Ausland
Reduktion auf das Machbare
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 10.01.2012 4 Kommentare
Das aufgeblähte Armeebudget der Bush-Ära: Die Militärausgaben 2009 in Prozent des BIP. (Bild: TA-Grafik mt / Quelle: IISS)
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Der amerikanischen Armee steht eine Abmagerungskur bevor. Auf den ersten Blick erscheint die Reduktion dramatisch, sinkt doch beispielsweise der Truppenbestand zum ersten Mal seit langer Zeit wieder unter die Grenze von 500'000. Und die Militärausgaben sollen von 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung in zehn Jahren auf noch 2,7 Prozent schrumpfen.
Doch wichtiger als diese vor allem aus Budgetgründen verordneten Limiten sind die geopolitischen Folgen der neuen Doktrin mit dem selbstsicheren Titel «Sustaining US Global Leadership». Barack Obama betrachtet Auftrag und Leitlinie der Armee für die kommenden zehn Jahre in einem bemerkenswert nüchternen Licht. Die Armee soll kleiner werden, dafür aber vermehrt zur technologischen Kriegsführung greifen, die bereits die letzten Einsätze in Afghanistan, im Irak und im Grenzgebiet zu Pakistan prägte.
«Die langen Kriege sind vorbei»
Konkret heisst dies, dass noch mehr versteckte Angriffe auf vermutete Terroristen zu erwarten sind und die Überwachung von Krisengebieten mit unbemannten Drohnen der neue Regelfall sein wird. Dies aber macht die Armee noch mehr abhängig von privaten Überwachungsfirmen und Spionen, deren rechtlicher Status unklar bleibt.
Die grösste Kurskorrektur allerdings ist der Abschied von der Doktrin der zwei Kriege. Europa wird dies am stärksten zu spüren bekommen. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sollen amerikanische Streitkräfte nur noch eine einzige Grossintervention auf einmal ausführen. Die Anforderung, parallel in zwei Kriege zu Land engagiert sein zu können, fällt dahin. Nach den Kriegen im Irak und in Afghanistan ist die Armee ausgelaugt, das Material muss erneuert werden.
Dies ist ein naheliegender Grund für den Abschied vom aufwendigen Zweikriegsszenario. Doch scheint auch die Bedrohungslage inzwischen wesentlich günstiger. «Die Gezeiten des Krieges gehen zurück, die langen Kriege des letzten Jahrzehnts sind vorbei», so Präsident Obama. «Wir sind in der glücklichen Lage, aus einer Position der Stärke voranzugehen.»
Rückzug geprobt und für gut befunden
Als die vorrangige Bedrohung sehen die USA demnach nicht mehr den Mittleren Osten, sondern den Fernen Osten, konkret Nordkorea und einen möglichen Eingriff durch China. Wenn es eine militärische Intervention brauche, so die US-Generäle, dann in dieser Region. Dagegen hoffen sie, die Krise rund um den Iran mit See- und Luftstreitkräften in der Strasse von Hormuz unter Kontrolle halten zu können. Dass die Rüstungslobby gegen diesen Rückzug auf das Machbare einer einzigen Intervention protestiert, ist nicht überraschend. Und dass die Republikaner dem Präsidenten daraus den Strick der sicherheitspolitische Schwächen drehen wollen, ist wohl unvermeidlich.
Dies ändert nichts daran, dass der Rückzug zur Einkriegsdoktrin bereits geprobt und für gut befunden wurde. Libyen zeigte, dass Europa mehr an globaler Sicherheitsverantwortung übernehmen kann. Obamas Pläne machen auch im Vergleich mit anderen Militärmächten Sinn. Die USA haben unter der Regierung Bush das Militärbudget massiv in die Höhe geschraubt. Mit den geplanten Kürzungen werden die Ausgaben nur wieder normalisiert, also auf den Stand von vor der Bush-Ära zurückgefahren.
Günstiger Cyberwar
Die Schlankheitskur ist somit durchaus gesund und angemessen. In den letzten Jahren hatte die Zweikriegsdoktrin zu oft zur Entwicklung von teuren (und teils überflüssigen oder mindestens fragwürdigen) Rüstungsplattformen geführt. Dutzende von Milliarden Dollar verschwanden so in den Rüstungsfirmen ohne erkennbaren Ertrag, wie der frühere Verteidigungsminister Robert Gates mehrmals kritisierte. Der Stealth-Jet des Typs F-35, das teuerste Rüstungsvorhaben aller Zeiten, wird deshalb warten müssen. Präsident Obama ordnete einen Aufschub des Projekts an und wies die Armee an, stattdessen mehr Mittel in den günstigeren Cyberwar – unbemannte Missionen und verdeckte elektronische Kriegsführung – zu investieren.
Die Doktrin der neuen Armee hat deshalb etwas von der Zurück-zur-Zukunft-Qualität angenommen, die Verteidigungsminister Donald Rumsfeld so vehement gefordert hatte. Obama sieht sich unversehens in der Nachfolge von Technokraten. Deren Vorstellungen einer superschlanken, hocheffizienten Profi-Armee allerdings sind weit weg von der Milizarmee der Vietnam-Jahre. Und erscheinen demokratisch weniger fassbar als damals. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.01.2012, 20:58 Uhr
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4 Kommentare
Wenn ich das schon wieder lese...
"Konkret heisst dies, dass noch mehr versteckte Angriffe auf VERMUTETE Terroristen zu erwarten sind"
Da kann ich ja gleich meinen Nachbarnoder gar Barack Obama persönlich erschiessen, weil ich vermute, dass dieser ein Terrorist ist...
Obama der ach so gelobte Friedensnobelpreisträger hat schon um die 4000 "vermutete Terroristen" per Dronen umbringen lassen.
Antworten
USA haben so gigantische Probleme, dass Ihnen langfristig nur zwei Möglichkeiten bleiben A) Verteidigungsausgaben bis 90% zu kürzen u akzeptieren, dass sie keine Weltmacht mehr sein können B)solange die Macht vorhanden ist mit neuen Kriegen u Feindbildern einen neuen kalten Krieg auszulösen (die dann vielleicht aber in einen warmen Krieg enden könnte)..dies wäre aber wirklich die idiotische Versio Antworten
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