Ausland

«Im Zelt nebenan wurde mit dem Taschenmesser operiert»

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 11.02.2010

Der 36-jährige Berner Arzt Philip Hebel hat während eines Katastropheneinsatzes in Haiti bis zu 160 Patienten pro Tag behandelt. Er und sein Team haben vielen Menschen das Leben gerettet.

«Es war Kriegsmedizin. Wir konnten nur das Allernötigste machen»: Philip Hebel über seinen Einsatz in Haiti. (Adrian Moser)

«Es war Kriegsmedizin. Wir konnten nur das Allernötigste machen»: Philip Hebel über seinen Einsatz in Haiti. (Adrian Moser)

Der Begriff «Triage» stammt aus der Militärmedizin. Gemäss Lexikon bezeichnet er die «ethisch schwierige Aufgabe», bei einem Massenanfall von Verletzten über die Verteilung knapper Mittel zu entscheiden. «Bei der Triage wurde es schwierig», sagt Philip Hebel. Zwei Wochen stand der junge Arzt im Epizentrum des Erdbebengebietes von Haiti nordöstlich der Hauptstadt Port-au-Prince im Einsatz. Die Medikamente waren knapp. So gab es kaum Blutverdünner zur Behandlung von Amputationspatienten.

Zwei schwer verletzte Männer hätten die zur Verfügung stehende Menge dringend benötigt, da sie eine Lungenembolie hatten. Mit derselben Menge hätten aber auch 30 Leute prophylaktisch behandelt werden können, die erste Anzeichen einer Embolie aufwiesen. Das medizinische Team der deutschen Hilfsorganisation Humedica stand vor einer schwierigen Entscheidung. «Wir haben lange diskutiert und schliesslich abgestimmt.» Der Entscheid sei zugunsten der Prophylaxe gefallen, sagt Hebel.

«Wir hatten keine Schmerzmittel»

Dieser Entscheid sei zwar schwierig gewesen, habe ihn aber weniger belastet als andere, meint der junge Arzt. Schliesslich habe er früher einmal sechs Wochen in einem Flüchtlingslager in Sudan gearbeitet. Der 14-tägige Einsatz in Haiti sei aber allein durch die Masse der Verletzten und das Fehlen jeglicher Infrastruktur einzigartig gewesen.

Die in den Medien kolportierte Zahl von 80 bis 90 Prozent zerstörter Gebäude in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince kann Hebel nicht bestätigen. «Ich habe kein einziges intaktes Haus gesehen.» Im Einsatzgebiet ausserhalb der Stadt arbeitete er fünf Tage gemeinsam mit einem Kollegen in einem Zelt. Zwei Tage war er alleine. Die Warteschlange war endlos, pro Tag wurden bis zu 160 Patienten behandelt.

Ohne Sägen und Schmerzmitteln

«Behandlung von Infektionen, kleine Chirurgie, gipsen, verfaultes Fleisch abschneiden: Wir haben alles gemacht – ausser operieren.» Die meisten seiner Patienten musste Hebel zur Amputation ins Zelt nebenan weiterleiten. Operiert wurde «am Fliessband» und unter einfachsten Bedingungen. «Es gab keine Sägen. Geschnitten wurde mit dem Taschenmesser.» Die Klingen wurden desinfiziert, beim übrigen Besteck behalf man sich mit Alkohol oder einer Jodlösung. In einigen Lazaretten habe der Alkohol auch als Narkosemittel gedient.

«Wir hatten keine Schmerzmittel.» Selbst in einem derart stark zerstörten Land wie Haiti sei es schwierig, Morphium über die Grenze zu bringen. In Hebels Zelt wurden die Patienten mit Ketamin, einem starken Schmerzmittel, sediert. Es habe sich um private Bestände gehandelt, die von den Mitgliedern des Teams über die Grenze gebracht worden seien. «Ketamin war den Zöllnern unbekannt, auch wenn es in Europa gelegentlich als Droge missbraucht wird», sagt Hebel.

Anstehen zur Amputation

Bei 160 Patienten am Tag und Temperaturen um die 35 Grad am Schatten gab es wenig Raum für menschliche Regungen. Fürs Übersetzen in die Landessprache Kreolisch und zum Ordnen der Warteschlangen habe er Einheimische rekrutiert. Gegen ein Mittagessen oder einen Snack habe jemand einen Tag lang übersetzt oder die Wartenden überwacht. Die Reihenfolge in der Warteschlange sei nur im äussersten Notfall abzuändern gewesen. Er habe einmal Säuglinge vorziehen wollen. «Das ist gescheitert, weil sofort unzählige Mütter mit ihren Kindern anstürmten.»

Ansonsten seien die Haitianer sehr gelassen gewesen. Die Leute hätten sich ruhig vors OP-Zelt gesetzt und gewartet, bis die Reihe an ihnen gewesen sei. «Sie wussten, dass ihr Vorgänger gerade amputiert wurde und dass ihnen ebenfalls ein Glied abgeschnitten werden würde.» Er habe nie jemanden schreien gehört. Ob die Leute noch unter Schock standen oder ob die Mentalität eine Rolle spiele, wisse er nicht. «Ich hätte in dieser Situation laut aufgeheult.»

«Ich verdränge einfach»

Hebel hat seinen Einsatz mit der Kamera dokumentiert. Einem Kollegen sei bereits beim Ansehen der Bilder übel geworden. Er selber finde die Bilder aber nicht derart schlimm. «Es fehlt der Leichengeruch. Der Geruch hat viele verstört.» Beim Zelt ausserhalb der Stadt sei es erträglich gewesen. Aber sobald man ins Gewirr der zerstörten Häuser eingetaucht sei, habe einen dieser Geruch umfangen. Selbst der Geruch konnte Hebel aber nichts anhaben. Er stehe beim Hilfswerk Humedica auf einer Einsatzliste und würde bei der nächsten Katastrophe sofort wieder losziehen. «Jeder hat seine Strategie, wie er mit solchen Erlebnissen klarkommt. Ich habe keine. Ich verdränge einfach.» Vielleicht werde ihn die Erinnerung einmal einholen. Aber er habe jeden Tag 80 bis 100 Leuten helfen können und vielleicht 20 Personen das Leben gerettet. «Wenn ich das so sehe, komme ich gut damit klar», sagt Hebel.

Heute steht Hebel wieder im Berner City Notfall und befasst sich zurzeit vor allem mit Grippeerkrankungen und Kopfweh. «Mir macht meine Arbeit Spass, sie gibt mir Befriedigung.» Klar habe er es in einer niederschwelligen Institution wie dem City Notfall mit vielen Bagatellfällen zu tun. «Aber wenn ich pro Tag auch bloss einen Patienten habe, dem ich bei einer schwierigeren Sache weiterhelfen kann, bin ich zufrieden», sagt Hebel.

Keine Augen für den Traumstrand

Bei der Ausreise über die Dominikanische Republik konnten Hebel und sein Team ein paar Stunden an einem Traumstrand beim Ferienort Punta Cana verbringen. «Es war ein wunderschöner Strand, sehr gepflegt und sauber.» Heute kriege er Fernweh, wenn er die Bilder betrachte.

Damals hätten sie die Idylle aber nicht geniessen können. «Wir waren im Geiste noch beim Verwesungsgestank und bei den Triagen im stickigen Behandlungszelt.» Einer der beiden Männer, dem sie den Blutverdünner hätten verweigern müssen, sei gestorben. «Über das Schicksal des anderen Patienten ist mir bis zur Abreise nichts zu Ohren gekommen», sagt Hebel. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2010, 10:09 Uhr

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