Ausland
«Die eigentliche Botschaft ist: Wir gehen raus aus Afghanistan»
Albert Stahel, 66 ist Professor für Strategische Studien an der Universität Zürich. Er bereist Afghanistan seit Jahren. (Bild: Keystone)
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Präsident Obama schickt weitere 30 000 amerikanische Soldaten nach Afghanistan, um den Krieg zu einem Ende zu bringen. Ist das die richtige Strategie?
Sie kann möglicherweise funktionieren. Denn gleichzeitig hat Barack Obama angekündigt, dass in 18 Monaten der Abzug beginnen wird. Die eigentliche Botschaft ist: Wir gehen raus aus Afghanistan.
Kann man die Taliban in achtzehn Monaten wirklich besiegen?
Nein. Es geht Obama aber um etwas anderes. Er will mit dieser Aufstockung die Voraussetzungen schaffen, um später ungehindert und ungefährdet abziehen zu können. Die Taliban sollen zurückgedrängt werden, damit nachher in diesen Gebieten die afghanischen Sicherheitskräfte die Kontrolle übernehmen können.
Ist es schlau, bereits jetzt ein Datum für den Abzug zu nennen?
Es ist gefährlich, weil die Taliban sich jetzt zurückziehen können, um später wieder zuzuschlagen. Das Datum ist für die Heimatfront gedacht. Obama will der amerikanischen Bevölkerung klarmachen, dass die amerikanischen Soldaten nicht in Afghanistan bleiben werden.
Wie fähig ist denn die afghanische Armee inzwischen?
Die Kampfkraft ist nach amerikanischen Angaben noch immer bescheiden. Von der Polizei wollen wir gar nicht reden. Sie ist seit Jahrzehnten hoch korrupt. Damit die afghanische Armee ihrer künftigen Aufgabe wirklich gewachsen ist, braucht es gewaltige Anstrengungen. Das ist nur zu erreichen, wenn man auch auf Mudschaheddin und auf Soldaten, die unter den Russen gedient haben, zurückgreift. Ansonsten ist das Potenzial zu klein.
Obama sagte auch, die Zeit der Blankochecks für die Regierung Karzai sei vorbei.
Auch dieser Satz war für das einheimische Publikum gedacht. Realistisch ist diese Aussage nicht. Um der Korruption und dem Nepotismus ein Ende zu setzen, hätte Obama mit der Regierung Karzai brechen müssen.
Karzai braucht sich also keine grossen Sorgen zu machen?
Es war immerhin eine Art öffentliche Ohrfeige.
Können die USA überhaupt Druck ausüben, falls Karzai nicht spurt?
Sie können Karzai mit der Alternative Abdullah Abdullah drohen. Obama sagte in seiner Rede deutlich, dass bei den Präsidentschaftwahlen im grossen Stil betrogen worden war. Es ist aber ein gefährliches Spiel. Der Versuch, Karzai zu ersetzen, könnte das Land vollends destabilisieren.
Wenig ermutigend für die Afghanen ist, dass Obama den Wiederaufbau allein an die afghanische Regierung delegiert.
Präsident Obama hat sich vom Nationbuilding verabschiedet. Es ist ihm zu kostspielig. Um diese Aufgabe können sich allenfalls noch die Vereinten Nationen kümmern. Für Obama kommt jetzt zuerst Amerika, und dann Afghanistan. Das Land hat acht verlorene Jahre hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.12.2009, 12:40 Uhr
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