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Mit Voodoo gegen Diktatoren und Katastrophen
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Das Erdbeben in Haiti zeigt in aller Brutalität, was es bedeutet, in einem «Failed State» zu leben. Schon vor der Katastrophe funktionierte auf dem Inselstaat praktisch nichts, was einen Staat ausmacht - Gesundheits- und Bildungswesen, Polizei, Strassenverkehr, Post, Banken, Kommunikation. Jetzt, da die Bewohner am meisten auf Hilfe angewiesen wären, ist alles kollabiert.
Haitis Geschichte ist bis heute eine einzige Abfolge von Krisen und Katastrophen, obwohl die Geschichte des Landes mit einem weltweit gehörten Paukenschlag der Befreiung begann. Als Jean-Jacques Dessalines 1804 Haitis Unabhängigkeit von Frankreich erklärte, wurde das Land sowohl die erste selbstständige «schwarze» Nation der Welt wie auch der erste unabhängige Staat Lateinamerikas. Doch vielleicht ist der «Perle der Antillen», wie das Land früher genannt wurde, gerade die frühe Autonomie zum Verhängnis geworden. «Der Unabhängigkeitskampf brachte den Haitianern zwar viel Bewunderung ein», schrieb Walther L. Bernecker in «Kleine Geschichte Haitis», «der Preis waren aber die chronische politische Instabilität, die wirtschaftliche Unterentwicklung und die internationale Isolierung.»
Offiziell demokratische Zustände
Andere Karibikinseln, zum Beispiel das Nachbarland Dominikanische Republik, die intensive Beziehungen zu ihren früheren Mutterländern aufrechterhielten, erwiesen sich als wirtschaftlich viel erfolgreicher. Nach und nach entstand in den Köpfen vieler - gerade auch intellektueller - Haitianer die Vorstellung, Wohlstand könne nur zum Preis kultureller Entfremdung erreicht werden. Das Resultat war ein spezifisch haitianischer Patriotismus. Trotzig war man stolz darauf, anders zu sein: zwar arm, aber authentisch. «Für diesen Traditionalismus musste allerdings ein hoher Preis bezahlt werden», so Bernecker. «In mancherlei Hinsicht scheint die Zeit in Haiti stehen geblieben zu sein.»
Armut, Korruption, Diktatur, Kriminalität - was die Lage für viele Einwohner heute besonders desolat macht, ist das Gefühl, selbst für die Misere verantwortlich zu sein. Früher konnte man den Franzosen, später den Amerikanern, dann den Diktatoren François und Jean-Claude Duvalier die Schuld geben. Aber Bertrand Aristide, der ehemalige Armenpriester, wurde 1990 mit grossem Mehr gewählt. Und seit er 2004 in Schimpf und Schande davongejagt wurde, herrschen zumindest offiziell demokratische Zustände.
Verbrechen als Hexenwerk
Für das Gros der Bevölkerung sind die Verhältnisse jedoch eher prekärer geworden. «Es dürfte schwierig sein, bis in alle Ewigkeit an unsere Unschuld und Heiligkeit zu glauben und die‹Weissen›, die‹Imperialisten›, für die Ursache all unserer Übel und Fehltritte zu halten», schreibt der haitianische Soziologe Laënnec Hurbon und fordert seine Landsleute auf, ihr kulturelles Selbstverständnis radikal zu hinterfragen. Korruption beispielsweise sei nicht eine «schlechte Gewohnheit», sondern tief in den gesellschaftlichen Normen verankert.
Die Einführung eines neuen Verfahrensrechts setze ein Verständnis der individuellen Verantwortung und des Umgangs mit der Wahrheit voraus, der auf Argumenten und nicht auf christlichen oder Voodoo-Traditionen beruhe. «Die Autoritäten dürfen nicht zögern, sich gegen die in der Gesellschaft herrschenden Vorstellungen von Justiz zu wenden, wonach ein kommunes Verbrechen als Hexenwerk interpretiert wird und eine ihm fremde Kraft den Verbrecher zu seiner Tat gedrängt hat.»
Politik - spirituell «analysiert»
Sogar politische Fragen werden in Haiti in hohem Masse unter magisch-spirituellen Aspekten «analysiert». Als am Vorabend von Aristides Sturz 2004 die Rebellen von Norden her vorrückten, war ich in Gonaïves, dem Zentrum der Rebellion. An einer zentralen Kreuzung legte ein Voodoo-Priester Opfergaben nieder, zündete einen Feuerkreis an, und Butter Métayer, eine der zentralen Figuren des Aufstands, leerte eine Flasche Rum darüber. Er erklärte mir, dass an diesem Platz Aristide die Statuen von Haitis Nationalhelden Dessalines, Louverture und Christophe aufgestellt habe, um sich der Kraft der Ahnen zu bemächtigen. «Nun haben wir die Figuren entfernt und stattdessen meinen Bruder hier begraben», erklärte er. Sein Bruder Amiot war nach allgemeiner Übereinkunft von Aristide ermordet worden, um Herz und Hirn als Opfer darzubringen, sich die Augen jedoch selbst einzupflanzen. «Man kann riechen, dass die Geister unserer Sache nun gut gestimmt sind», schloss Métayer und fügte erklärend hinzu: «Im Prinzip sind wir ein mystisches Volk.»
Wahrscheinlich ist, dass sich die Leute nach einem Ereignis wie dem jüngsten Erdbeben erst recht an Althergebrachtes klammern.
Der Ethnologe und Journalist David Signer ist Karibik- und Afrikaspezialist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.01.2010, 13:19 Uhr














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