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In Concepción geht man mit dem Baseballschläger ins Bett

Von Santiago ins Gebiet des Epizentrums: Es zeigt sich, dass die Zerstörungen weit geringer sind als erwartet. Und: Die Leute sind erstaunlich gelassen.

«Nur für Anwohner»: Ein Mann hat gegen die Plünderer eine Barrikade errichtet. So schützt er sein Viertel.

«Nur für Anwohner»: Ein Mann hat gegen die Plünderer eine Barrikade errichtet. So schützt er sein Viertel.
Bild: Keystone

Wir rasen streckenweise mit 140 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn. Von der Hauptstadt Santiago bis zur Küste nach Concepción sind 530 Kilometer zurückzulegen. Die Panamericana, die Hauptverkehrsader des Landes, führt 60 Kilometer am Epizentrum des Bebens vom Samstag vorbei. Viele Flüsse sind zu überqueren. Die meisten Brücken stehen. Wir müssen bloss acht Umfahrungen bewältigen. Mein chilenischer Schwiegervater, der 70-jährige Luis, schüttelt ungläubig den Kopf. Nicht, weil er schockiert wäre, im Gegenteil, weil er nicht fassen kann, wie viele Häuser, Fabriken, Strommasten, trotz des Bebens intakt geblieben sind. Ein Beispiel: Die letzten 70 Kilometer zur Küste, an der Concepción liegt, weist nur an drei Stellen Risse auf.

Wir passieren die letzte Autobahnzahlstation vor dem Ziel. «Genau hier überfielen Banden am Montag mit Waffengewalt Lastwagen und Autos», sagt Luis. Die Kassenkabinen sind verlassen, die Barrieren offen. Daneben stehen bewaffnete Grenadiere. «Um 18 Uhr beginnt die Ausgangssperre!», bellt einer ins Auto. Wir schauen auf die Uhr: Es ist 17.35 Uhr. Uns bleiben 25 Minuten, um unterzukommen.

Suche nach Essen und Benzin

Leichte Panik kommt auf. Seit Dienstag ist in dieser Provinz die Armee stationiert, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Am Mittwoch hat der oberste General den allgemeinen Schiessbefehl erteilt. Wer nicht hält, auf den dürfen die Soldaten schiessen. So gebe ich wieder Gas. In den Vororten der Stadt bewegen sich viele Menschen auf der Strasse. Sie sind auf der Suche nach Essen und Benzin. Die Verkehrssignale funktionieren nicht mehr. Wir haben Mühe, die Unterkunft zu finden. Soldaten stehen an jeder wichtigen Kreuzung. 5 Minuten vor Beginn der «toque de queda», der Ausgangssperre, erreichen wir das Haus unserer Verwandten. Es liegt im Zentrum, gleich gegenüber der Universität.

Auch hier sind wir erstaunt: Das Quartier präsentiert sich im Grossen und Ganzen ohne Schäden. Die Fassaden sind intakt, die Fenster ganz. Es liegen keine Autos auf den Dächern, wie wir es im Fernsehen gesehen haben. Zwar haben die Inneneinrichtungen gelitten, so etwa das Internetcafé unserer Verwandten. Aber die Bilder, die uns die Nachrichtensender wie CNN vermittelt haben, stimmen nicht mit dem überein, was wir antreffen. Was stimmt, ist, dass die Menschen hier seit fünf Tagen auf Strom warten. Dass es kein Gas zum Kochen und Heizen gibt. Und dass alle Läden geschlossen sind. Es stimmt auch, dass in den letzten vier Tagen grosse Angst herrschte, überfallen zu werden. «Wir hielten Nachtwache, bis die Armee einzog, um Plünderungen zu verhindern», sagt mein Cousin, der 45-jährige Pedro Seguel, Geschichtsprofessor und Philosoph. «Doch wartet nur, bis wir morgen an die Küste fahren. Da hat der Tsunami alles weggespült.»

Wir registrieren weitere Nachbeben. Die Radiostationen beherrscht hingegen den ganzen Tag die Frage, warum so viele Banden das Erdbeben genutzt haben, um Läden, Autos und halb zerstörte Wohnhäuser zu plündern. Die vom nationalen Radio ADN befragten Soziologen und Psychologen der Universität Chile geben wenig plausible Antworten. So frage ich meine Verwandten: Woher kommt diese kriminelle Energie mitten in der Not?

Pedro, der Historiker und Philosoph, erklärt es mit den riesigen sozialen Unterschieden: Zwischen den Ärmsten und Reichsten des Landes besteht eine erhebliche Kluft. «Seit der Liberalisierung des Marktes unter Diktator Augusto Pinochet haben die Unternehmer sehr viel Geld verdient. Den Arbeitern offerieren sie aber oft nur den Mindestlohn. So bleiben die Armen arm. Jetzt lassen sie ihrer aufgestauten Wut in Form von Plünderungen freien Lauf und legen Brände.»

Draussen rattern die Panzer

Warum aber trifft die Wut auch Leute, die vor ihren zerstörten Häusern stehen? «Sie nützen das Machtvakuum aus. Nachts ist es dunkel. So entkommen sie unerkannt», sagt Pedro. Seine Frau Marianna Soto verneint. Sie sieht ein kulturelles Phänomen dahinter. «Viele Chilenen sind Opportunisten. Wenn sich die Gelegenheit bietet, stehlen oder betrügen sie», sagt die studierte Gastronomin und bekennende Kommunistin.

Ihre Mutter, die 70-jährige Flor Amigo Toledo, hat eine viel direktere Antwort: «Die Plünderungen von Grossmärkten und Warenhäusern sind eine Rache für überrissene Preise für Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter sowie Wucherzinsen von Kreditkartenanbietern.» Tatsächlich beherrschen in Chile drei Unternehmerclans die Supermarktketten und dominieren den Kreditmarkt. Preisabsprachen sind gang und gäbe, wie Untersuchungen zeigten. Der Zins für Konsumkredite oder der Verzugszins von Kreditkarten beträgt oft 60 bis 70 Prozent pro Jahr.

Während wir sprechen, rattern draussen die Schützenpanzer. Die Strassen sind leer. Schüsse sind nicht zu hören. Soldaten am Kontrollposten vor dem Haus halten jedes Auto an. Wer keine Bewilligung vorzuweisen hat, wird verhaftet. 30 Tage lang soll die Ausgangssperre in Kraft bleiben.

Wir löschen das Feuer, mit dem wir unser Teewasser gekocht und vier Tage altes Brot getoastet haben. Ich lade die mitgebrachten Teigwaren, Reis, Milch und Wasserflaschen aus und sehe, wie sehr meine Gastgeber erleichtert sind. «So haben wir etwas mehr Reserven», sagt Pedro. Wir gehen ohne Strom ins Bett. Pedro hat den Baseballschläger neben sein Bett gelegt. Weitere Nachbeben erinnern uns daran, dass wir den Fluchtweg offen halten müssen. Wir schlafen mit offenen Türen. Diese Nacht wecken uns vier Nachbeben. Morgen fahren wir an die verwüstete Uferzone. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2010, 08:31 Uhr

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