Ausland
Eine Handvoll Web-Journalisten setzt Washington zu
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 07.04.2010
Wer etwas zu verbergen hat, der fürchtet die Webseite Wikileaks. Zu Recht: Das von der Seite publizierte Video der amerikanischen Armee, das die Erschiessung von elf Irakern zeigt, schaffte es in Windeseile in Medien rund um den Globus. Verschiedene amerikanische Medien verlangen eine Stellungnahme des amerikanischen Präsidenten Barack Obama.
Jetzt kündigt die Seite bereits den nächsten Sturm an: «Helft Wikileaks, Spendengelder für die Untersuchung eines Videos von einem Massaker in Afghanistan zu sammeln», twittert die Seite in der Nacht auf heute Mittwochmorgen.
«Falls uns etwas zustösst, wisst ihr, warum»
Wikileaks, das der heutige Chefredaktor Julian Assange 2006 gemeinsam mit anderen Journalisten und Informatikern gründete, macht die amerikanische Regierung nervös. Bereits seit Monaten überwachen die Geheimdienste nach Aussagen von Wikileaks die Webseite. Den Beweis dafür liefert die Seite gleich selber: Mitte März publizierte sie einen vertraulichen Bericht der amerikanischen Armee, der zu einem resoluten Umgang mit Investigativ-Journalisten rät und Wikileaks spezifisch erwähnt.
In den Wochen vor der Publikation des jüngsten Irak-Videos hat die Bespitzelung laut Wikileaks dramatisch zugenommen: «Eine involvierte Person ist 22 Stunden festgehalten worden», schreibt Wikileaks am Morgen des 23. März auf Twitter. Zuvor hatten die jungen Journalisten gewarnt: «Falls uns etwas zustösst, so wisst ihr, warum – es ist das Video, das am 5. April erscheinen wird. Und ihr wisst, wer verantwortlich ist.» Die Regierung schweigt sich bislang zu den Vorwürfen von Wikileaks aus.
«Wir haben verschlüsselte Videos»
Wikileaks ist ein perfektes Sinnbild der viel zitierten Weisheit der Web-2.0-Massen: Finanziert wird die Seite von Spenden, hinter dem Projekt stehen fünf feste unbezahlte Mitarbeiter und Hunderte freiwillige Zulieferer. Menschen auf der ganzen Welt – Journalisten, Mathematiker, Anwälte, Whistleblower – stellen ihr Wissen und Können zur Verfügung, um in der Summe ein brillantes Produkt zu schaffen. Wikileaks garantiert, dass seine Seite unzensierbar und die Beiträge nicht zurückzuverfolgen sind.
Auch im Fall des jüngsten Irak-Videos war es ein Unbekannter von aussen, der das gesicherte Filmmaterial dechiffrierte. Vor drei Monaten hatte Wikileaks einen Aufruf gestartet: «Wir haben verschlüsselte Videos eines amerikanischen Angriffs auf Zivilisten», hiess es auf Twitter. «Wir brauchen fantastische Computerarbeit.» Es hat sich, offensichtlich, jemand gemeldet.
Mit Medien zusammenarbeiten
«Das ist es, was Geheimdienste tun», sagte Chefredaktor Assange am Dienstag der «New York Times». «Hochtechnologischer Investigativ-Journalismus.» Es sei höchste Zeit, dass die etablierten Medien ihr Können in diese Richtung ausbauten. Dabei arbeitet Wikileaks bei Bedarf auch mit traditionellen Medien zusammen: Um mehr über die Morde auf dem Bagdad-Video zu erfahren, hatte es gemeinsam mit einem isländischen TV-Sender Rechercheure in den Irak geschickt. Die Kosten dafür, so liess Wikileaks seine Leser und Spender wissen, hätten 50'000 Dollar betragen.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.04.2010, 12:20 Uhr













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