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Ratlosigkeit am Golf: Verschluss des Bohrlochs kann Monate dauern
Hier geht nichts mehr: Das Live-Unterwasservideo von der Bohrstelle im Golf von Mexiko.
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Wie die «New York Times» unter Berufung auf interne Dokumente berichtet, haben BP-Ingenieure bereits am 22. Juni 2009 ihre Bedenken darüber geäussert, dass eine Metallverschalung, die der Konzern am Bohrloch zum Einsatz bringen wollte, unter grossem Druck kollabieren könnte. «Das wäre sicherlich der schlimmste anzunehmende Fall», warnte der Zeitung zufolge ein Ingenieur in dem konzerninternen Bericht. «Aber ich habe es erlebt, also seid euch bewusst, dass es passieren kann.»
BP habe dennoch an der Verwendung der Verschalung festgehalten und sich dafür eine spezielle Erlaubnis von Verantwortlichen des Konzerns eingeholt, schreibt die renommierte Tageszeitung weiter. Diese Genehmigung war demnach erforderlich, weil die Sicherheitsbestimmungen, die sich das Unternehmen selbst auferlegt hat, verletzt wurden.
«Nicht nachlassen»
Inzwischen steigt die Verzweiflung im Golf von Mexiko: BP ist am Wochenende auch mit seinem jüngsten Versuch zur Abdichtung des beschädigten Bohrlochs gescheitert. Bei dem als «Top Kill» bezeichneten Verfahren wurde tagelang eine Mischung aus Schlamm, Zement und Müll in das Bohrloch in 1500 Metern Tiefe gepumpt, um das Leck zu verschliessen. Am Samstag musste BP-Manager Doug Suttles mitteilen, es habe nicht funktioniert. US-Präsident Barack Obama reagierte tief enttäuscht.
«Wir werden nicht nachlassen, bis dieses Leck kontrolliert ist», erklärte er in Washington. Der Rückschlag bei den Bemühungen von BP mache ihn wütend und sei «herzzerreissend», erklärte Obama. Der Kampf gegen die Umweltkatastrophe werde fortgesetzt, «bis die Gewässer und Küsten gereinigt sind». Der Top-Kill-Versuch begann am Mittwoch. BP pumpte dabei 4,5 Millionen Liter des schweren Müll-Schlamms in das Bohrloch.
Rohr absägen
Sechs Wochen nach Beginn des Unglücks steht BP damit immer noch weitgehend ratlos da, wie der Ölfluss zum Stillstand gebracht werden kann. In den kommenden Tagen will der Konzern nun mit Unterwasserrobotern das Steigrohr des lecken Bohrlochs absägen und darüber einen Deckel anbringen. Die Aktion soll zwischen vier und sieben Tagen dauern. Dass es damit gelingt, das Leck zumindest vorübergehend zu schliessen, ist aber nicht sicher. Die vermutlich verlässlichste Lösung ist ein zweites Bohrloch, das gerade gebohrt wird, das aber erst im August fertig sein wird. «Das jagt jedem Angst ein», sagte Suttles, «dass wir es nicht schaffen, diese Quelle zum Stillstand zu bringen.» Vieles von dem, was bislang ausprobiert worden sei, wurde schon an der Erdoberfläche angewandt, aber noch nie in 1500 Metern Tiefe.»
Das Absägen des Steigrohrs werde vermutlich nicht dazu führen, dass das Leck noch grösser wird, sagte Suttles. Andere Ölexperten sind sich da nicht so sicher. «Wenn sie da kein Ventil drauf bekommen, dann wird es noch viel schlimmer», sagte Professor Philip W. Johnson von der Universität von Alabama.
Immer wieder verschätzt
Damit leidet der Ruf von BP noch weiter: Denn zu nahezu jedem Zeitpunkt seit der ersten Explosion auf der Bohrinsel «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko hat der Ölkonzern BP das tatsächliche Ausmass der Katastrophe heruntergespielt. Und die Aussagen des Konzerns zu fast jedem Aspekt, von der Menge des austretenden Öls, über die Folgen für die Umwelt bis zu den Versuchen, das Leck zu stoppen, haben sich als falsch erwiesen. Inzwischen ist der Glaubwürdigkeitsverlust bei BP vielleicht genauso schwer zu stoppen wie das Ölleck am Meeresboden.
«Sie machen einen Fehler nach dem anderen. Das führt zu dem Eindruck, dass sie etwas zu verbergen haben», erklärte US-Senator Bill Nelson aus Florida. «Diese Jungs haben entweder kein Gefühl für die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit oder sie sind Neandertaler, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht.»
Grösse des Lecks beeinflusst auch die Höhe der Strafen
Da ist zum Beispiel eine der wichtigsten Fragen seit Beginn der Katastrophe am 20. April: Wie viel Öl tritt aus dem Leck aus? Die offizielle Schätzungen sind dabei stetig gestiegen. Erst hiess es, es trete gar kein Öl aus, dann waren es rund 160.000 Liter täglich, dann 800.000 Liter. Und jetzt erklären Wissenschaftler, es könnte auch fünf Mal so viel Öl sein. Und immer tat sich BP schwer damit zuzugeben, dass das Ölleck wohl doch grösser sei, als man der Öffentlichkeit gesagt hatte.
Ein Grund für BP, die Schätzungen so niedrig wie möglich zu halten, ist sicher, dass sich die Höhe der mögliche Strafen gegen BP einem US-Bundesgesetz zufolge nach der Grösse des Lecks richtet. Die Strafe, die die Regierung verhängen könne, liege könne Strafen zwischen 1000 und 4300 Dollar pro Fass (159 Liter), erklärte Nelson. «Und deshalb wollen sie die Menge, die die Menschen kennen, natürlich möglichst klein halten.»
2,2 Millionen Liter pro Tag
Erst am Freitag bestätigte BP-Sprecher David Nicholas, dass die Obergrenze der Schätzungen von BP, der Küstenwacht und der Ozeanografiebehörde (NOAA) zur Menge des austretenden Öls inzwischen bei 2,23 Millionen Litern täglich liege. Erst tags zuvor war BP bereit gewesen einzuräumen, dass die Ölmenge doch grösser sei als die bislang genannten fast 800'000 Liter. (se/afp/ap/)
Erstellt: 30.05.2010, 16:11 Uhr



