Ausland
Kuschen vor der Waffenlobby
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 23.07.2012 82 Kommentare
Artikel zum Thema
- Amerikas Kampf um das Waffengesetz
- Aurora trauert und versucht zu verstehen
- Als wäre er Bane persönlich
- Der deutsche Traum
- Amerika hat gewählt – den Falschen
- Das Streben nach Glück
Sprengfallen werden entschärft.
Teilen und kommentieren
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Den besten Zeitpunkt zur Verschärfung des Waffenrechts haben die USA schon lange verpasst. 1994 trat ein Gesetz in Kraft, das automatische, für Kampfeinsätze entwickelte Feuerwaffen einem Verkaufsverbot unterstellte. Das Verbot indessen war auf zehn Jahre limitiert; und als dessen Verlängerung anstand, kniffen die Demokraten und unterliessen es, diesen ersten Versuch zu einem griffigeren Waffenrecht fortzusetzen.
Die Gründe von damals gelten noch heute. Nur verschärft und noch weniger umkehrbar. Das in der Verfassung verankerte Recht aufs Tragen einer Schusswaffe hat vor allem im Westen und Südwesten des Landes einen quasi-religiösen Status erreicht. Es ist kein Zufall, dass Colorado in den letzten Jahren Schauplatz mehrerer grauenhafter Amokläufe war. Der Bundesstaat weist eine Mischung zwischen einer konservativen, seit längerem ansässigen Bevölkerung mit einer ausgeprägten Frontier-Mentalität auf und einer sozial kaum verankerten Masse von Zugezogenen. Diese kommen in Agglomerationsstädten wie Aurora unter. Beide Gruppen beharren auf ihren Waffen, die einen, weil sie darin einen Teil ihrer Geschichte und Tradition erkennen; die anderen, weil sie sich an nichts anderem festhalten können.
Treffpunkt der Waffennarren
Wer dieser Tage Colorado besucht, darf nicht überrascht sein, ungefragt angesprochen zu werden. «God and Guns sind das Einzige, worauf ich vertraue. Tut mir leid, wenn ich das so offen sagen muss; aber so ist es nun mal», so ein Maurer in einer Gondelbahn im Touristenort Telluride. Auf die Frage, wie er mit dieser Haltung im liberalen Telluride zurechtkomme, erwidert der Mann ungerührt, er sei niemandem eine Erklärung schuldig. «Telluride ist mir viel zu liberal, aber hier mache ich während sechs Monaten gutes Geld. Zur Erholung gehe ich dann eben die anderen sechs Monate hinunter nach Dove Creek.» Das Kaff nahe der Grenze zu Utah gilt als ultrakonservativ und ist ein Treffpunkt der Waffennarren der Region. Zum Abschied weist er auf seinen Hosenbund. «Wissen Sie, was ich hier trage?», fragt er zwinkernd, «meine kleine Vorsichtsmassnahme.»
Diskussionen um das Waffentragrecht arten in der Regel in hitzige Debatten um die Rolle einer als bedrohlich empfundenen, überhandnehmenden Regierung aus. Rasch kommt die Rede jeweils auf den Präsidenten, der aus den USA ein sozialistisches Land machen und es mit Kontrollen und Vorschriften ersticken wolle.
Gute Rendite mit Aktien von Smith Wesson
Eine solche Polarisierung des politischen Diskurses spielt folgerichtig der Waffenlobby in die Hand und macht das Thema für Barack Obama und die Demokraten gerade in einem Wahljahr zu einem Anliegen für Verlierer. Die öffentliche Meinung hat in den letzten Jahren massiv gedreht: 1990 forderten noch 80 Prozent der Amerikaner schärfere Kontrollen für das Waffentragen; letztes Jahr waren es gerade noch 43 Prozent.
Die Wahl von Barack Obama hat dabei eine erhebliche Rolle gespielt, nützte die Waffenlobby dies doch zu einer verleumderischen Einschüchterungskampagne mit rassistischen Untertönen aus. Präsident Obama werde das Waffentragrecht über kurz oder lang beschneiden, unterstellte die National Rifle Association (NRA) kaltblütig. Der Umsatz mit Schusswaffen und Munition nahm in der Folge stark zu. Wer viel Geld an der Börse machen wollte, kaufte 2009 Aktien der Waffenhersteller Sturm, Ruger und Smith Wesson. Die Papiere haben seither auf das Neun- beziehungsweise Sechsfache zugelegt.
Obama bricht Versprechen
Das Schweigen von Präsident Obama und seines republikanischen Herausforderers Mitt Romney ist so bezeichnend, wie es mutlos ist. Obama liess es auch dieses Wochenende bei tröstenden Worten und einem Besuch der Trauerfamilien in Aurora sein; Romney zeigte sich auf seine Art gedämpft betroffen. Nur der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg und der mexikanische Präsident Felipe Calderón forderten eine Verschärfung der US-Waffengesetze, unterstützt von vereinzelten illusionslosen Zeitungskommentatoren. Obama hätte es als Präsident in der Hand, eine landesweite Debatte auszulösen. Dass er es nicht tut, ist enttäuschend, aber nicht wirklich erstaunlich, hatte er doch – entgegen früherer Versprechen – das Waffentragrecht in seiner Amtszeit sogar auf die Nationalparks und die Amtrak-Züge ausgeweitet.
Und inzwischen ist das Politklima zu aufgeheizt, als dass er sich von diesem Thema irgendwelchen Nutzen verspricht. Dass Romney nichts sagt, bestätigt nur, wie weit sich der Kandidat verbogen hat. Als Gouverneur in Massachusetts führte er 2004 eines der schärfsten Waffengesetze des Landes ein und erklärte, «mit der NRA nicht auf der gleichen Linie» zu sein. Schon zwei Jahre später, als er seine Kandidatur vorbereitete, war alles wieder anders: Romney wurde Mitglied der NRA auf Lebenszeit und damit ein Verbündeter der Waffennarren und ihrer Nachahmer.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.07.2012, 07:29 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
82 Kommentare
Diese Nation kann mit ihrer Doppelmoral und Heuchelei nur verachtet werden. Da sterben unschuldige Menschen, man trauert und sogar Obama geht dorthin. Geht es aber darum, die wahren Schuldigen zu belangen, die Waffenlobby, die Schiesswütige gerade zu aufmuntert, wird es still. Ist es Lernunfähigkeit, einmal mehr Kuschen vor der Geldmacht oder Nichterkennen der Zusammenhänge? Vermutlich alles. Antworten
Ausland
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Bitte warten
Die Welt in Bildern
























