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«Ich bin nicht krank – nur infiziert»

Haiti hat Aids überraschend gut im Griff: Die Erfolgsfaktoren heissen Medikamente, Aufklärung und Koordination.

«Die Leute sagen, ich bin krank, aber das bin ich nicht»: Micheline Leon mit ihren Kindern.

«Die Leute sagen, ich bin krank, aber das bin ich nicht»: Micheline Leon mit ihren Kindern.
Bild: Keystone

Als bei Micheline Leon das Aids-Virus HIV diagnostiziert wurde, wollten ihre Eltern schon einen Sarg für sie ausmessen lassen. 15 Jahre später spaziert die Frau in ihrem Zwei-Zimmer-Häuschen umher und sieht ihren drei Söhnen und der Tochter beim Spielen unter den Bäumen zu. Gesund sieht sie aus. Alle vier Kinder wurden nach der Diagnose geboren. Keines wurde infiziert.

«Ich bin nicht krank», erklärt die 35-jährige Micheline geduldig. «Die Leute sagen, ich bin krank, aber das bin ich nicht. Ich bin infiziert.» In gewisser Weise ist ihre Geschichte auch die Haitis. Als die rätselhafte Krankheit Anfang der 80er Jahre auftauchte, wurde befürchtet, dass sie ein Drittel der Bevölkerung auslöschen könnte. Stattdessen blieb die Infektionsrate im einstelligen Bereich, und sie sank sogar.

In Gesprächen mit Ärzten und Patienten, Gesundheitsexperten und anderen Fachleuten kristallisiert sich heraus, dass Haiti trotz aller politischen und sozialen Unruhen, trotz Armut und Unterentwicklung Erfolg bei der Aids-Bekämpfung hatte, weil Organisationen zusammenarbeiteten und auf die besonderen Probleme des Landes zugeschnittene Programme entwickelten. Genannt werden vor allem die Pioniere von Partners in Health (PIH), einer von Haitianern und US-Amerikanern gegründeten Hilfsorganisation, und GHESKIO in Port-au-Prince, die mutmasslich älteste Aids-Klinik der Welt.

«Allen anderen weit voraus»

«Die Aids-Gemeinde in Haiti glaubt, dass sie allen anderen weit voraus ist, und das sind sie wohl auch», schätzt die Expertin Judith Timyan von der US-Entwicklungshilfebehörde. «Sie leisten wirklich mit die weltbeste Arbeit.»

Den Rückgang der Fallzahlen führen Forscher zunächst auf die Schliessung privater Blutbanken und statistisch auf die hohe Sterblichkeitsrate zurück: Ohne Behandlung haben Aids-Kranke in Haiti acht Jahre weniger zu leben als Leidensgenossen in den USA. Der koordinierte Einsatz von Aids-Medikamenten, Aufklärung und Verhaltensänderungen wie zunehmender Gebrauch von Kondomen verhinderten, dass die Zahlen wieder hochschnellten - zumindest bis jetzt.

Statistiken in Haiti sind nicht gerade zuverlässig. Eine präzise Aufzählung aller Neuinfektionen pro Jahr fehlt. Von 1993 bis 2003 wurden nur Schwangere getestet: Ihre Infektionsrate ging von 6,2 auf 3,1 Prozent zurück. Jetzt werden Männer und Frauen von 15 bis 49 Jahren untersucht: Die Infektionsrate liegt UNAIDS zufolge bei 2,2 Prozent. Das ist höher als in Industrieländern, aber niedriger als auf den Bahamas, in Guyana und Surinam - und deutlich niedriger als in Afrika südlich der Sahara mit durchschnittlich 5 Prozent und Spitzenwerten bis zu 33 Prozent.

Gefahr noch nicht gebannt

Doch die Gefahr ist noch nicht vorüber. Im Artibonite-Tal, wo PIH gerade zwei neue Kliniken aufbaut, sind schätzungsweise 4,5 Prozent angesteckt. In derart entlegenen Gegenden suchen viele noch Hilfe bei Voodoo-Priestern. Rund 18.000 Menschen erhalten Aids-Medikamente, zumeist gratis von GHESKIO und PIH. Das sind schätzungsweise 40 Prozent derjenigen, die die Mittel bräuchten. Doch angesichts der Umstände in dem Land, in dem drei Viertel der neun Millionen Einwohner sich keinen Krankenhausbesuch leisten können, hätte sich zu Beginn der Aids-Welle kaum einer vorstellen können, wie weit Haiti es bringen würde.

Kaum gab es die ersten Fälle in den USA bei Einwanderern aus Haiti, wurde das Land überstürzt als Brutstätte oder gar Wiege des Virus an den Pranger gestellt. Die US-Zentrale für Seuchenkontrolle (CDC) reihte die Herkunft aus Haiti mit Hämophilie (Bluterkrankheit), Homosexualität und Heroin als Hauptrisikofaktoren unter dem Kürzel «die vier H's» ein. Selbst der Dreck der Slums oder Voodoo-Zeremonien wurden als Ursache verdächtigt. Mitte der 80er korrigierte die CDC ihre Risikoeinschätzung, doch der Schaden war angerichtet. Nicht nur war Haiti in seiner Ehre gekränkt, auch der Tourismus als wichtige Einnahmequelle war weggebrochen.

«Begleiter» helfen Patienten

Vielleicht habe gerade das Stigma Haiti zum Kampf gegen Aids angestachelt, vermutet Jean Pape, der GHESKIO im Mai 1982 mitgründete. Damals hatte die neuartige Immunschwächekrankheit noch nicht einmal einen Namen. So heisst die Organisation nach der französischen Abkürzung für «Haitische Gruppe zur Erforschung des Karposi-Sarkoms und opportunistischer Infektionen».

Heute gibt es Aufklärungskampagnen, Kondome werden millionenfach ausgegeben. «Haitianer wissen besser über Übertragungswege Bescheid als Oberschüler in den USA», sagt Pape. Die Organisationen stellen unter anderem «Begleiter» an, oft selbst HIV-Betroffene, die Patienten mit Rat und Hilfe beistehen. Auch Micheline Leon ist Begleiterin geworden. Als 1994 bei ihrer ersten Schwangerschaft das Virus festgestellt wurde, hatte ihre Familie sie schon aufgegeben. Doch Leon bekam Medikamente, Beratung, Fürsorge und Hilfe selbst beim Bau ihres Häuschens. Ihre Eltern brauchten den Sarg nicht zu kaufen. (bru/ap/Jonathan Katz/)

Erstellt: 17.07.2009, 19:34 Uhr

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1 Kommentar

Sibylle Weiss

17.07.2009, 16:46 Uhr
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Infiziert zu sein, heisst tatsächlich NICHT,dass man auch erkrankt ist. Hingegen kann man sog.Virusträger (ohne Krankheitsausbruch) sein,selbst nicht erkranken, aber durch Kontakt andere anstecken, bei denen dann die Krankheit ausbricht. Antworten



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