Ein Elefant namens Trump

Gewinnt Donald Trump morgen den Super Tuesday, ist die bisherige Republikanische Partei erledigt. Es wäre die überfällige Quittung für ihre zynische Politik.

Bild: Daryl Cagle/Cagle.com

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Henry Kissinger war ausser sich: «Ich sehe nicht ein, warum wir zusehen sollen, wenn ein Land wegen der Unverantwortlichkeit seiner Menschen kommunistisch wird», kommentierte Richard Nixons Sicherheitsberater im Juni 1970 den Wahlsieg des chilenischen Präsidentschaftskandidaten Salvador Allende. Man muss lediglich «Land» durch «Partei» und «kommunistisch» durch «trumpistisch» ersetzen, um zu beschreiben, wie es in diesen letzten Tagen vor der womöglich entscheidenden Vorwahlserie am morgigen Superdienstag um die Republikanische Partei steht.

Panik hat eingesetzt, denn unvorstellbar ist für die Eliten der Partei, dass ein grosser Teil ihrer Wähler, die sich stets als unkritische Garanten republikanischer Wahlerfolge leiten liessen, nun Donald Trump die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Partei zuschieben könnten. Wie unverantwortlich! «Die Vollendung von Donald Trumps feindlicher Übernahme der Republikanischen Partei ist in Reichweite», kommentierte Ryan Lizza im «New Yorker» ein am Horizont aufziehendes Debakel, das die politische Landschaft der Vereinigten Staaten wie kaum ein anderes Ereignis in den vergangenen Jahrzehnten erschüttern und neu ordnen würde.

Schweiss und Urin

Noch kann Trump abgefangen werden, die Götterdämmerung der Republikanischen Partei in ihrer bisherigen Form ist indes in vollem Gange. Sie manifestiert sich unter anderem in einem Wahlkampf von solcher Niveaulosigkeit, wie er bislang in kaum einem westlichen Land geführt wurde. Da ist Senator Marco Rubio, der sagt, Trump habe bei der letzten TV-Debatte vor Aufregung in die Hosen gepinkelt. Trump wiederum macht sich über Rubios Schweissausbrüche lustig: Tabu ist nichts mehr, bis weit unter die Gürtellinie darf gedroschen werden. Ronald Reagans ehernes «elftes Gebot», wonach ein Republikaner niemals einen anderen Republikaner öffentlich niedermachen dürfe, ist längst Makulatur.

Donald Trump marschiert unverdrossen weiter zum Takt seiner Tweets, die wie Mistkübel über die Köpfe seiner Widersacher niedergehen. Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2012, wagte Trump vergangene Woche zu kritisieren. Romney, so twitterte Trump als Antwort, sei «einer der dümmsten und schlechtesten Kandidaten in der Geschichte der Republikanischen Partei». Überhaupt seien seine Anhänger «zornig über die Art und Weise, wie die Republikanische Partei geführt wird», sagte Trump gestern.

Ein Elefant mit eigenem Porzellan

Längst haben die verbalen Handkantenschläge des Milliardärs die Eliten der Partei in Rage versetzt. Trump ist in ihre schöne heile Welt eingebrochen wie ein Elefant, der sein eigenes Porzellan mitbrachte. In der Hoffnung, seinen durchs Land rollenden Zirkus doch noch von der Siegerstrasse abzubringen, intrigieren sie nun gegen den Störenfried: Die republikanischen Financiers in New York, die intellektuellen Vordenker in den Washingtoner Thinktanks wie die Bonzen der Partei auf dem Kapitolshügel der Hauptstadt.

Die Geldgeber gaben sogar eine vertrauliche Studie bei der Consulting-Firma Data Targeting in Auftrag, um herauszufinden, wie es denn um eine unabhängige dritte Kandidatur stehe, falls Trump tatsächlich die republikanische Nominierung zufiele. Eine solche Kandidatur, befand die Studie, sei «möglich, aber würde sofortiges Handeln voraussetzen». Denn schon im Mai und Juni stünden in ersten Staaten wie North Carolina und Texas Abgabefristen für die notwendigen Unterschriftenlisten für eine unabhängige Kandidatur an.

Anarchie am Parteitag?

Ob die Brüder Koch, deren Dollarmillionen die Tea Party aus der Taufe hoben, oder Israel-Freunde wie Bill Kristol, der Herausgeber der neokonservativen Hauszeitschrift «Weekly Standard», oder New Yorker Geldmänner wie der Hedgefonds-Krösus Paul Singer: Donald Trump bringt sie um den Schlaf. Im schlimmsten Fall, so die Überzeugung republikanischer Insider in Washington, müsse Trump eben auf dem Präsidentschaftskongress der Partei Ende Juli in Cleveland in Ohio gestoppt werden.

Verfüge er im ersten Wahlgang nicht über die nötige Delegiertenmehrheit, könne Trump im zweiten Wahlgang, wenn die Delegierten nicht mehr an ihren Kandidaten gebunden seien, auf den Aschehaufen der republikanischen Parteigeschichte geworfen werden. Sowohl Marco Rubio als auch Ohios Gouverneur John Kasich hoffen darauf und kalkulieren entsprechend. Ein solches Ende der Trump-Kandidatur, besonders wenn es mit allerlei Tricks inszeniert würde, stürzte den Parteitag freilich in eine anarchistische Show. Die Ausschreitungen beim Präsidentschaftskongress der Demokraten 1968 in Chicago, als Bürgermeister Richard Daley seine Polizei auf Demonstranten gegen den Vietnamkrieg hetzte, wären ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was Cleveland bieten würde.

Quittung für die republikanische Politik

Und Trump? Statt still und als guter Verlierer in den politischen Sonnenuntergang zu wandern, würde er mit Dynamit um sich werfen – und seine Drohung wahrmachen, dass er sich an die Spitze einer eigenen Bewegung stellen werde, wenn ihn die Republikanische Partei «unfair» behandelt. Setzt sich Hillary Clinton auf der demokratischen Seite wie erwartet durch und bliebe von Skandalen verschont, erlitte die Republikanische Partei womöglich eine historische Schlappe. Aber die könnte auch mit einem Kandidaten Trump drohen.

Damit bekämen die republikanischen Eliten eine längst überfällige Quittung für ihre zynische Politik: Weit mehr als die Demokraten tragen sie die Verantwortung für die amerikanische Unregierbarkeit sowie die Blockade in Washington. Wer im Kongress zu Kompromissen und zu politischer Mässigung bereit scheint und von der republikanischen Parteilinie auch nur einen Zoll abweicht, wird sofort als Verräter gebrandmarkt und muss sich bei innerparteilichen Vorwahlen für Kongresskandidaturen oder Ämter in den Einzelstaaten einem unweigerlich konservativeren Gegenkandidaten stellen.

«Ein angenehmes Leben garantiert»

So wurde die Einhaltung der republikanischen Orthodoxie erzwungen – und die Partei zwangsläufig zum Instrument zusehends radikaler Hardliner. Geschehen konnte ihnen nichts, da die Partei in einer Blase lebt und sich weit von der Realität entfernt hat. Klimawandel? Gibt es nicht! Obama? Kein legitimer Präsident! Steuern? Je weiter runter, desto mehr Wachstum! Gleiche Bezahlung für Frauen? Eine Unverschämtheit! Atomdeal mit dem Iran? Neville Chamberlain!

Beliebig liesse sich die Liste weiterführen, die dafür Verantwortlichen aber hatten nichts zu befürchten. Schliesslich bestehe das republikanische Establishment, so der Kolumnist Paul Krugman kürzlich in der «New York Times», aus «Apparatschiks, überwiegend Männer, die ihr gesamtes Berufsleben in einer Umgebung verbracht haben, wo die Wiederholung von Orthodoxien ein angenehmes Leben garantiert, eine Abweichung hingegen die Exkommunikation bedeutet».

Wenig Zeit, das Monster zu zähmen

Donald Trump ist jetzt wie ein Blitz in die republikanische Gartenlaube gefahren. Der republikanische Katechismus bedeutet ihm nichts. Auch spricht er gelegentlich offen aus, womit die Partei mithilfe einer kodierten Sprache bei den unteren Mittelschichten hausieren geht. Dass Afroamerikaner nämlich Sozialschnorrer und Muslime gemeingefährlich seien. Und illegale Einwanderer ebenfalls.

Die Privatisierung der staatlichen Renten, vom republikanischen Establishment seit Jahrzehnten angestrebt, ist mit Trump nicht zu machen. Er will «neutral» zwischen Israel und den Palästinensern bleiben. Wer weiss, wie er wirklich zur Abtreibungsfreiheit steht. Und Freihandel? Trump pfeift auf den Freihandel. Er ist der republikanische Frankenstein, ein Monster, das sich die moderne konservative Bewegung seit ihrer Bewusstwerdung im Anschluss an Barry Goldwaters Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 1964 Zug um Zug selber erschaffen hat.

Jetzt bleibt ihr nur wenig Zeit, dieses Monster zu zähmen. Doch auch eine Niederlage Trumps wird den Status quo ante nicht wiederherstellen. Die herkömmliche Republikanische Partei ist erledigt. Mit oder ohne Donald Trump an der Spitze. Denn ihre Koalition von Wählern und Interessen hat einen irreparablen Schaden erlitten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.02.2016, 21:10 Uhr)

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