Donald Trumps «Mantel des Zorns»

Die letzte TV-Debatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in der Nacht zeigte ein Problem: Die Spitzenreiter sind ein Albtraum für die Partei-Elite.

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Und wieder standen sie auf einer Bühne, wieder liessen sie sich abfragen und stritten sich: Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten trugen gestern Abend in North Charleston im Südstaat South Carolina ihre sechste Debatte aus. Nur sieben sind noch übrig geblieben aus dem anfänglichen Feld von mehr als einem Dutzend, doch immer noch sind es zu viele für den Geschmack des republikanischen Establishments.

Zusehends nervöser blicken die Eliten der Partei in Washington und den Staatshauptstädten auf das Gerangel ihrer vielen Kandidaten – mit gutem Grund: Zweieinhalb Wochen vor der ersten Entscheidung der Parteibasis in Iowa über die Nominierung des republikanischen Bannerträgers für die Wahl im November sind die Spitzenreiter, nämlich Donald Trump und der texanische Senator Ted Cruz, unvermindert ein Übel für die republikanische Elite. Nicht ein einziger republikanischer Senator oder Abgeordneter in Washington unterstützt Trump oder Cruz.

2 Stunden 29 Minuten politischer Wahnsinn: Die TV-Dabatte in vollständiger Länge. (Quelle: Youtube/YouFirstNews)

Die Hoffnung, aus dem Rest des Feldes werde sich noch rechtzeitig ein akzeptabler Kandidat herausschälen – etwa Senator Marco Rubio oder Floridas Ex-Gouverneur Jeb Bush –, erfüllte sich auch in North Charleston nicht: Alle vier Favoriten des Establishments, neben Bush und Rubio Ohios Gouverneur John Kasich sowie New Jerseys Gouverneur Chris Christie, hatten gute wie schlechte Momente während der Debatte, vom Sockel aber stiessen sie weder Donald Trump noch Ted Cruz.

Wie sollten sie auch? Nach Jahren leerer Versprechen und getrieben von Ängsten über ihre wirtschaftliche Zukunft sowie die Einfärbung der amerikanischen Gesellschaft durch Minderheiten und Migranten scheint ein Teil der republikanischen Basis fest dazu entschlossen, Provokateure wie Trump und Cruz zu folgen: Sie verleihen ihrem Ärger Ausdruck und scheren sich zudem nicht um die Interessen des Establishments. Freihandel und Handelsverträge? Nicht mehr mit uns! Einwanderung aus Mexiko oder sonst wo? Vergiss es! Flüchtlinge aus Syrien? Zum Teufel damit!

«Absturz der stolzen Supermacht»

Er sei stolz, diesen «Mantel des Zorns» zu tragen, sagte Donald Trump gestern Abend in North Charleston. Zwar war sich die Kandidatenschar einig in ihrer Abscheu vor Barack Obama als einem Präsidenten, unter dessen Führung die Nation zu einem Schwächling mutiert sei, der sich beim Iran entschuldige, den IS gewähren lasse und Wladimir Putin nichts entgegenzusetzen habe. Ebenso einig sind sich die Kandidaten über Hillary Clinton, deren Einzug ins Weisse Haus den endgültigen Absturz der einst stolzen Supermacht bedeuten würde.

Ansonsten aber gibt es nicht allzu viel Einigkeit, wenngleich der gestern neuerlich blasse Jeb Bush treuherzig versicherte, nach geschlagener Schlacht werde man sich selbstverständlich «hinter den Kandidaten» der Partei stellen. Das Problem ist, dass sich Cruz und Trump zwar in North Charleston gelegentlich kräftig stritten – etwa darüber, ob der Texaner wegen seiner Geburt in Kanada überhaupt für das Präsidentenamt qualifiziert sei –, keiner der Verfolger daraus jedoch einen Vorteil ziehen konnte.

Wie auch? So laut grollt ein Teil der republikanischen Basis, dass sogar die kleinsten Attacken des Establishments auf Trump oder Cruz zu grandiosen Rohrkrepierern werden. Als beispielsweise South Carolinas republikanische Gouverneurin Nikki Haley, ein Kind indischer Einwanderer, in der offiziellen republikanischen Erwiderung auf Barack Obamas Rede zur Nation am Dienstag republikanische Wähler ermahnte, nicht «den zornigsten Stimmen» zu folgen und damit Cruz und vor allem Donald Trump meinte, erhob sich in der republikanischen Meinungssphäre, wo rabiate Radio-Talker wie Rush Limbaugh und brachiale Kommentatoren wie die publizistische Einheizerin Ann Coulter den Ton angeben, umgehend ein Sturm der Entrüstung: Was falle Haley ein, welch eine Unverschämtheit, gewiss stecke das Establishment dahinter!

Das Einwandererkind ausschaffen

Coulter schoss den Vogel ab, als sie twitterte, ein Präsident Trump solle das Einwandererkind Haley doch einfach «aus dem Land schaffen». Gestern Abend sass Haley in der Halle, von Trump zwar als «Freundin» gelobt, doch unmissverständlich daran erinnert, dass ihr Aufruf zu mehr Toleranz mitsamt ihrem Eingeständnis, die Republikaner trügen ebenfalls zur Polarisierung im Land bei, in seiner und Ted Cruz' Republikanischer Partei keinen Platz hat.

Wenn der Nominierungskampf entschieden sei, werde es «schwierig werden, die Partei wieder zusammenzufügen», sagte neulich Patrick Buchanan, bei den Präsidentschaftswahlen 1992 und 1996 selbst ein Held des Anti-Establishment-Flügels der Partei. So ist es, und die Debatte in North Charleston dürfte die blank liegenden Nerven der Parteioberen und der mit ihnen verbandelten Freihändler, Globalisierer und Geldmänner kaum beruhigt haben.

Ihr einziger Trost könnte sein, dass die andere Seite, nämlich die Demokraten, gleichfalls eine Show ohne Drehbuch aufführen: Immer näher rückt der «Sozialist» und Senator Bernie Sanders der lahmen Hillary Clinton in sämtlichen Umfragen. Kaum ist es vorstellbar, aber vielleicht setzt die Kronprinzessin ihre Kandidatur nach 2008 schon wieder in den Sand. Trump gegen Sanders: Das gäbe etwas her. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.01.2016, 09:32 Uhr)

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