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«Es wächst die Gefahr, dass es zu Unruhen kommt»

Von Matthias Knecht. Aktualisiert am 15.01.2010

In Port-au-Prince liegen Tote und Schwerverletzte auf der Strasse, und Hilfe ist nicht in Sicht, sagt Michael Kühn von der deutschen Welthungerhilfe.

1/7 Besonders getroffen vom Beben der Stärke 7,0 wurden die ärmeren Viertel, wo die Bausubstanz sehr schlecht ist.

   
Michael Kühn (48) ist Leiter des Büros der deutschen Welthungerhilfe und arbeitet seit 1999 in Haiti.

Michael Kühn (48) ist Leiter des Büros der deutschen Welthungerhilfe und arbeitet seit 1999 in Haiti.

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Erstes Schweizer Team in Port-au-Prince eingetroffen

Das erste Schweizer Hilfsteam ist in Port-au-Prince eingetroffen. Dies bestätigte Toni Frisch, Chef der humanitären Hilfe des Bundes, am Freitagmorgen. Das zweite Team sollte noch am Freitag Haiti erreichen. Ein weiteres Team mit medizinischen Spezialisten sowie ein erster Flug mit 33 Tonnen Hilfsgütern sollten die Schweiz am Freitag in Richtung Haiti verlassen, wie Lars Knuchel, Sprecher des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Radio DRS sagte. Für den kommenden Sonntag war zudem ein zweiter Hilfsgüterflug geplant. Das EDA intensivierte die Bemühungen, um Kontakt zu den auf Haiti lebenden Schweizern herzustellen. Von den 178 Schweizern auf Haiti konnten bis am (gestrigen) Donnerstagabend 87 kontaktiert werden. Sie seien alle wohlauf. Das EDA verstärkte auch das diplomatische Personal in Port-au-Prince. Zudem wurde im Internet ein Suchformular für Angehörige aufgeschaltet. Für Personen, die Familienangehörige in Haiti vermissen, hat das EDA zudem unter der Nummer 031/325.33.33 eine Hotline eingerichtet. Hinweise, dass sich Schweizer Staatsbürger unter den Opfern befinden, gab es zunächst keine. (DDP)

Wie ist die Lage in Port-au-Prince, einen Tag nach dem Erdbeben?
Ich komme gerade von einer Fahrt zum Büro der Unicef zurück. Ich habe Sachen gesehen, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Schwerverletzte liegen auf der Strasse, ohne Hilfe. Etwa 80 Leichen habe ich gezählt. Ich möchte das nicht im Detail beschreiben.

Was sind die drängendsten Probleme?
Erstens die Bergung der Verschütteten. Die Menschen versuchen immer noch, Angehörige und Freunde aus den Trümmern zu retten, oft mit blossen Händen. Zweitens die ärztliche Versorgung. Viele Verwundete sind ohne jegliche Hilfe. Drittens die Versorgung der Überlebenden. Die Leute haben weder zu essen noch zu trinken. Sie laufen herum und wissen nicht, was sie tun sollen. Das Ganze ist sehr dramatisch. Die Menschen sind sich selbst überlassen.

Woran fehlt es vor allem?
Ganz wichtig ist jetzt ärztliche Hilfe.

Gibt es überhaupt jemanden, der sich um die Opfer kümmert?
Die Uno müsste die Organisation der Hilfe jetzt sofort übernehmen. Aber sie kommen gar nicht nach. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das Hauptquartier der Uno-Friedensmission wurde ja auch zerstört, 100 Mitarbeiter werden vermisst, darunter der Chef der Mission, Hedi Annabi.

Sind auch Ihre Mitarbeiter bei der Welthungerhilfe betroffen?
Unser Büro dient derzeit als Notlager für die Familien der Mitarbeiter, die ihre Häuser verloren haben. Und bei mir daheim beherberge ich Freunde, die obdachlos wurden. Darunter ist ein 14-jähriges, völlig verängstigtes Mädchen. Im Haus ist sie in Panik geraten. Das Kind konnte nur im Freien schlafen. Das gibt eine Vorstellung von den langfristigen Folgen. Wir müssen mit vielen traumatisierten Opfern rechnen.

Ist das Erdbeben nicht der Untergang für Haiti?
Das Wort Untergang möchte ich nicht verwenden. Wir müssen jetzt neu anfangen. Und wir müssen schnell helfen. Mittelfristig wächst die Gefahr, dass es zu Unruhen kommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2010, 09:01 Uhr

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