Ausland

Die grösste aller Staatspleiten

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 07.12.2011 30 Kommentare

Wie ist das, wenn ein Land bankrottgeht? Argentinien erfuhr es vor zehn Jahren. Es war schlimm, hätte aber noch schlimmer kommen können. Ein Rückblick – und ein Besuch beim Bändiger des Pleitedämons.

1/10 Das Unheil zeichnete sich auch in Argentinien zuerst an der Börse ab: Die Kurse fallen in den Keller (Buenos Aires, 30. Oktober 2001).
Bild: AFP

   

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«Wir versinken im Chaos», schrieb eine Zeitung. «Wir stehen am Rande des Bürgerkrieges», sagte der Erzbischof von Buenos Aires. «Argentinien ist ökonomisch, politisch und sozial bankrott», urteilte der amerikanische Ökonom Rudiger Dornbusch. Er forderte, die Wirtschafts- und Finanzpolitik einer ausländischen Expertenkommission anzuvertrauen, was das Land faktisch zu einem Protektorat degradiert hätte.

Es war Weihnachten 2001, und mit Argentinien schien es zu Ende zu gehen. Die Nation schlitterte in den Bankrott, die Mittelklasse in die Armut, die Armen ins Elend. «Que se vayan todos!», rief das Volk seinen Politikern zu – haut alle ab! Auf den Strassen wurde demonstriert, geplündert, aus Protest nächtelang gegen Pfannen und Töpfe geschlagen. Vor den Banken prügelten sich Kunden aus Angst um ihre Guthaben mit Polizisten, Bankangestellten und gegenseitig. Am 20. Dezember trat Präsident Fernando de la Rúa zurück und floh im Helikopter vom Dach des Regierungspalastes.

Die grösste Pleite eines einzelnen Staats

Danach lösten sich binnen einer Woche vier Staatschefs ab, ehe es dem Senator und ehemaligen Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Eduardo Duhalde, gelang, sich inmitten des Orkans auf dem Präsidentensessel zu installieren. 27 Menschen waren allein über Weihnachten bei Zusammenstössen zwischen Ordnungskräften und Demonstranten ums Leben gekommen. Insgesamt sollten die Wirren 39 Todesopfer fordern, darunter 9 Minderjährige. Mit einem Verlust von 102,5 Milliarden Dollar ist die argentinische Pleite bis heute die grösste eines einzelnen Staates.

Der verrückte Lavagna

Der Mann, der damals entscheidend dazu beitrug, Argentinien vor dem totalen Scheitern zu bewahren – vor einem Bürgerkrieg, dem Zusammenbruch der staatlichen Institutionen, dem Rückfall in den Tauschhandel –, heisst Roberto Lavagna. Er war UNO-Botschafter in Genf, als ihn Präsident Duhalde aufforderte, von einem Tag auf den anderen nach Buenos Aires zurückzukehren und Wirtschaftsminister zu werden. Lavagna sagte zu, obwohl ihn selbst enge Freunde als verrückt bezeichneten. Heute arbeitet er als Berater, Analyst, Dozent, seine weitläufigen, hellen Büroräume liegen im Zentrum der Hauptstadt.

Der 69-Jährige ist zurzeit ein gefragter Gesprächspartner und Vortragsreisender. Kann er als Bändiger des Pleitedämons, der damals über Argentinien herfiel und heute Europa bedroht, irgendwelche Ratschläge erteilen? Lavagna setzt sich an den Konferenztisch und sagt: «Vor allem zwischen dem heutigen Griechenland und dem damaligen Argentinien gibt es mehrere Gemeinsamkeiten. Aber ich fühle mich nicht berechtigt, einer ausländischen Regierung dreinzureden, denn ich habe mich seinerzeit selber über die Empfehlungen und Forderungen von Leuten geärgert, die irgendwo weit weg sassen und alles besser zu wissen glaubten.» Ohnehin befürchte er allmählich, dass selbst nützlicher Rat zu spät käme.

Unheilvolle starke Währung

Die wichtigste Parallele zwischen Argentinien 2001 und Griechenland 2011 – und zwischen Argentinien und den übrigen von der Krise erfassten Ländern Südeuropas – liegt im Unheil einer zu starken Währung, welche die Wettbewerbsfähigkeit untergräbt und einen Konsumrausch auf Pump entfacht. In Argentinien hatten 1991 Präsident Carlos Menem und sein Finanzminister Domingo Cavallo beschlossen, die Hyperinflation durch eine radikale Massnahme zu bekämpfen: Sie verabschiedeten das «Konvertibilitätsgesetz», das zwischen dem argentinischen Peso und dem Dollar einen fixen Wechselkurs von eins zu eins festlegte. Hatte die Teuerung in den Achtzigern phasenweise mehrere Tausend Prozent pro Jahr erreicht, sank sie nun unter zehn Prozent.

Die Bevölkerung verfügte plötzlich über eine wundersame Kaufkraft. Importprodukte wurden billig, Reisen ins Ausland auch. Es brach die Zeit an, in der Zehntausende argentinischer Touristen die brasilianischen Strände stürmten und sich manchmal benahmen wie die neuen Herren Südamerikas.

Schöne Ferien in Paris

Elena Lamberti hatte damals gerade ihr Studium beendet und eine Stelle als Ernährungsberaterin angetreten. «Mit meinem ersten Lohn wäre ich vor dem Konvertibilitätsgesetz so schlecht und recht über die Runden gekommen. Nun reichte er neben den alltäglichen Ausgaben für drei Wochen Ferien in Paris», sagt sie.

Unter dem Applaus von Internationalem Währungsfonds, Weltbank und ausländischen Investoren privatisierte der bekennende Neoliberale Menem unrentable Staatsbetriebe. Dass die Einnahmen nicht zur Verbesserung der Infrastruktur, sondern fast ausschliesslich für laufende Ausgaben verwendet wurden, dämpfte die allgemeine Begeisterung kaum. Lamberti kaufte sich einen Geländewagen. «Manchmal überfiel mich der Verdacht, das alles sei ein Traum. Ein Traum, der irgendwann enden würde.»

Das Ende kündigte sich in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre an. Finanzkrisen in Mexiko, Russland und Asien liessen die Begeisterung internationaler Investoren für Emerging Markets verblassen. Die Agrarpreise fielen, der Dollar stieg, und mit ihm der argentinische Peso. Dass Argentiniens wichtigster Handelspartner Brasilien seine Währung abwertete, traf die ohnehin ausgezehrte Exportwirtschaft bis ins Mark. 1998 schlitterte Argentinien in eine Rezession. Doch statt die Dollarbindung aufzugeben, verschuldete sich die Regierung immer mehr und immer schneller. Während die internationalen Gläubiger das Vertrauen verloren, befürchteten argentinische Sparer eine Abwertung des Peso und damit auch ihrer Guthaben.

Wachsende Panik

Eines Morgens im November 2001 stand Elena Lamberti um fünf Uhr auf, reihte sich vor ihrer Bank in eine unendlich lange Menschenschlange ein und hob Stunden später einen Teil ihres Vermögens ab, um es in Dollar umzutauschen. Die Scheine legte sie zu Hause in einen Tresor. Ihre Eltern hatten ihr Jahre zuvor eine beträchtliche Summe als Vorerbe überlassen. Allein am 30. November flossen eineinhalb Milliarden Dollar aus dem argentinischen Finanzsystem ab, was die Regierung in ihrer wachsenden Panik drei Tage später veranlasste, den sogenannten Corralito (das Ställchen) auszurufen – bis heute ein Schreckenswort für alle Argentinier.

Fortan durften Kontoinhaber wöchentlich nur noch 250 Pesos abheben. Gitter und Wellblechwände schützten die Banken vor der Wut ihrer Kunden. Der Detailhandel kam mangels Geldnoten vielerorts zum Erliegen, Geschäftsinhaber liessen die Rollläden hinunter, und wenn sie es nicht taten, drohten ihnen Plünderungen.

Eine surreale Zeit

Die Provinzregierungen druckten eigene Schuldscheine, die als Parallelwährung dienten. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über 20, der Anteil der Armen auf 60 Prozent. «Jahrelang hatten uns die Politiker versichert, wir hätten das solideste Finanzsystem der Welt. Dann war es plötzlich unmöglich, im Supermarkt einen Liter Milch zu kaufen», sagt Lamberti. «In der Erinnerung wirkt jene Zeit surreal. Es war, wie wenn wir plötzlich aus der Zivilisation gefallen wären.»

Die damals 26-Jährige stand auf der Plaza de Mayo, als Präsident de la Rúa flüchtete. Kurz darauf gab sein Nachfolger Adolfo Rodríguez Saá im Kongress bekannt, Argentinien sei bankrott. Parlamentarier und Bevölkerung empfanden das Eingeständnis als Befreiung aus dem Klammergriff der internationalen Gläubiger. Es wurde bejubelt wie ein Sieg der Fussballnationalmannschaft. Trotzdem regierte Saá nur sieben Tage.

Lavagnas Verzicht auf Kredite

In den folgenden Monaten lehnte Roberto Lavagna die meisten Forderungen von Währungsfonds und Weltbank ab. Er verweigerte neue Sparmassnahmen zulasten der gebeutelten Bevölkerung, verhinderte Einschnitte bei Löhnen, Renten und Sozialprogrammen und verzichtete darauf, die Steuern zu erhöhen. Er teilte dem damaligen IWF-Chef und späteren deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler mit, dass Argentinien bis auf weiteres keine Kredite mehr wünsche.

«Ich musste es dreimal wiederholen, weil er es einfach nicht glauben konnte. Ich dachte, mein Englisch sei vielleicht zu wenig verständlich», sagt Lavagna. In Krisenzeiten müsse man das Unkorrekte wagen, nämlich den Binnenkonsum zum Wachstumsmotor erklären und die Ausgaben zu dessen Ankurbelung erhöhen statt senken. Die Sparprogramme, die man heute den Schuldenländern Europas aufzwinge, seien genauso falsch wie damals die Forderungen des IWF.

Allerdings stand Argentinien ein Weg offen, den der Euro einem einzelnen europäischen Staat verwehrt: Die Währung abzuwerten, um die einheimische Industrie wiederzubeleben. Ausserdem verfügt Argentinien als flächenmässig achtgrösster Staat der Erde über gewaltige natürliche Ressourcen. Sank seine Wirtschaftsleistung 2002 noch um elf Prozent, haben Weizen, Rindfleisch und Soja seither ein jährliches Wachstum von über acht Prozent ermöglicht. Für Argentinien endete das weihnachtliche Drama vom Staatsbankrott mit einem Happy End. Für seine Gläubiger nicht: Das Geld, das sie dem Land geliehen hatten, mussten sie zu drei Vierteln abschreiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2011, 18:40 Uhr

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30 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

07.12.2011, 09:17 Uhr
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«Unter dem Applaus von Internationalem Währungsfonds, Weltbank und ausländischen Investoren privatisierte der bekennende Neoliberale Menem unrentable Staatsbetriebe.» Offenbar haben noeoliberale so ziemlich überall eine Katastrophe verursacht - um so unverständlicher, dass heute immer noch auf WB, IMF, etc gehört wird, obwohl man weiss, dass die nichts taugen. Antworten


Hans Albrecht

07.12.2011, 10:36 Uhr
Melden 28 Empfehlung 0

Gelungener Artikel, vor allem dass dieser "beweist" dass hoch verschuldete Euroländer nur mit eigenen währungen sich aus dem schlammassel retten können bzw. werden! zum glück haben wir "öisi fränkli"! Antworten