Ausland

Ein journalistischer Genickschuss

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 23.06.2010

Viersterne-General Stanley McChrystal stolpert über den Report eines US-Rockmagazins. Tatsächlich ist der Bericht über den Vorzeigekrieger grossartiger Journalismus. Wir zeigen, was darin steht.

1/15 Hat eine neue Aufgabe: Stanley McChrystal wird am 23. Juli von der Armee verabschiedet.
Bild: Keystone

   

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Zitate im «Rolling Stone»-Bericht

Mit dem US-Vizepräsident Joe Biden kann es Stanley McChrystal gar nicht. «Biden, wer ist das?», sagte der General, als einmal das Stichwort Vizepräsident viel. Ein Vertrauter McChrystals steigerte sich gar zum Wortspiel «Bite me», wie Biden, also auf deutsch «leck mich». Biden hatte sich gegen die von McChrystal und dem für die Region zuständigen Chef des amerikanischen Zentralkommandos, General Petraeus, geforderte Truppenverstärkung in Afghanistan ausgesprochen.

McChrystal äusserte auch seine «tiefe Enttäuschung» darüber, dass Obama beim ersten Treffen mit dem General kurz nach dessen Ernennung zum Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan durch den Präsidenten kaum Interesse an der Lage im Einsatzgebiet gezeigt habe. «Das war ein zehnminütiger Fototermin», gibt ein enger Mitarbeiter McChrystals in dem Magazin den Ärger des Generals über das Treffen wieder: «Obama wusste ganz offensichtlich nichts über ihn, er schien nicht sehr interessiert.» Stattdessen zeigte sich der US-Präsident zu einem zehnminütigen PR-Termin für die Fotografen, so McChrystal.

Vom amerikanischen Botschafter Karl Eikenberry fühlte sich McChrystal «verraten», weil sich Eikenberry in einem vertraulichen Memorandum für das Weiße Haus gegen die Truppenverstärkung ausgesprochen hatte. Mit dieser Haltung habe Eikenberry auf einen «guten Eintrag in den Geschichtsbüchern» geschielt: «Wenn wir scheitern, kann er sagen: ,Ich habe es ja gleich gesagt!»

Als McChrystal einmal auf seinem Mobiltelefon eine E-Mail des Sondergesandten Richard Holbrooke erhalten habe, sagte er: «Schon wieder eine Mail von Holbrooke, ich mag sie gar nicht öffnen.»

Den nationalen US-Sicherheitsberater James L. Jones verunglimpfte ein Vertrauter des Generals als «Clown».

Er schläft vier Stunden pro Nacht, joggt jeden Morgen 10 Kilometer und isst nur einmal am Tag. Stanley McChrystal, seit letztem Sommer Führer von über 100'000 Soldaten in Afghanistan, ist ein General, wie man sich einen Krieger vorstellt. Stramm, geradlinig, vorbildlich. Der heute 55-Jährige kämpfte sich auf diese Position hoch. Der durchschnittliche Schüler und Sohn eines Vietnam-Veteranen und Zweisterne-Generals stand schon im Irak im Einsatz.

Einen ersten Höhepunkt seiner Militärkarriere erreichte McChrystal, als unter seinem Kommando eine Spezialeinheit im Dezember 2003 den ehemaligen Diktatoren Saddam Hussein gefangen nahm. Die gleiche Einheit war im Juni 2006 dafür verantwortlich, dass der Anführer von al-Qaida im Irak, Abu Mussab al-Zarqawi, getötet wurde. McChrystal höchstpersönlich tauchte am Tatort auf, um den Terroristen zu identifizieren. Nun war er bekannt, quasi ein Kriegsheld, ein Popstar der Bewaffneten. Letzter Schritt der steilen Karriere war die Ernennung zum Kommandeur der ISAF durch Barack Obama im Juni 2009.

«Wie mich dieses Dinner anscheisst»

Und nun das. Im US-Magazin «Rolling Stone» erscheint ein McChrystal-Bericht unter dem Titel «The Runaway General», was man etwa mit «Der ausser Kontrolle geratene General» übersetzen könnte. Eine 20-seitiger Bericht des in den USA bekannten Journalisten Michael Hastings.

Eine spannende Lektüre über das Leben eines Mannes, der das Unmögliche möglich machen soll. Nämlich ein Land zu erobern, aus dem seit Dschingis Khan jede Armee mit grossen Verlusten und als Verlierer abziehen musste. Was aber vor allem auffällt an Hastings Bericht, sind die rüde anmutenden Zitate der Militärs. «Wie mich dieses Dinner anscheisst», beginnt die «Rolling Stone»-Story. Gemeint ist ein Treffen hochrangiger Militärs vom letzten April in Paris.

Obamas Sicherheitsberater ein «Clown»

McChrystal ist kein Mann von Kompromissen. Er hat eine klare Vorstellung davon, wie der Krieg am Hindukush zu gewinnen ist. Er hat eigens dazu eine Strategie entwickelt, und die will er durchziehen. Hier kommen ihm Politiker und Militärstrategen sowohl der USA als auch der alliierten Länder nur in die Quere. Konnte er sich bis jetzt zurückhalten, so platzt nun alles heraus. So zumindest muss man die Story des Journalisten verstehen. Da wird Vizepräsident Joe Biden beleidigt und Obama als desinteressierter, PR-geiler Präsident gegeisselt. Auch Amerikas Afghanistan-Botschafter Karl Eikenberry und der Sondergesandte Richard Holbrooke bekommen ihr Fett ab. US-Sicherheitsberater James L. Jones wird von einem Vertrauten des Generals gar als «Clown» verunglimpft.

Man kann es sich vorstellen. Da sieht sich einer den Tentakeln von nicht totzukriegenden Widerstandskämpfern gegenüber, sieht jeden Tag Tod und Kriegselend und muss gleichzeitig den Diplomaten spielen. Eine Rolle, die nicht zu bewältigen ist, das ist die Erkenntnis aus dem Hastings-Report. Fragt sich nun natürlich, wie das passieren konnte. Hastings heftete sich während Monaten an die Fersen des Generals und reiste mit ihm nicht nur durch Afghanistan, sondern besuchte auch Konferenzen und war bei Meetings zwischen McChrystal und US-Präsident Barack Obama dabei. Der Oberkommandierende der Afghanistan-Truppen musste wissen, dass der Journalist der amerikanischen Öffentlichkeit eine andere Seite des strammen Generals darlegen würde. McChrystal hat sich zwar gestern entschuldigt für die Veröffentlichung des Berichts. Findige Experten wollen aus seinen Worten aber herauslesen, dass darin keine explizite Distanzierung der Verunglimpfungen stattfindet. Will heissen, McChrystal steht dazu. Ein Zurückkrebsen gibt es auch gar nicht, schon gar nicht von einem Vorzeigekrieger.

Das Ende der Militärkarriere?

In den USA beherrscht die McChrystal-Affäre inzwischen die Schlagzeilen. Der Chefredaktor erklärt, wie es zur Story kam, Blogger schreiben sich die Hände wund und Mutmassungen machen in Online-Foren die Runde. Einer äussert gar die Vermutung, McChrystal habe keinen Ausweg gefunden aus dieser aussichtslosen Lage in dem aussichtslosen Krieg. Und so komme ihm die «Rolling Stone»-Story gerade recht. Reichlich gewagte These für einen, dessen Karriere immer nur steil aufwärts ging und der zugunsten den Kriegs auf alles verzichtete.

Heute muss er in Washington bei Barack Obama antraben. Laut US-Medienberichten hat McChrystal sogar bereits seinen Rücktritt angeboten. Sein militärisches Ende ist absehbar, einen Denunzianten kann man im Militär nicht gebrauchen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.06.2010, 15:11 Uhr

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