Ausland
Die falschen Missionare am Pranger
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 06.02.2010
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Die Anklage gegen die zehn irregeleiteten Missionare ist der erste Fall, in dem die Regierung in Port-au-Prince strafrechtlich gegen ausländische Helfer vorgeht. Dabei können die US-Amerikaner nicht auf viel politische Hilfe aus der Heimat rechnen: Aussenministerin Hillary Clinton erklärte gestern, diese Affäre sei ausschliesslich die Sache von Haiti. «Dies ist etwas, was ein souveränes Land aufgrund der vorliegenden Beweise selber verfolgen muss.» Die demonstrative Distanzierung durch die US-Regierung ist mit den merkwürdigen Umständen und egoistischen Motiven der versuchten Entführung von 33 Waisenkindern zu erklären. Darüber hinaus aber rissen die Missionare mit ihrem Übereifer die alte Wunde der grassierenden Kindersklaverei auf.
Die Anführerin der Gruppe, Laura Silsby, war gewarnt. Bevor sie die Expedition ins Erdbebengebiet antrat, machte der dominikanische Konsul in Haiti, Carlos Castillo, darauf aufmerksam, dass sie wegen Kindsentführung oder sogar Menschenhandel vor Gericht gestellt würde, sollte sie keine Papiere für eine Adoption der Waisenkinder vorweisen können. Silsby hatte zwar einige Dokumente in der Dominikanischen Republik beschafft, aber eine Adoptiverlaubnis in Haiti selber schien ihr nicht nötig. Zusammen mit neun weiteren Missionaren rückte sie in der vergangenen Woche ins Erdbebengebiet vor, sammelte rasch 33 Kinder ein und machte sich auf den Rückweg.
Am Zoll wurde dem Treiben ein Ende gemacht. Die US-Amerikaner wurden verhaftet, und die Kinder wurden zu ihren Familien zurückgebracht. Entgegen der Behauptung der Missionare waren die meisten von ihnen keine Waisen. Vielmehr waren sie von ihren Familien - gemäss einer langen Tradition des Landes - als Restaveks weggegeben worden. Der kreolische Begriff bezeichnet präzis, worum es geht: Kinder aus armen Familien «verbleiben mit» einer anderen, vermögenderen Familie, wo sie ernährt, aber ebenso oft ausgenützt und missbraucht werden.
Die traurige Geschichte von über 300 000 Restaveks in Haiti, deren Schicksal von der Uno als moderne Form der Kindersklaverei angeprangert wird, schien die Laune der Laura Silsby nicht zu verderben. Obwohl ein Richter diese Woche einen Prozess wegen versuchter Kindsentführung einleitete, der sie bis zu 15 Jahre hinter Gefängnismauern bringen könnte, zeigte sie sich zuversichtlich. Gott werde ihr helfen, liess sie über Verwandte ausrichten, sie habe nichts Böses im Schild geführt.
Das Ausblenden der Realität kommt Geschäftspartnern der Frau durchaus bekannt vor. Ein Anwalt einer mit Laura Silsby in einen Rechtshändel verwickelten Firma sagt, sie habe stets hochfliegende Pläne gewälzt, ohne diese je umzusetzen. Oft habe sie explizit darauf vertraut, dass Gott ihr zu Hilfe komme.
Haitis Regierung muss handeln
Anders als bis anhin in den USA dürfte die Missionarin in Haiti nicht mehr mit Bussen und Verweisen davonkommen (siehe Text links). Die Anklage wegen Kindsentführung wiegt vor dem Hintergrund der Erdbebenkatastrophe besonders schwer. Die Regierung steht mehr denn je unter Druck, ein funktionierendes Rechtssystem zu errichten und dabei auch die Gesetze gegen die Kindersklaverei zu verschärfen.
Zu lange drückte die Elite des Landes beide Augen zu, wenn es um das Schicksal der Kindersklaven aus armen Familien ging, sagt Joan Conn, Direktorin der Jean Cadet Restavek Foundation. Die versuchte Entführung der 33 Kinder durch die US-Missionare zeige exemplarisch, wie leicht Kinder verschleppt und missbraucht werden könnten. Auch wenn die US-Gruppe angeblich gute Absichten hatte, so könnte der Fall der haitianischen Regierung gelegen kommen, um Härte nach innen und Unabhängigkeit nach aussen zu demonstrieren. Die unheiligen Missionare um Laura Silsby (vordere Reihe, Mitte) in Polizeigewahrsam in Haiti. Foto: Ramon Espinosa (AP, Keystone) Zwei der entführten haitianischen Kinder. Foto: Labrousse Wadson (AP, Keystone) (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2010, 10:59 Uhr









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