ihm die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen. Wirtschaftskrise, Klimaerwärmung und eine Rückbesinnung auf Werte, die mit den Händen geschaffen werden, sorgen für Zustrom. Viele, die sich meldeten, seien naiv, sagt Brent, fragten, ob sie ihr Pferd mitbringen könnten, oder sähen die Sache als etwas wie Ferien auf dem Bauernhof.

Emerald Earth ist wählerisch; ein Jahr dauert der Aufnahmeprozess, bis man sich schliesslich mit zehntausend Dollar einkaufen kann. Den Betrag kann man in Raten über fünf Jahre zahlen; er ist das Kapital zum Bau und Unterhalt von Infrastruktur und Häusern. Die Praktikanten, von denen sich manche um Mitgliedschaft bewerben wollen, lerne ich beim Frühstück in der Gemeinschaftsküche kennen. Einer scheint etwas scheu. Er heisst Ashley und bewegt sich, als wolle er nicht bemerkt werden. Er kommt aus Louisiana, erzählt er beim Kaffee, und hat für das Verteidigungsministerium in der Wüste von Arizona smarte Waffen getestet. Die Arbeit sei interessant gewesen, meint er, und ein Gewissen habe er sich nicht gemacht; die Sorte Waffen, wurde gesagt, würde Leben retten, da man keine Soldaten opfern müsse.

Eines Tages traf er Leute, die in einer Kommune lebten, und war fasziniert. Systematiker, der er ist, brachte er über sie und ihre Ideale mehr in Erfahrung. «Es war ein langsamer Prozess, Schritt für Schritt», sagt Ashley. «Am Ende entschied ich mich, nicht mehr für die Kultur des Todes zu arbeiten.»

Emerald Earth ist die zweite Kommune, die er besucht; er möchte sich ein paar ansehen, dann entscheiden. Zu seinen früheren Kollegen habe er noch Kontakt, doch immer weniger, sagt er. «Die meisten rufen nicht zurück, wenn ich eine Nachricht hinterlasse. Sie fürchten wohl die Fragen.»

Bei den «Locavores»: Ukiah

Ich starte den Chevrolet und mache mich zurück auf den Highway 101. Echsen huschen über das Strässchen, verscheucht vom Geklapper des Autos, dessen erstarrte Glieder der Schotter durchrüttelt. Kommunen wie Emerald Earth sind die Avantgarde einer Bewegung. In New York, der Stadt der Städte, ist es Mode, eigenes Gemüse zu ziehen. In Washington D. C. gibt der neue Nutzgarten des Weissen Hauses, zu dem Michelle Obama im Frühjahr den ersten Spatenstich tat, nicht weniger zu reden als der Rosengarten vor dem Oval Office, wo ihr Mann die Medien über die Weltlage orientiert. Die Krise ist der Katalysator des Wandels. Kalifornien steckt besonders tief drin. Unlängst noch die fünftgrösste Wirtschaftsmacht der Welt, gilt der Staat heute als nicht kreditwürdig. Doch er hat immer wieder Abstürze erlebt und sich aufgerappelt mit einer Geschwindigkeit, die einen schwindlig machen kann. Anfangs der Neunzigerjahre kollabierte die Wirtschaft, weil mit dem Ende des Kalten Krieges die Rüstungsaufträge wegfielen. In der Mitte des Jahrzehnts hatte sie sich bereits wieder erholt, nur um zur Jahrtausendwende erneut zu kollabieren, als die Dotcom-Blase platzte.

Die Zukunft kommt in Kalifornien rascher als anderswo. Des Öfteren ertappe ich mich bei der Verblüffung, dass dieser mit Naturwundern von Wüsten bis zu Schneebergen gesegnete Gliedstaat, dieses Monstrum mit seinen Megastädten, Flughäfen und Autobahnen vor hundertsechzig Jahren die Heimat von ein paar Dutzend Indianerstämmen war. Heute leben 37 Millionen Menschen in Kalifornien, das zehnmal so gross ist wie die Schweiz. Keine andere Weltgegend hat in so kurzer Zeit einen so rasanten Wandel durchgemacht.

Auch die neuste Wortschöpfung ist «made in California» — «locavore», lokaler Esser. Alice Waters, die Mutter der amerikanischen Bioküche, erntet nun die Früchte ihrer jahrelangen Kampagne für frisches, gesundes und schmackhaftes Essen. Die Frau, die von sich sagt, das köstlichste Mahl ihres Lebens habe sie bei Frédy Girardet im schweizerischen Crissier genossen, sieht das Credo ihres Lokals «Chez Panisse» in Berkeley nun Mainstream werden. Sie hat die «Edible Schoolyards» gestartet — Nutzgärten in den Schulhöfen, wo die Kinder lernen, woher was kommt, wie es schmeckt und dass es superduper ist, seine eigenen Snacks zu ziehen.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass diese Revolution von Leuten vorangetragen wird, die sich ein Mahl im «Chez Panisse» nie leisten könnten. Wohl aber eigenes Federvieh. Plötzlich hat jeder Hühner, nicht eines, zwei, sondern ein Dutzend. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in Städten, in Hinterhöfen und Einfamilienhausgärten. Die Radioshow von Andy Schneider, dem «Hühnerflüsterer», wird landesweit ausgestrahlt, und Brutanstalten, die Küken per Post verschicken, kommen mit Lieferungen nicht nach.

«Gardens Project»

Hühner sind das Krisentier par excellence. Fleissig, flauschig und bescheiden, futtern sie Tischabfälle und kacken Kompost. Sie legen Ei um Ei, ohne einen Gockel zu brauchen, weshalb städtische Behörden sie nun tolerieren. Mag sein, dass sie nicht besonders schlau sind. Die von Miss Nickerson, der Spanischlehrerin meines Sohnes, flattern auf die Bäume, um zu legen. Vielleicht wollen sie Spiegeleier machen, meint sie.

In meinem Wohnort Ukiah lasse ich mir von Miles Gordon zeigen, was alles an neuen Gärten in letzter Zeit gesprossen ist. Miles, ein umtriebiger Mann in den Vierzigern, leitet das «Gardens Project» einer Hilfsorganisation. Seine Funktion ist zu koordinieren, damit der Funken zünden kann. Wer will einen Gemeinschaftsgarten gründen? Was braucht es für Material dazu? Und wo gibt es einen Ort dafür?

Seit der Krise kommt er mit der Arbeit nicht nach. Jede Woche entsteht ein neuer Nutzgarten, in armen Wohngebieten, in Seniorensiedlungen, vor Schulen, Kirchen, Polikliniken, Gefängnissen, Obdachlosenasylen und wo immer es Leute gibt, die willens sind, ihn zu bestellen. «Das ist das Wichtigste», sagt Miles. «Wenn der Garten den Leuten nicht gehört, funktioniert es nicht.»

Wir fahren in seinem alten VW-Bus durch das Städtchen und sehen uns die Gärten an. An der Cleveland Lane ist der grösste, achtundzwanzig Familien mexikanischer Immigranten haben eine brachliegende Parzelle für den symbolischen Jahreszins von einem Dollar von der Stadt gepachtet und ziehen da allerhand Grünzeug, essbare Kakteen und Cayennepfefferschoten, bei deren Anblick allein einem die Tränen in die Augen schiessen. Genaro Vega, ein junger Mann von frohem Stolz, amtet als Obergärtner. Die Häuser, in denen er und seine Landsleute wohnen, haben sie selber gebaut. Es war eine üble Gegend; Drogen, Gangs, Messerstechereien. Nun trifft man nach Feierabend Familien mit Kindern, die hacken, schwatzen und zusehen, wie die Bohnen spriessen.

Wie Emerald Earth sind auch diese Gemeinschaftsgärten Meilensteine auf dem Weg zurück in die Zukunft. Dass sie sich so schnell verbreiten, hat einen historischen Grund. Zwanzig Millionen sogenannter «Victory Gardens» produzierten im Zweiten Weltkrieg vierzig Prozent der in den USA konsumierten frischen Nahrungsmittel. Ein Haus ohne Gemüsegarten war etwas Unamerikanisches, bevor die Agrarindustrie kam mit ihrer Fabriknahrung und die Kinder nicht mehr wussten, dass die Milch von der Kuh kommt. Dreiundvierzig Millionen Haushalte, sagt die «National Gardening Association», planen dieses Jahr einen eigenen Nutzgarten oder die Teilnahme an einem Gemeinschaftsgarten.

Ein Haus aus Stroh: Chiles Valley

Es ist ein schöner Sommermorgen, als ich wieder den Highway 101 unter die Räder nehme nach Süden, in Richtung San Francisco. Ich will ins Napa Valley, wo Amerikas exklusivste Weine herkommen, und von da ins Chiles Valley, um ein paar Indianern zu helfen, ein Strohballenhaus zu bauen. Bob Theis, der Architekt, meinte, selber mit anzupacken sei sinnvoller, als ihm zuzuhören, wenn er im Lehnstuhl doziert.

Mein betagter Chevrolet, obzwar von edlem Rot, macht sich unter all den auf Hochglanz polierten Luxuskarossen im Napa Valley aus wie ein Obdachloser an der Operngala. Hier liegen die Weingüter von Robert Mondavi, das Chateau Montelena und Stag’s Leap Wine Cellars, die Kellereien, die beim historischen Weintest 1976 die besten französischen Gewächse wie Meursault-Charmes und Mouton-Rothschild schlugen und das kalifornische Terroir berühmt machten. Neun Hohepriester der Weinkultur, alles Franzosen, fällten das Urteil und sorgten für Spott, als sie französische für kalifornische und kalifornische für französische Weine hielten und entsprechend Lob und Tadel verteilten.

Die Landschaft wechselt abrupt, als ich ins enge Chiles Valley komme. Geier kreisen über den Kreten, neugierig, ob mein Auto, das einzige auf der Bergstrasse, vielleicht etwas Essbares birgt. Bob Theis, ein asketisch wirkender Mittfünfziger mit feinen, abgearbeiteten Händen, zeigt mir ein Rundhaus, das gerade fertiggestellt wird. Ich helfe Erika, Bobs aufgeweckter Assistentin, beim Pflastern der Mauern. Sie zeigt mir die richtige Mischung, zwei Kübel Lehmerde, drei Kübel Sand, zwei Kübel Reisstroh, eineinhalb Kübel Wasser. Gemischt wird von Hand, in grossen Schalen. Es ist entsetzlich heiss, und bald strömt mir der Schweiss so aus den Poren, dass ich schon fürchte, nun zu viel Flüssiges in der Pampe zu haben.

Mit blosser Hand pappe ich sie aufs Stroh, das Erika zuvor mit Wasser besprüht hat, damit es hält. Es ist eine schöne Arbeit, das Material zu fühlen, im Dreck wühlen zu dürfen, ohne Mutter zu hören, das gefälligst sein zu lassen. Erika meint, ich könne froh sein, dass sie mit der Isolation fertig seien: ungewaschene Schafswolle, die stank und so viele Fliegen anzog, dass sich der Himmel verdunkelte.

Ein Strohhaus zu bauen macht viel Arbeit, kostet aber wenig. Die Ballen, Klötze in der Grösse einer Getränkekiste, sind billig, das Reisstroh für den Verputz kriegt man gratis, und den Rest des Materials liefert die Natur — Wasser, Lehmerde und Serpentinstein, der gemahlen wird.

Zu Mittag setzen wir uns unter ein Zeltdach zum Lunch. Bob breitet den Plan aus des ganzen Komplexes, der hier entstehen soll, mit Wohnungen, Küche, Badehaus und Familienräumen, in zwei Flügeln angeordnet. Der Suscol Intertribal Council, die Bauherrschaft, repräsentiert mehrere Indianerstämme. Die Mitglieder helfen mit, lernen die Technik, die ihre Vorfahren einst beherrschten, nun von Bob, einem weissen Amerikaner.

Sein erstes Strohhaus, ein Cottage, baute Bob 1993 — das zweite überhaupt, das in Kalifornien die Baubewilligung erhielt. Heute kann er sich vor Aufträgen nicht retten. Der Staat ist Weltspitze im Naturhausbau, die Behörden sind offen für Experimente. Ich dachte, Strohhäuser seien etwas für Wurzelzwerge in Heilandsandalen, doch Bob hat auch eine Mansion mit mehr als 500 Quadratmeter Wohnfläche für ein Lehrerehepaar errichtet. Kühl im Sommer, warm im Winter, spart so ein Haus Energie, ohne den Komfort zu mindern. Für die Männer, meint Bob, sei die Energieeffizienz ausschlaggebend, für die Frauen das Emotionelle. Ein Strohhaus hat nicht die harten Konturen eines Beton-, Glas- und Stahlbaus; es strahlt etwas Entspannendes aus, und man sieht, dass es von Hand gemacht ist.

Bob baut für Kommunen wie Emerald Earth, für Männer- und Frauenklöster, für Farmer und abenteuerlich gesinnte Klienten, die fast im Freien wohnen wollen. Obschon er ein Stararchitekt seiner Domäne ist, wird sein Werk von den Architekturzeitschriften ignoriert. Er hat seinen Frieden damit gemacht. Für Kollegen, die sich Denkmäler setzen, hat er nichts übrig. «Das Höchste, wonach ein Architekt streben kann, ist nicht ein individuelles, spektakuläres Gebäude», sagt er, «sondern die Schaffung eines Archetyps, der ein kulturelles Bedürfnis so gut erfüllt, dass die Gesellschaft ihn übernimmt.»

Lösung fürs Klima: Climos, San Francisco

Zurück im Tal, nehme ich ein Bad im Lake Hennessy und ziehe frische Kleider an für das Treffen mit einem Mann in San Francisco, der so reich ist, dass er sich von den berühmtesten Architekten Villen in jeder Weltecke bauen lassen könnte. Der Highway 101 legt sich mehr und mehr Spuren zu, je näher die Bucht kommt, doch den Verkehr können sie kaum schlucken. Dann taucht die Golden Gate Bridge auf, die Trägerspitzen im Nebel verloren. Von einer filigranen Kraft, beschwingt mich ihr Anblick jedes Mal, wenn ich sie passiere.

Dan Whaley hat eine Firma gegründet, die Climos heisst. Sie erforscht die Möglichkeit, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu holen und in den Ozeanen zu lagern. Das tun diese auch ohne menschliches Zutun. Fast die Hälfte des Kohlendioxid-Ausstosses des Planeten wird vom Phytoplankton gebunden und in den Tiefen versenkt. Mittels Zugabe von Eisen könnte man das Wachstum dieser frei schwebenden Algen stimulieren und so die Leistung der biologischen Pumpe steigern. Seit 1993 sind ein Dutzend Versuche mit der sogenannten Ocean Iron Fertilization gemacht worden. Die Ergebnisse sind ermutigend, Fragen sind offen. Manche fürchten, die Nebenwirkungen auf Flora und Fauna könnten die Heilwirkung überschatten.

Aber nicht darüber will ich mit Dan Whaley reden. Mich interessiert, warum ein Mann, der als 32-Jähriger seine Dotcom-Firma für 750 Millionen Dollar verkauft und damit den Rekord im Silicon Valley gesetzt hat, nicht die Beine hochlagert und an Martinis nippt. Dan Whaley ist der Pionier des elektronischen Handels. Im Juni 1995 wurde über den Server in seinem Haus in Palo Alto erstmals ein Flug übers Internet gebucht. Heute entfallen vierzig Cent von jedem Dollar, der online ausgegeben wird, auf die Reisebranche, für deren Internet-Plattformen Whaley die erste und erfolgreichste Software schrieb.

Die Büroräume von Climos im Quartier South Park sehen nicht aus, als hätten sie vom Geldsegen etwas abbekommen. Dan Whaley gibt wenig auf Äusserlichkeiten; ein grosser, athletischer Mann in Jeans und T-Shirt, der — wie nicht selten bei Persönlichkeiten — den Eindruck erweckt, er habe alle Zeit der Welt für einen. Er erzählt von den Anfängen von GetThere.com, des Unternehmens, das ihn reich gemacht hat. Er hatte Englisch studiert und sich das Programmieren selber beigebracht; Fahrpläne und Reservierungen, erkannte er, sind Informationen und damit ideal für Computerverarbeitung. Es sei aufregend gewesen, das alles aufzugleisen, meint er. Doch dann wuchs die Firma von drei Mitarbeitern auf sechshundert, und der Spass war weg. Er verkaufte sie an Sabre Holdings — drei Monate bevor die Internetblase platzte.

Ray Kurzweils Buch «The Singularity Is Near» hat ihn beeindruckt; die These, dass wir in ein neues Zeitalter eintreten, wo Mensch und Maschine sich zu einer höheren Lebensform verbinden und das Universum kolonisieren. Dan war beseelt vom Gedanken, etwas Wichtiges zu tun, etwas, das in einem Horizont von hundert Jahren zählt. Er nahm sich drei Jahre Zeit, das herauszufinden, packte seinen Jeep voll mit Büchern und fuhr nach Argentinien. In Internetcafés blieb er in Kontakt mit Freunden, diskutierte, was man in Angriff nehmen könnte, und sah schliesslich im Klimawandel das Problem, von dessen Lösung alles andere abhängen werde. «Dass man Reisen online buchen kann, verbessert die Lebensqualität nicht», meint er über seine frühere Leistung. «Die Leute hatten ein gutes Leben, als sie noch per Telefon buchten.»

Wichtig ist anderes, weiss er aus eigener Erfahrung. Mit neunzehn war er nach Nepal zu tibetanischen Flüchtlingen gereist, mit einundzwanzig allein mit dem Velo durch Amerika gefahren, ein halbes Jahr lang, jede Nacht im Freien. Er war fasziniert von fremden Kulturen und Menschen, wollte Ethnologe werden, stellte dann aber fest, dass er nicht gern Leute unter dem Mikroskop studiert, sondern lieber über Ideen nachdenkt. «Ich habe etwas von einem Einzelgänger, brauche viel Zeit für mich», sagt er. «Das ist wohl der Grund, weshalb ich immer noch Single bin.»

Scaling

Seine Mutter Margaret Leinen, eine renommierte Ozeanografin, die den Fachbereich Geowissenschaften der National Science Foundation leitete, bestärkte ihn in seinem Vorhaben. Er sei praktisch im Labor aufgewachsen, sagt Dan, der seine Mutter nun als Chefwissenschaftlerin des Teams von Climos angestellt hat.

Die Firma möchte ein grösseres Experiment im Südlichen Ozean starten, auf einer Fläche von vierzigtausend Quadratkilometern, getragen von einer privat-öffentlichen Partnerschaft. Es gilt eine Menge Hürden zu nehmen, um grünes Licht zu bekommen. «Wir sind noch im Forschungsstadium, die Resultate sind ungewiss, und wie immer sie ausfallen, wir werden sie akzeptieren müssen», sagt er.

Und erklärt dann, was dieses «Kalifornien-Silicon-Valley-San-Francisco-Ding» ist, das Milieu, in dem er, ein Kleinstädter aus Illinois, gross wurde. «Man denkt hier nicht in Begriffen von Problemen, sondern von Lösungen», meint er. «Hier lebt eine Art von Renaissancemensch, bereit, sich in Neues zu vergraben. Schwierigkeiten liebt man, ob es nun um Computerchips, das Internet oder die Reorganisation der Infrastruktur des Planeten geht.»

Es gibt einen Sprachcode, an dem man jemanden aus diesem Tal der unbegrenzten Möglichkeiten so zuverlässig erkennt wie einen Walliser an seinem Dialekt: «Scaling», Skalieren. In der Informatik bezeichnet das die Leistung eines Programmes. Eine Software ist «gut skalierbar», wenn sie bei der zehnfachen Nennlast mit den zehnfachen Ressourcen auskommt und bei noch höherer Last nicht ausfällt. Populär gesagt: Skalierbarkeit heisst, aus der Mücke einen Elefanten machen können, der auf festen Beinen steht. Nun, nach der Informationstechnologie, die eine Branche nach der anderen umgekrempelt hat, ist Cleantech dran. Die Ölindustrie, die Autoindustrie, all die Dinosaurier einer Vergangenheit, die keine Zukunft hat, sollen gründlich und global umstrukturiert werden. Mit neuen Produkten, die eben «skalierbar» sind, das heisst, den Weltbedarf decken können. «Das ist es, was Silicon Valley antreibt», sagt Dan. «Innovation — und der Ehrgeiz der kreativen Zerstörung.»

Ich frage Dan, wie wichtig Geld für ihn sei. Er meint, es sei angenehm, ein Haus, ein Auto, eine gute Stereoanlage zu haben, manchmal auswärts essen gehen und ab und zu reisen zu können. «Doch für mich sind es die Erfahrungen, die zählen», sagt er. «Ich kann mir den Luxus leisten, mich in das zu vertiefen, was mich interessiert. Und ich habe ein fantastisches Netzwerk von Leuten, die an mich glauben. Das ist unbezahlbar.»

Mit einem Augenzwinkern kann man behaupten, dass das Silicon Valley das illegitime Kind eines Schweizers ist. Als 1848 auf dem Grundstück von Johann August Sutters Kolonie «New Helvetia» nahe der heutigen Hauptstadt Sacramento Gold entdeckt wurde, ging der Sturm nach Westen los. Vergeblich hatte Sutter den Fund zu verheimlichen gesucht. Sutter Creek wurde zum Geburtsort der technischen Innovationen, die Kalifornien an die Weltspitze katapultierten. Es begann mit der für den Bergbau entwickelten Pelton-Turbine, die die Wasserkraft im Vergleich zur gewöhnlichen Turbine versechsfachte und die Energie zur Errichtung der industriellen Infrastruktur lieferte.

Grün hat Tradition

Wie kein anderer Staat der USA ist Kalifornien der Natur abgerungen. Das grösste Wassererschliessungs-Projekt der Weltgeschichte, ein gigantisches Netz von Reservoiren, Pumpstationen, Dämmen, Aquädukten, Kanälen und Rohrleitungen bringt täglich mehr als siebeneinhalb Milliarden Liter in den Süden, wo zwei Drittel der Bevölkerung leben, aber nur ein Drittel des Regens fällt. «Offen, flexibel, unternehmerisch und schamlos im Profitmotiv, entstand in Kalifornien eine Gesellschaft, die der Suche nach Utopia mittels Wissenschaft und Technologie freundlich gesinnt war», schreibt Kevin Starr, der frühere Staatsbibliothekar und Historiker, der mehr über den Golden State weiss als sonst jemand.

Der Goldrausch, der die Natur verheerte wie ein Heuschreckenschwarm die Ernte, ist auch der Vater eines Umweltbewusstseins, das in Kalifornien höher ist als anderswo. Das Engagement hat Geschichte — von 1884, als der Richter Lorenzo Sawyer, einst selber Bergmann einer Goldmine, die Schliessung einer Grube wegen Umweltverschmutzung anordnete, bis zu Julia Butterfly Hill, die im Dezember 1997 auf einen 1500 Jahre alten Redwood-Baum stieg und erst zwei Jahre später wieder herunterkam, als die Pacific Lumber Company auf das Abholzen der Riesen verzichtete.

Von Dan Whaleys Büro brauche ich bloss um die Ecke zu spazieren, um meine nächsten Gesprächspartner zu treffen. South Park gilt als die coolste Gegend von San Francisco. Zwar sind noch ein paar Alkoholiker da aus den Tagen, als man den Ort mied. Doch heute ist er, was Silicon Valley früher war; ein Woodstock heller Köpfe mit verrückten Ideen und grossen Plänen. Sie haben sich eingenistet in leeren Läden und ausgedienten Fabriken, sitzen mit dem Laptop vor den Kinderschaukeln und wissen, dass die Auserwählten unter ihnen die Steve Jobs, Larry Pages, Sergey Brins und Mark Zuckerbergs von morgen sein werden.

Die Wirtschaft sind wir: Virgance, San Francisco

Virgance, ein blutjunges Start-up-Unternehmen, hat sich im ehemaligen Milchbetrieb etabliert, wo Twitter war, bevor es doppelt so grosse Räumlichkeiten brauchte. Brent Schulkin und Steve Newcomb, die Gründer der Firma, haben mit ihrer provozierenden Idee meine Neugier geweckt: Sie wollen das Engagement für eine bessere Welt zum kapitalistischen Geschäft machen.

Brent, 24-jährig, trägt Bart und hat ein Talent zur Clownerie. Er hat in Stanford studiert, war aber die meiste Zeit in politischen Bewegungen aktiv: gegen den Irak-Krieg, für soziale Gerechtigkeit, die Verbesserung der Lage von Gefangenen. Der 39-jährige Steve Newcomb, ein Computerfreak mit schwarzer Hornbrille, arbeitete für ein halbes Dutzend Firmen und entwickelte dann mit einem Kollegen von Xerox PARC die Bausteine für eine Suchmaschine namens «Powerset». Letztes Jahr verkaufte er sie für hundert Millionen Dollar an Microsoft, das nun «Bing» daraus gemacht hat, die Konkurrenz zu Google.

Wenn man die beiden reden hört, könnte man glauben, sie seien ein altes Freundespaar wie Flauberts Bouvard und Pécuchet, nur so enthusiastisch, wie diese skeptisch sind. Ein gemeinsamer Bekannter, der fand, sie hätten einander etwas zu sagen, hat sie zusammengebracht. Brent war anfangs misstrauisch. Steves Plan, soziale Bewegungen zu nutzen, um die Gesellschaft in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit zu verändern und damit Geld zu verdienen, war ihm suspekt. Dabei hat Brent selber den Keim dazu gepflanzt mit seiner Kampagne «Carrotmob».

Carrotmob ist ein auf den Kopf gestellter Boykott. Statt Unternehmen zu strafen, weil sie die Luft verpesten oder Waren von Kindern fabrizieren lassen, sollen sie belohnt werden, wenn sie ihre ökologische und soziale Moral verbessern. Statt der Peitsche das Zuckerbrot. («Carrots and Sticks» ist das englische Äquivalent zur deutschen Redewendung.) Brent begann mit zwei Dutzend Lebensmittelläden in seinem Quartier. Er fragte die Inhaber, wie viel Prozent der Einnahmen sie für Energiesparmassnahmen verwenden würden, wenn er sie mit einem Mob von Kunden heimsuche. Das höchste Angebot, zweiundzwanzig Prozent, kam vom «K&D Market» im Mission District. Brent schlug ein und verbreitete die Nachricht im Cyberspace. Hunderte kauften ein, bescherten dem Ladenbesitzer den fünffachen Tagesumsatz und erreichten damit, dass er die Strom fressenden Leuchten und Kühlschränke auf «grün» umrüstete.

Nun klebt das Gütesiegel von Carrotmob, eine riesige weisse Karotte, am Schaufenster des Geschäfts. Es ging weiter mit Eisen- und Haushaltswarenläden, Restaurants und Bars. «Es ist nichts Radikales dabei», sagt Brent. «Wir bringen die Leute einfach dazu, Einkäufe, die sie sowieso tätigen würden, koordiniert zu tätigen.» Fernziel ist, beispielsweise, Zahnbürstenhersteller dazu zu bringen, ein kompostierbares Modell anzubieten. «Um eine Firma auf globalem Niveau zu beeinflussen, braucht es eine kritische Masse», sagt Brent. «Doch wenn es Geld bringt, tut ein Unternehmen alles.» Finanziell profitieren Brent und Steve nicht von Carrotmob, da sie noch nicht wissen, wie das zu bewerkstelligen wäre, ohne die Idee zu korrumpieren. «Wir nehmen uns Zeit, das herauszufinden», sagt Steve. «Es gäbe viele Möglichkeiten, aber die finden wir alle nicht gut.»

Doch ihre grösste Kampagne, «One Block Off the Grid» (kurz 1BOG, auf Deutsch: «Ein Häuserblock weniger am Stromnetz»), ist profitabel. Auf die Idee war Steve gekommen, als er von den Schwierigkeiten eines Ehepaares las, ihr Haus auf Solarenergie umzurüsten. Das Angebot ist verwirrend, ein Markenvergleich schwierig, die Installation einschüchternd. Kredite von Banken sind heute kaum zu bekommen, und will man die Steuerrabatte des Staates einziehen, verzweifelt man im Papierkrieg. 1BOG erledigt das alles, aber nur en gros. «Wir gehen von Tür zu Tür, veranstalten Hauspartys, verteilen Stossstangen-Kleber», sagt Steve. Sind hundert Hausbesitzer bereit, auf Sonnenenergie umzurüsten, holt das Expertenteam von 1BOG Offerten von Installateuren ein und handelt einen Mengenrabatt aus, der die Sache um fast ein Drittel verbilligt. Für den Grossauftrag kassiert Virgance vom Installateur eine Vermittlungsprämie. Kürzlich hat Virgance Kanyi Maqubela, den 24-jährigen schwarzen Philosophie-Absolventen von Stanford, der die Obama-Kampagne in Las Vegas leitete, für 1BOG angestellt. «Ich wollte weitermachen, was ich für Obama gemacht habe», sagt Kanyi, «Ideen verbreiten, Leute anstecken, etwas zu tun.»

So ist jedermann zufrieden — die Kunden, die Lieferanten und Virgance. Eine Win-Win-Win-Situation. Hunderte von Häusern sind umgerüstet, und Virgance ist landesweit bereits einer der grössten Player im Business. Jetzt erwägen Brent und Steve, dasselbe mit Autos zu machen, damit man seinen Benzinfresser gegen ein günstiges Hybrid- oder Elektromodell umtauschen kann. «Das vergangene Jahrhundert war das Jahrhundert der Erfindungen», meint er. «Dieses Jahrhundert ist das der Sanierung.» Jetzt müssten wir in Ordnung bringen, was wir vermasselt haben, auf Nachhaltigkeit ausrichten, was bisher Raubbau am Planeten war. Sie verstünden Virgance als eine Art Apollo-Projekt-Fabrik, sagen die beiden. Wie Kennedy es zum Ziel setzte, einen Menschen auf den Mond zu bringen, müsse man sich jetzt zum Ziel setzen, die Erde bewohnbar zu halten.

Das Gute siegt

Auch für die Armen, worauf das Projekt «Lend Me Some Sugar» zielt. Der Ausdruck stammt aus der Zeit, als man noch beim Nachbarn anklopfte, wenn einem der Zucker ausgegangen war. Lend will das Geld, das Grossfirmen wie Coca-Cola für Marketing ausgeben, auf Hilfsprojekte für die Dritte Welt umlenken. Funktionieren soll das so: Den Betrag, den die Firma in eine normale Werbekampagne stecken würde, verwendet Lend für einen Talentwettbewerb im Stil von American Idol, wo jedoch nicht der beste Sänger, sondern der Unternehmer oder die Non-Profit-Organisation mit der besten Hilfsidee gekürt wird. Für sauberes Trinkwasser, bessere Schulen, weniger Hunger — welches Thema auch immer ansteht. Das Preisgeld beträgt eine Million Dollar.

Das Spektakel findet nicht im Fernsehen, sondern auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Myspace, Hi5 und Bebo statt. Damit wird es zur Werbeplattform der Sponsorenfirma da, wo heute ihr Publikum ist. Millionen von Benutzern bestimmen den Sieger und verbinden dabei das Firmenlogo mit einer guten Tat. Die Finalisten sind zuvor von einer Jury aus den Bewerbern ausgewählt worden. «So spielt es gar keine Rolle, wer gewinnt, weil alle gut sind», sagt Steve. Ein Teil des Werbebudgets ist Honorar für Virgance, das Geld verdient, indem es die Massen mobilisiert. Deren Macht ist gross, wie die Obama-Kampagne gezeigt hat, die den Cyberspace besetzte wie niemand zuvor.

Steve und Brent sind überzeugt, dass man nicht gegen, sondern für etwas kämpfen muss, dass Gutes Beispiel machen wird und dass nur Unternehmen überleben werden, die begriffen haben, wie es um den Planeten und die Stimmung seiner Bewohner steht. «Wir sind das Volk», riefen die Demonstranten in der DDR ihren Herren zu, bevor das Regime abdankte. Die aufdatierte Parole heisst: «Wir sind die Wirtschaft.»

Die Erkenntnis, jetzt handeln zu müssen, hat Steve wie ein Blitz getroffen. An einer Tagung, an der er darüber sprach, wie man die Kraft des Kapitalismus mit der von sozialen Netzwerken verbinden könnte, meldete sich ein Herr aus dem Publikum und sagte: «Wenn du wie ich ein alter Furz sein wirst und dich die Enkel fragen: ‹Grossvater, was hast du gemacht damals, als die Welt auf der Kippe stand?›, willst du dann sagen, du hast eine zweitklassige Suchmaschine entwickelt? Was hindert dich loszulegen?» — «Oh Junge, da hat er mich erwischt», erinnert sich Steve an den Schock. Tags darauf gab er seinen Abschied von der Firma, die hernach für das runde Sümmchen verkauft wurde, von dem er jetzt seinen Teil in Virgance investiert.

Selbstkritisch und engagiert

Die Gespräche mit Dan Whaley, Brent und Steve gehen mir lange im Kopf herum. Alle drei sind sie unprätentiös und von einer inspirierenden Intelligenz. Als ich ihnen von Emerald Earth erzählte, hörten sie interessiert zu. Es ist nicht ihr Ding, aber es ist etwas, was in die gleiche Richtung stösst. Keine Frage, dass sie sich mit den Hippies 2.0 viel besser verstehen würden als mit Bankern, die wie sie Millionen und Abermillionen auf dem Konto haben. Mit denen mögen sie in derselben Steuerklasse sein. Doch sie haben es nicht nötig, eine innere Leere mit Statussymbolen zu armieren wie die Finanzhaie der Wall Street. Sie engagieren sich für etwas, was man seinen Kindern erzählen kann.

Darüber hinaus sind sie selbstkritisch. Auch das teilen sie mit den Mitgliedern von Emerald Earth. Keiner glaubt sich im Besitz eines Allheilmittels. Die Kommunarden wollen nicht mehr, als eine Lebensform ausprobieren und damit ein Beispiel geben. Dan Whaley gedenkt seine Forschungen abzubrechen, sollten die Experimente ergeben, dass die Risiken zu gross sind. Brent und Steve verwenden den grössten Teil ihrer Energie nicht auf die Frage, wie sie Kohle scheffeln könnten, sondern darauf, wie Missbrauch zu verhindern wäre. Deshalb, sagen sie, haben sie ihre Firma Virgance getauft, nach der Kraft in «Star Wars», die sowohl für Gutes wie für Schlechtes eingesetzt werden kann. Der Name soll als Mahnung dienen, nicht vom rechten Weg abzukommen. Carrotmob zum Beispiel, räumt Brent ein, sei nicht das Beste, was man für eine verantwortungsbewusste Lebensweise tun könne, sondern das Zweitbeste nach dem Konsumverzicht. «Wenn Carrotmob überflüssig wird, hat es seine Mission erfüllt», meint er.

Die elektronischen Kommunikationsmittel, die Virgance zur Organisierung der Konsumenten-Revolution nutzt, haben eine Geschichte im Silicon Valley. In Palo Alto baute Lee De Forest 1912 die Elektronenröhre, die AT & T für transkontinentale Telefongespräche einsetzte. Sie ermöglichte das Radio und schliesslich das Fernsehen, als Philo Farnsworth 1927 in San Francisco die erste Bildröhre vorstellte. Hewlett und Packard starteten ihre Firma, Intel kam, Apple, das Internet, Ebay, Yahoo und Google. Ob in China oder im Iran, wenn das Volk aufbegehrt, macht es sich die Megafone des 21. Jahrhunderts zunutze, die in Kalifornien erfunden wurden — Youtube, soziale Websites, virtuelle Vollversammlungen via Twitter. Silicon Valley, das Dreieck zwischen Palo Alto, Sunnyvale und San José, ist mit seinen sterilen Bürobauten eine kulturelle Wüste. Doch es hat die Kultur der Welt verändert.

Stanford, die Eliteuniversität, von der manche meiner Gesprächspartner kommen, machte nach dem Krieg Palo Alto zum führenden Forschungs- und Entwicklungszentrum in Elektronik, indem sie begabte Erfinder mit dem Lehrkörper zusammenbrachte, ein unabhängiges Forschungsinstitut sowie einen Industriepark schuf. In der Folge entstand eine neue Gattung von Kapitalist, der Risikokapitalist. Heute ist das Silicon Valley das Weltzentrum des Hightech-Risikokapitalismus; letztes Jahr flossen 39 Prozent allen Risikokapitals der USA dahin. Dan Whaley, der sich persönlich nicht viel aus Geld zu machen scheint, hat im Gespräch die märchenhaften Reichtümer gerechtfertigt, die da geschaffen werden: Nur wo die Aussicht darauf bestehe, werde die für kühne Projekte nötige Kapitalmenge bereitgestellt.

Geld für Fortschritt: Menlo Park, Silicon Valley

Also fahre ich nach Menlo Park, wo die reichen Kerle wohnen. Der Highway 101 ist hier nicht mehr die Strasse, auf deren Abwegen man Kommunen wie Emerald Earth finden kann. Die mit Blumengärten geschmückten Büroappartements an der Sand Hill Road, wo Khosla Ventures zu Hause ist, haben den Charme einer von Meister Proper verwalteten Playmobil-Siedlung. Ich parke den Chevrolet, dessen Lack schon Blasen wirft, etwas abseits; ich möchte nicht, dass mein Gesprächspartner sich ängstigt, auch ich habe womöglich die Lepra.

Vinod Khosla, Mitbegründer von Sun Microsystems, ist als Erster von Computern auf Cleantech umgestiegen; er hat die Trendwende eingeleitet. Der Milliardär zielt auf die grössten Märkte der Welt: Energie, Motoren, Licht. Neue Technik soll die alte entsorgen, indem sie, wie Khosla sagt, das Bessere zum «Chindia-Preis» bietet — billiger als China und Indien, seine Heimat. Khoslas Herkunft ist mit ein Grund, weshalb er sich nicht mit Kleinkram abgibt. Vermöge man mit einem Produkt nicht das Leben von mindestens einer Million Menschen zu verbessern, meinte er einmal, sei es bedeutungslos.

«Vinod war schon immer darauf aus, der Erste zu sein, der das nächste grosse Ding entdeckt», erklärt mir Ford Tamer, ein grosser schlanker Libanese, der das Massachusetts Institute of Technology absolviert hat und für Khosla arbeitet. Ford prüft Anfragen von Kapitalsuchern und tourt durch Universitäten und Forschungsinstitute auf der Suche nach Erfindern mit Ideen, die es wert sind, finanziert zu werden. Es ist wie beim Kuchenbacken: Hat man den Gärteig, gibt man die Ingredienzien wie Geld und Manager dazu, schiebt alles in den Ofen und hofft, dass es aufgeht. Beträge von hunderttausend Dollar bis fünfzig Millionen investiert Khosla Ventures in Start-ups.

Khosla, der nach Amerika emigrierte, weil ihn die Bürokratie und Korruption in Indien frustrierten, ist einer der Einwanderer, die Kalifornien zu dem gemacht haben, was es ist. Seit dem Goldrausch von 1849, als Hunderttausende in der Gier alles liegen und stehen liessen und herbeistürmten, ist der Zustrom nicht abgerissen. Von den Chinesen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen die transkontinentale Eisenbahn bauten, über die europäische Intelligenzija, die vor den Nazis floh und Hollywood gross machte, bis zu den Mexikanern, Asiaten und Russen, die Landwirtschaft und Industrie nähren. Heute zählt man in den Schulen von Los Angeles zweiundneunzig Sprachen. Die «Stadt der Engel» ist die zweitgrösste mexikanische Stadt der Welt und eine der grössten koreanischen, iranischen, armenischen und äthiopischen dazu.

Kalifornien ist das Muster, wie man friedlich zusammenlebt, auch wenn die eine ein Kopftuch und der andere ein Kreuz trägt. Die Erfahrung, dass die ethnische Vielfalt die Wirtschaft belebt und dass die illegalen Immigranten dazugehören wie die hergeholten Softwarehexer, ist stärker als die Angst vor Spannungen. Den Traum vom besseren Leben, der alle lockt, hat Hollywood mit verbreitet. Dass seine Filme weltweit konsumiert werden im Unterschied zu denen aus dem grösseren indischen Bollywood, liegt nicht zuletzt an dem ethnischen Mix. Er macht sie kompatibel — die kulturelle Software, die auf jedem nationalen Betriebssystem läuft.

Energie, sauber: Makani Power, Alameda

Mein letztes Reiseziel ist Alameda, die Insel in der Bucht von San Francisco, zu der eine Fähre hinüberführt. Hier war früher die Navy stationiert; ein paar ergraute Kriegsschiffe liegen noch vor Anker. Mein Besuch gilt einem Start-up, das im Wortsinn hoch hinauswill: Makani Power möchte die Kraft des Windes mit Drachen auf die Erde herunterholen.

Corwin Hardham, der braun gebrannte 35-jährige Cheftechniker der Firma, kommt als Wind- und Kitesurfer manchmal von «San Fran» übers Wasser zu seiner Werkstatt gesaust. Sein Projekt scheint aus den Skizzenbüchern von Leonardo da Vinci zu stammen und ist sicher die poetischste Art, Strom zu produzieren. Corwin zeigt einen Film des Versuchs, den sie in Maui gemacht haben. Einem Drachen gleich zieht ein Flugzeugflügel seine Kreise am Himmel, so gross, dass man ihn für eine bisher unbekannte Art von Ufo halten könnte. Zwei darauf montierte Windturbinen erzeugen den Strom, der über die Schnur zur Bodenstation geleitet wird.

Wunderschön traumverloren sieht das aus. Corwin betont die Vorteile der Elektrodrachen gegenüber stationären Windturbinen. Sie nutzen einen viel grösseren Windraum und erzeugen mit nur einem Flügelblatt etwa doppelt so viel Strom wie eine dreiblättrige Windturbine. Ausserdem müssen sie nicht mit massiven Pfeilern im Boden verankert werden.

Makani Power hat von Google fünfzehn Millionen Dollar bekommen, die Sache durchzuexperimentieren. Es ist eines der Projekte von Googles «RE<) die von Kohle (Coal) zu bringen, dem billigsten und schmutzigsten Energieträger. Die Flügel fliegen, die Turbinen drehen sich, der Strom fliesst. Doch das grosse Problem sei die Steuerung, erläutert Corwin in der Werkhalle, wo es aussieht wie in einem Waisenhaus für Flugzeugteile. «Die Frage ist: Können wir einen Roboter bauen, der das Ding Tausende von Stunden selbstständig fliegt?»

Die Vorstellung, wie die Drachen über den Ozeanen kreisen, in den Weiten der Prärie, majestätisch wie die Flugsaurier, die einst den Himmel bevölkerten, hat etwas Futuristisches. Es steht in der Tradition Kaliforniens, wo der erste bemannte Drachenflug stattfand und die Schallmauer erstmals durchbrochen wurde. Auslöser für die Flugbegeisterung war auch da der Goldrausch gewesen; die Daniel Düsentriebs von damals hatten daran herumgebastelt, wie man per Ballon von der Ostküste über den Kontinent ins westliche Eldorado fliegen könnte — hin zur «new frontier», wo man nicht schnell genug sein konnte. Daraus wurde nichts, aber was solls: Kalifornien, das Mekka der Neugierde, ist der Ort der kollektiven Begeisterung für das Noch-nicht-Dagewesene, wo es als Sünde gilt, Ideen abzuwehren. Wer wagt, gewinnt immer — wenn nicht in der Sache, so im Ansehen.

Ansteckende Zuversicht

Die Sonne ist am Untergehen, als ich die Interstate 880 nehme, vorbei an den ausufernden Hafenanlagen von Oakland, um wieder auf den Highway 101 einzuspuren, auf dem Weg nach Hause. Ich denke daran, was für ein Sonderfall Kalifornien schon geologisch ist, ein Wagnis der Erdgeschichte sozusagen; eine Platte Land, die von Zentralamerika abgebrochen war, nach Norden geschwemmt und ans Festland gepresst wurde. Die Naht, der Sankt-Andreas-Graben, sorgt für die ständigen Erdbeben. Im Oktober 1989 kollabierte die Interstate, auf der ich eben fahre, bei solch einem Beben und begrub zweiundvierzig Automobilisten unter Tonnen von Beton. Hier zu leben, wussten schon die Ohlone-Indianer, heisst «Tanzen auf der Kante der Welt».

Dieses Lebensgefühl hat etwas Wunderbares. Die Reise über Hunderte von Kilometern hat mich nicht ermüdet, im Gegenteil. Der Ideenreichtum meiner Gesprächspartner, ihre Zuversicht des «Yes, we can» inmitten all der niederschmetternden Nachrichten über Arbeitslosigkeit und Umweltmisere, ist ansteckend. So verschieden sie alle sind, sie bilden eine Art Alternativgesellschaft mit dem gemeinsamen Credo, den blauen Planeten wieder instand stellen und die Lebensgrundlagen für kommende Generationen sichern zu können. Was sie voneinander unterscheidet, sind die Mittel, dahinzukommen. Doch ob begütert oder in bescheidenen Verhältnissen, niemand von ihnen zeigt sich interessiert, ein Vermögen anzuhäufen, um von allem wegzukommen — die Insel zu kaufen, von der wir alle doch immer wieder träumen.

Mit Kalifornien wird weiterhin zu rechnen sein, denke ich, als ich den Chevrolet in die Einfahrt stelle und auf die Motorhaube tätschle. Tapfer hat er seine Pflicht getan und seine lottrigen Gelenke in Schwung gehalten — als sei selbst er weniger geplagt von der Last der Vergangenheit als gelockt von den Verheissungen der Zukunft.

Lesen Sie das ganze «Magazin»: www.dasmagazin.ch (Das Magazin)

Erstellt: 11.09.2009, 11:12 Uhr

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2 KOMMENTARE

Heinz Meier

11.09.2009, 16:33 Uhr

Ich bezweifle sehr, dass die Zukunft aus den USA kommt. Das Modell USA ist nämlich nicht zukunftsfähig, da nicht nachhaltig (wie viel % der globalen Ressourcen verbrauchen die schon wieder)? Auch die Industrie- und Dienstleistungsnationen sind nicht zukunftsfähig, da sie auf eine verschwenderische USA angewiesen sind.


Nadine Binsberger

11.09.2009, 12:46 Uhr

Vielen Dank für diesen tollen Artikel!



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