Ausland
Heldin des Planeten
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 31.05.2010
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«Die Person muss etwas vom Stoff verstehen, sonst wird der nächste Klimagipfel in Mexiko auch scheitern», sagte Anfang Jahr ein deutscher Abgeordneter der Grünen. Er sprach von der Nachfolge des Chefs des UNO-Klimasekretariats, Yvo de Boer. Der oberste Klimahüter hatte für viele überraschend im Februar den Rücktritt erklärt. Seinen letzten Auftritt hat er in den nächsten zwei Wochen in Bonn. Dort beginnen heute Montag die ersten Vorgespräche zur Klimakonferenz in Mexiko von Ende Jahr.
In Bonn läuft sich auch Christiana Figueres warm. Die Frau aus Costa Rica wird den Niederländer De Boer am 1. Juli ablösen. Thematisch braucht sie sich nicht einzuarbeiten: Figueres kennt die internationale Klimapolitik aus allen Perspektiven – insbesondere auch die Machenschaften hinter den Kulissen.
Sie bringt alles mit
Die 53-jährige Anthropologin und Mutter von zwei Kindern gehört seit 1995 zur Delegation von Costa Rica. Als Verhandlerin aus einem Entwicklungsland ist sie zumindest in den Medien in Europa nicht gross aufgefallen. Abgesehen davon, dass sie aus einem armen Land stammt, das bis 2021, zum 200. Geburtstag der Unabhängigkeit, klimaneutral sein will.
Trotzdem bringt sie alles mit, was es braucht, um das Klimasekretariat zu leiten. Wenn es gilt, in verworrenen Situationen während Klimakonferenzen den Durchblick zu behalten und die Meinungen von 192 Mitgliedsstaaten der Klimakonvention in ein verhandelbares Abschlusspapier zu bringen.
Engagierte Kämpferin
Politik und Diplomatie wurden Christiana Figueres in die Wiege gelegt. Ihr Vater José Figueres war Revolutionsführer, Gründer des demokratischen Staates Costa Rica und dreimal Staatspräsident. Ihre Mutter Karen Olsen Beck vertrat Costa Rica als Botschafterin in Israel. Die Tochter studierte Anthropologie an der Londoner School of Economics. Ihre Beamtenlaufbahn begann sie auf der Botschaft Costa Ricas in Bonn. Später arbeitete sie auf dem Landwirtschafts- und Planungsministerium. Sie gründete 1995 in den Vereinigten Staaten das Center für nachhaltige Entwicklung und leitete es während acht Jahren. In den letzten Jahren entwarf sie nationale Klimaprogramme für Länder wie Kolumbien, Argentinien und Ecuador. Das «National Geographic Magazine» verlieh ihr dafür die Auszeichnung «Hero for the Planet».
«Generalsekretär Ban Ki-moon hatte eine grosse Auswahl an starken Persönlichkeiten», sagt Kim Carstensen vom WWF. Dass die neue Chefin des Klimasekretariats aus einem Entwicklungsland stammt, ist keine Überraschung. «Es wäre vernünftig, wenn der Posten von Europa zu einem Entwicklungsland wechseln würde», sagte der norwegische Umweltminister Erik Solheim vor der Wahl.
Wirtschaftskrise kein Hemmschuh
Christiana Figueres setzte sich unter anderem gegen den Umweltminister von Südafrika durch. Sie hat klare Vorstellungen – ihre Auftritte sind überzeugend. «Die Klimakonferenz in Kopenhagen war ein grosser Schritt, um die Staaten einander näherzubringen, aber ein kleiner für den Klimaschutz auf unserem Planeten», sagte sie. Sie fürchtet, dass der neue Klimavertrag für die Zeit nach 2012 noch nicht in Kraft sein könnte. «Wir müssen nun kreativ und innovativ sein, und das geht nicht ohne die USA.»
Die globale Wirtschaftskrise ist für sie kein Hemmschuh; das sei die traditionelle Auffassung. Sie hält es für möglich, dass die Krise den Druck auf die Staaten erhöht, die Umweltpolitik radikal vorwärtszubringen: «Die Krise generiert neue Arbeitsstellen, so kann sich die Wirtschaft erholen.»
Wie ihr Vorgänger de Boer in Kopenhagen muss sie Ende Jahr an der Klimakonferenz in Mexiko beweisen, ob sie als Strippenzieherin taugt. Eines ist sicher: Christiana Figueres weiss, wovon sie spricht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.05.2010, 21:01 Uhr



