Die Ära Bush endet im Fiasko

In den USA ist jeder Zehnte auf Lebensmittelmarken angewiesen, Millionen verlieren ihr Dach über dem Kopf – und das Schlimmste kommt erst noch.

Bettler in New York: Die Zahl mausarmer Amerikaner nimmt zu.

Bettler in New York: Die Zahl mausarmer Amerikaner nimmt zu.
Bild: Keystone

Bedenklich war die Lage der Nation: Energiekrise und hohe Inflation beutelten Jimmy Carters Amerika, worauf es der Präsident im Sommer 1979 für nötig befand, in einer Fernsehansprache die amerikanische Befindlichkeit zu sezieren. Eine «Erosion unseres Vertrauens in die Zukunft» beklagte der glücklose Präsident, seine Ansprache aber wurde fortan als «Malaise-Rede» verspottet.

Dabei waren Carters Sorgen gering im Vergleich zu denen, welche die Amerikaner in diesem winterlichen Interregnum zwischen der Ära Bush und dem Beginn der Obama-Präsidentschaft plagen: zwei Kriege, eine schwer angeschlagene Wirtschaft - und das krachende Ende des Kasinokapitalismus. Nahe dem Pentagon am südlichen Ufer des Potomac in einem grossen Einkaufszentrum stehen die Dinge entsprechend; nicht einmal unerhörte Discounts - «70 Prozent!» - animieren die Käufer. «Alle Schnäppchen, deren Preise mit 99 Cents enden, sind nochmals 30 Prozent verbilligt!», lockt die Managerin einer Bekleidungskette, ohne dass sich ihr Laden deshalb mit Kunden füllte.

60'000 Betriebe pleite

Schon möglich, dass auch sie im Frühjahr, wenn die Zahl der Pleiten explodieren dürfte, auf der Strasse stehen wird. Nahezu 60'000 Betriebe und Firmen sind 2008 im Schlepptau der Krise in die Insolvenz geschlittert, darunter grosse Banken wie Lehman Brothers und kleine Klitschen, die ihren Inhabern gleichwohl den amerikanischen Traum garantierten. In Detroit hoffen die Autowerker unterdessen auf ein weihnachtliches Wunder, derweil Autohändler Verkäufer und Mechaniker feuern.

So steil sind die Anträge auf Arbeitslosenunterstützung angestiegen, dass 30 Bundesstaaten das Arbeitslosengeld auszugehen droht, während die Kassen zweier Staaten - Michigan und Indiana - bereits leer sind. Kalifornien steht vor einem Budgetloch von über 40 Milliarden Dollar, andere Staaten haben längst begonnen, Bedienstete zu entlassen und Projekte einzufrieren. Als ob solche Hiobsbotschaften das amerikanische Gemüt nicht genug bedrückten, erschüttert ein überlebensgrosser Finanzskandal die Wallstreet, angerichtet ausgerechnet von einem Biedermann wie Bernard Madoff, der den Ruf eines pekuniären Heiligen genoss.

Auf dem finanziellen Bauschutt des Lebens

Und während George W. Bush, dessen Abgang viele Amerikaner innig herbeisehnen, in Bagdad mit Schuhen beworfen wurde - warum nicht hier?, fragten sich manche Bürger -, schlug man sich zu Hause mit der Frage herum, wie furchtbar das kommende Jahr ausfallen werde. Ferne Erinnerungen nur sind die Tage, da pfiffige Amateur-Spekulanten Apartments kauften und verkauften, bis ihre Bankkonten prallvoll waren. Nun schüttelt man kollektiv den Kopf über Figuren wie die Akupunkteurin Rula Giosmas aus Miami, die im Fernsehen zu Protokoll gab, sie habe sechs Apartments auf Pump gekauft und sitze jetzt inmitten explodierender und somit unbezahlbarer Hypothekenraten auf dem finanziellen Bauschutt ihres Lebens.

Millionen Amerikaner haben ihre Wohnungen und Häuser bereits verloren, weitere Millionen werden sich 2009 dazugesellen - und Wohnviertel hinterlassen, deren unheimliche Leere sich nicht dem Einsatz einer Neutronenbombe verdankt, sondern dem Untergang des Turbokapitalismus. Mittlerweile wächst die Zahl der Hungernden und zehrt jeder Zehnte bereits von staatlichen Lebensmittelmarken.

Immense Erwartungen an Obamaa

«Mehr und mehr arbeitende Arme schliessen sich den Reihen arbeitsloser, verarmter und obdachloser Familien an», berichtete Carolyn Duff, die Vorsitzende der Vereinigung der Krankenschwestern in amerikanischen Schulen, vorige Woche bei einer Anhörung über die Lebensmittelkrise vor dem Landwirtschaftsausschuss des Senats. Das Land, lautete danach das Fazit des demokratischen Senators Patrick Leahy, befinde sich in einer «signifikanten Wirtschaftskrise, und Hunger ist eines der ersten Anzeichen, das wir in dieser reichsten Nation der Erde sehen».

Das Schlimmste aber steht den Amerikanern noch bevor, denn niemand weiss, wann die Talsohle erreicht sein und es wieder aufwärts gehen wird. Zwischenzeitlich harrt das Land des neuen Präsidenten, als erwarte es geradezu Übermenschliches von Barack Obama, auf dem eine Last ruht, wie sie nicht einmal Jimmy Carter damals, im Jahr 1979, drückte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2008, 07:30 Uhr


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