Die amerikanischen Ahnen von Ecopop

Radikale US-Umweltschützer wandten sich bereits vor Jahrzehnten gegen Masseneinwanderung. Die Debatte dauert noch immer an.

Naturschützer warnen vor Vereinigten Staaten mit 600 bis 700 Millionen Einwohnern: Stacheldraht markiert die Grenze zwischen den USA und Mexiko. (1. Juni 2010)

Naturschützer warnen vor Vereinigten Staaten mit 600 bis 700 Millionen Einwohnern: Stacheldraht markiert die Grenze zwischen den USA und Mexiko. (1. Juni 2010) Bild: AFP

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Nach der SVP-Initiative erwartet die Schweiz eine weitere Abstimmung über Einwanderung und Zuzug: Die Umweltorganisation Ecopop will, dass die «ständige Wohnbevölkerung» in der Schweiz jährlich nur noch um 0,2 Prozent zunehmen darf. Nur so könne der Zerstörung von Natur und Umwelt durch «ausufernde Bautätigkeit und überbordenden Ressourcenverbrauch» Einhalt geboten werden.

Die Schweizer Initiative hat amerikanische Ahnen: Mitte der Achtzigerjahre begann unter US-Umweltschützern und -verbänden ein heftiger Streit über die Folgen des Bevölkerungswachstums auf die Natur. Und erstmals brachen prominente Aktivisten mit der linksliberalen und besonders in der Demokratischen Partei stark verankerten Zustimmung zur Einwanderung. Das zuvor weithin totgeschwiegene Thema wurde und wird seitdem mit teils aussergewöhnlicher Schärfe debattiert.

Ein aggressiver Vorstoss

Wirklich losgetreten hatte die Diskussion der Umweltaktivist, Essayist und Romanautor Edward Abbey mit einem Beitrag, den die «New York Times» 1988 in Auftrag gab, dann jedoch als zu radikal ablehnte und nicht publizierte. Abbey, ein Bewunderer der Wüstenlandschaften des amerikanischen Südwestens, war berühmt geworden durch seinen 1975 erschienen Roman «The Monkey Wrench Gang», in dem eine Bande radikaler Umweltschützer notfalls mit Dynamit und Sabotage die Zerstörung der Natur in den Staaten Utah und Arizona verhindern will.

Abbeys aggressiver Vorstoss gegen die Einwanderung wurde zum Urtext von Aktivisten, die die amerikanischen Grenzen dicht machen wollten. «Sie kommen, um zu bleiben, und sie bleiben, um sich zu vermehren», hielt Abbey in seiner Breitseite gegen die Immigration fest. Danach warf er eine politische Handgranate nach der anderen: US-Konservative liebten «billige Arbeitskräfte», die Linken «ein billiges Anliegen». Es könne nicht angehen, so Abbey, dass Massen einwanderten und zur weiteren Zerstörung «unserer Wälder, Felder, Berge, Seen, Flüsse und Küsten» beitrügen. Vielleicht sei dauerndes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum «nicht der wahre Weg zu menschlichem Glücklichsein».

Empörte «New York Times»

Danach wandte sich Abbey dem Schicksal der amerikanischen Indianer zu und nahm ein Argument vorweg, dass bei europäischen Rechtspopulisten zunehmend populär geworden ist: Hätten die Ureinwohner die Masseneinwanderung nach Amerika unterbinden können, «wären wir Bleichgesichter nicht hier». Aber die Indianer seien «töricht und zerstritten» gewesen . Die Vereinigten Staaten, schrieb Abbey, hätten «nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren, wenn sie es zulassen, dass das alte Boot überladen wird». Um dies zu verhindern, brauche es mehr soziale Gerechtigkeit sowie mehr Geburtenkontrolle in der Dritten Welt.

Wolle man etwa den Mexikanern wirklich helfen, sollte jeder illegale Einwanderer an der US-Grenze abgefangen und mit zwei Schusswaffen sowie genügend Munition nach Hause geschickt werden. Der Abgewiesene werde wissen, «was er mit unseren Geschenken und guten Wünschen anfangen kann». Edward Abbeys Brandschrift erzürnte die Redaktionsleitung der «New York Times» anscheinend derart, dass sie ihm das Ausfallhonorar verweigerte.

Gesetzesreform löst Ängste aus

Sowohl der Sierra Club, eine der ältesten und einflussreichsten US-Umweltschutzorganisationen, als auch andere Gruppen erlebten in der Folge heftige Kämpfe zwischen Gegnern und Befürwortern der Masseneinwanderung, die teilweise andauern und immer wieder Rassismusvorwürfe zeitigen. Im vergangenen Herbst verlangte der Umweltaktivist Dave Foreman, berühmt geworden als Mitbegründer der radikalen Umweltgruppe Earth First!, in einem Beitrag in der Zeitschrift Earth Island neuerlich ein Ende der Masseneinwanderung.

Foreman warf US-Umweltverbänden Feigheit vor, weil sie das Thema tabuisiert hätten - obschon die anstehende Reform der Einwanderungsgesetze in Washington einen riesigen Schub an Zuwanderern bringen werde, den das Land kaum mehr verkraften könne. Werde das neue Gesetz verabschiedet, stiege die US-Bevölkerung von derzeit 314 Millionen auf 445 Millionen im Jahr 2050 «und auf 600 bis 700 Millionen im Jahr 2100 an», schrieb Foreman. «Wie viel Wildnis wird dann neuen Häusern, Strassen, Einkaufszentren, Kohlezechen, Rodungen und Öl- und Gasbohrungen weichen müssen?», fragte er und verlangte eine breite Studie über die ökologischen Konsequenzen der Zuwanderung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.02.2014, 22:06 Uhr

Trat in den USA eine Diskussion über Masseneinwanderung los: Der Schriftsteller Edward Abbey (1927-1989). (Bild: Wikipedia)

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