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«Was ich will, will auch das Volk»

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 06.03.2013 60 Kommentare

Hugo Chávez hat geredet, Geld verteilt, viele aus der Armut befreit und dennoch ökonomische und soziale Verheerungen angerichtet. Sein früher Tod macht ihn für seine Anhänger zum Heiligen.

1/13 Plant den Umsturz: Oberstleutnant Hugo Chávez führt am 4. Februar 1992 einen Militärputsch an. Der Putsch scheitert, doch Chávez wirbt bei einer Fernsehansprache für die Ideen seiner bolivarischen Bewegung.
Bild: PD

   

«Unglaubliche Unterstützungswelle»

Lesen Sie auch das Interview mit Lateinamerika-Korrespondent Sandro Benini zu den politischen Auswirkungen des Todes von Hugo Chávez.

«Wir alle sind Chávez!»

Binnen kürzester Zeit wird das Spital in Caracas, in dem Venezuelas Präsident Hugo Chávez den Kampf gegen den Krebs verloren hat, zum Wallfahrtsort für seine trauernden Anhänger. Hunderte Menschen versammeln sich nach der Nachricht vom Tod des Staatschefs vor der Klinik. Sie weinen gemeinsam, rufen in Sprechchören: «Wir alle sind Chávez!» Auf Schildern und Bannern kündigen die «Chávistas» an: «Chávez und die Revolution, der Kampf geht weiter!» «Wir glauben, dass der Vater unseres Vaterlandes und vieler Nationen nur körperlich von uns gegangen ist», sagt Francis Izquierdo, ein 40-jähriger Angestellter der Stadtverwaltung. Ihm stehen Tränen in den Augen. «Der Comandante bleibt in unseren Herzen, und wir müssen mit dem Bau des Vaterlandes weitermachen.» Der «tiefste Wunsch» von Chávez sei schliesslich gewesen, dass das Volk die Revolution fortführe. Sieben Tage Staatstrauer hat die venezolanische Regierung angeordnet, um dem Mann die letzte Ehre zu erweisen, der den lateinamerikanischen Staat seit seinem Amtsantritt 1999 mit dem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» grundlegend verändern wollte. (sda)

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Venezuela trauert um seinen Präsidenten

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Nach dem Tod von Hugo Chávez wurde eine siebentägige Staatstrauer ausgerufen.

Tausende strömen in Caracas auf die Strasse. (Video: Reuters )

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Es sind 69 Sekunden und zwei Worte, die Hugo Chávez berühmt machen. Am 4. Februar 1992 versuchen der bis anhin nahezu unbekannte Oberstleutnant und eine Gruppe junger Offiziere, Venezuelas Präsidenten Carlos Andrés Pérez durch einen Staatsstreich zu entmachten. Das Unternehmen scheitert. Während Chávez in Caracas verhaftet wird, leisten seine Gefährten in anderen Teilen des Landes noch Widerstand. Die Regierung bittet den Anführer des Putsches, die Rebellen über das Fernsehen aufzufordern, weiteres Blutvergiessen zu vermeiden und die Waffen niederzulegen. Chávez kommt dem Ansinnen nach. In Uniform und mit der roten Mütze der Fallschirmspringer, erklärt der damals 37-Jährige in einer gut einminütigen Rede, der Militärputsch sei «vorläufig» gescheitert.

In einem Land, dessen Öffentlichkeit es gewohnt ist, dass Politiker niemals für irgendeinen Fehler oder Misserfolg die Verantwortung übernehmen, sagt er: «Ich übernehme die Verantwortung.» Das Publikum ist von der Entschlossenheit seiner Worte beeindruckt. Bereits am folgenden Morgen ist die Wendung «por ahora» (vorläufig) zum hoffnungsvollen Slogan einer politischen Bewegung geworden, die gut sechs Jahre später doch noch triumphieren wird, allerdings nicht durch Waffengewalt, sondern an der Urne: Am 6. Dezember 1998 wählt eine Mehrheit von 56 Prozent Hugo Chávez zum venezolanischen Präsidenten. 14 Jahre lang sollte er die Macht nicht mehr abgeben, und ob er Venezuela zum Guten oder Schlechten verändert hat, ist nach seinem Tod weniger leicht zu entscheiden, als es rechte und linke Ideologen behaupten.

Immer die richtigen Worte

Jene Episode sagt viel aus über Hugo Chávez: Über seine Gabe, im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Über sein Talent, sich zu inszenieren, über seine Affinität zum Medium Fernsehen. Und über die glücklichen Zufälle, die sich in seinem Leben derart häufen, dass er sie später zu Wundern verklären sollte – welcher soeben verhaftete Putschist erhält schon die Gelegenheit, sich einem Millionenpublikum als Mischung aus Haudegen und Friedensanwalt zu präsentieren?

Unfassbares Glück hat Chávez auch zehn Jahre später, als er am 11. April 2002 selber Opfer eines Staatsstreiches wird. Er sitzt bereits gefangen in einer Militärkaserne, mehreren Zeugen zufolge alles andere als heldenhaft darum flehend, man möge ihn nach Kuba ins Exil ausfliegen. Doch nachdem die Opposition die Macht ergriffen hat, verhält sie sich derart autoritär, dass die Bevölkerung für den gestürzten Präsidenten auf die Strasse geht, sich die Putschisten entzweien und Chávez nach zwei Tagen in den Präsidentenpalast zurückkehren kann.

Kampf gegen die Armut

Unter den vielen Gründen, die es dem Berufsoffizier ermöglichen, sich 14  Jahre an der Macht zu halten, ist die Schwäche der Opposition einer der wichtigsten. Chávez’ Gegner begehen zwei fundamentale Fehler: ihn wegen seiner oft clownesken Anwandlungen lange zu unterschätzen. Und zu verkennen, wie dankbar ihm die Armen für die Sozialprogramme sind. Um 2010 hören seine Widersacher zwar endlich auf, die verbilligten Lebensmittel, die kostenlose medizinische Betreuung durch kubanische Ärzte, die Alphabetisierungs- und Wohnbauprogramme als ineffiziente Almosenverteilerei zu schmähen. Stattdessen betont der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles während des Wahlkampfs 2012, er würde die Umverteilungsmaschinerie sogar noch erweitern. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät: Die Misiones genannten Programme sind in den Augen der Unterschicht die entscheidende Errungenschaft des sogenannten Chavismus.

Bei allen ökonomischen Verheerungen, die Chávez anrichtet: Unter seiner Herrschaft fällt die Armut laut Statistiken der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik von 50 auf 28 Prozent. Die Kindersterblichkeit sinkt um 35  Prozent, und die Unesco erklärt das Land zur vom Analphabetismus befreiten Zone. Es fällt der offiziellen Propaganda leicht, die Bewohner der Elendsviertel zu überzeugen, dass es mit den Misiones vorbei wäre, sobald ein anderer als Chávez in den Präsidenten­palast einzöge.

Das Kind von Primarlehrern

Hugo Chávez wird 1954 im Dorf Sabaneta de Barinas geboren. Seine Eltern sind beide Primarlehrer, Hugo ist der zweite von sechs Söhnen. Er wächst nicht in Armut auf, aber doch in bescheidenen Verhältnissen, «im ländlichen Venezuela der Palmenholzhütten und Lehmböden», wie einer seiner Biografen, Alberto Barrera Tyszka, schreibt. Chávez gilt schon während seiner Schulzeit und während der Ausbildung zum Offizier als charismatisch, humorvoll, rhetorisch brillant. Doch es ist seine Herkunft aus den Llanos, die ihn dem einfachen Volk stets als authentisch erscheinen lässt.

Nachdem Venezuela jahrzehntelang von zwei sich an der Regierung abwechselnden Parteien – einer sozial- und einer christdemokratischen – sowie einer Elite regiert wurde, welche die Nöte der Unterschicht so wenig kümmerten wie ein Sturm auf einem fernen Planeten, sind die Armen nach 1999 erstmals überzeugt: Es ist einer der unsrigen in den Präsidentenpalast Miraflores eingezogen.

Die enge Verbundenheit mit dem Volk, die kein anderer Vertreter des Regierungslagers und kein Exponent der Opposition jemals zustande bringen, hat jedoch eine Kehrseite – zumal bei einem Politiker mit dem Komplex des Aussenseiters, den das Ressentiment umtreibt, nicht ernst genommen zu werden: Chávez glaubt zusehends, seine politischen Ambitionen stünden zwangsläufig im Einklang mit der Volksseele. Was er will, will auch das Volk – und wer immer ihm widerspricht, versündigt sich am ureigensten Volkswillen. Je länger Chávez die Macht ausübt, desto deutlicher entwickelt er sich zu einem klassischen lateinamerikanischen Caudillo: ein autoritärer Polterer, unberechenbar, grob, exzessiv, manchmal grosszügig und liebenswert, stets mit einem Zug ins Karikatureske.

Mit der Haltung eines Caudillo

Ein Caudillo rechtfertigt seinen Autoritarismus, indem er beteuert, das Vaterland vor dem Untergang bewahren zu müssen. Dazu braucht er Feinde, innere wie äussere. Für Chávez ist es die Bourgeoisie, die ihm zufolge mit allen Mitteln an die Macht zurückdrängt, um den Armen wieder zu nehmen, was er ihnen gegeben hat. Und die Amerikaner, angeblich stets über Komplotten brütend, um ihn zu stürzen oder zu ermorden. Nach dem im letzten Moment niedergeschlagenen Putsch vom 11. April 2002 radikalisiert er sich. Der Mann aus Sabaneta, der angetreten war, die Arroganz der Macht zu besiegen, verfällt ihr selbst. Mehrmals lässt er sich vom Parlament eine Vollmacht ausstellen, um monatelang durch Dekrete zu regieren, vorbei an sämtlichen demokratischen Kontrollen und Institutionen.

In einer seiner delirierenden Reden mutmasst Chávez, der Krebs, der ihn später umbringen wird, sei durch eine neue amerikanische Geheimwaffe verursacht. Oppositionelle schmäht er kollektiv als «escuálidos» (Schwächlinge) und Oligarchen, oder er nennt sie vaterlandslose Gesellen. Dass sich selbst langjährige Weggefährten zu Dutzenden von ihm abwenden, kümmert ihn nicht. Dass Venezuelas Gesellschaft zusehends in zwei feindselige Lager zerfällt, ebenso wenig. «Ich spreche seit Jahren nicht mehr mit meinem Bruder, denn er ist ein Anhänger des Präsidenten», sagte im vergangenen Oktober während des Wahlkampfs ein Reporter des oppositionellen Fernsehsenders Globovisión.

«Aló Presidente»

Chávez will mehr sein als Politiker und Präsident, er strebt danach, in die Geschichte einzugehen. Sein Sendungsbewusstsein macht ihn zum Endlos­redner. Sonntag für Sonntag bestreitet er das Fernseh- und Radioprogramm «Aló Presidente», bis ihn der Krebs nach 378 Folgen und insgesamt 1657 Stunden assoziativer, oft dadaistisch angehauchter Rede zum Schweigen zwingt. Hinzu kommen die Ansprachen, für die sämtliche Fernseh- und Radiosender ihr Programm augenblicklich unterbrechen müssen. Allein im Jahr 2012 umfassen sie trotz Krankheit 140 Stunden.

Der Kult, den Chávez um sein grosses historisches Vorbild Simón Bolívar treibt, trägt obsessive Züge. Sein politisches Projekt nennt er Sozialismus des 21. Jahrhunderts oder bolivarianische Revolution, sein Land lässt er in bolivarianische Republik Venezuela umbenennen, und jede vom Präsidenten eingeweihte kostenlose Universität, jede Grundschule und jedes Elektrizitätswerk schmückt das Attribut bolivarianisch. Gerüchteweise bleibt bei Kabinettssitzungen jeweils ein Stuhl frei, auf dass der Geist des Freiheitshelden Platz nehme. Ehemalige Freunde behaupten, Chávez halte sich insgeheim für Bolívars Reinkarnation.

Gegenspieler der USA

Auf Bolívar beruft sich Venezuelas Caudillo auch bei seinem wichtigsten aussenpolitischen Projekt: Alba, dem Bündnis linker lateinamerikanischer Staaten. In einer multipolaren Welt soll es einen Pol zur Verteidigung lateinamerikanischer Interessen bilden und als Gegenspieler der USA auftreten. Doch Südamerikas politisches und ökonomisches Schwergewicht Brasilien bleibt auf Distanz. Die globale Strahlefigur der Weltregion ist nicht Chávez, sondern der brasilianische Präsident Lula. Weil sich der Venezolaner in seiner antiamerikanischen Manie mit sämtlichen Feinden der Supermacht verbrüdert, von Ahmadinejad über Ghadhafi bis zum syrischen Satrapen Assad, bleibt ihm die erträumte regionale Führungsrolle verwehrt. Die internationale Gemeinschaft nimmt ihn ebenso wenig ernst wie einst die Elite in Caracas.

Chávez’ historisch bedeutendste Tat besteht darin, die kubanische Revolution durch verbilligte Erdöllieferungen eineinhalb Jahrzehnte lang vor dem Untergang zu bewahren. Fidel Castro wächst in die Rolle eines verehrten Übervaters, denn Venezuelas autoritärer Präsident hat das Bedürfnis, sich seinerseits einer Autorität zu beugen. Das Verhältnis zwischen Castro und Chávez ist in Venezuela längst Gegenstand psychoanalytischer Erörterungen.

Weder Demokratie noch Diktatur

Den Lehrersohn aus Barinas prägt eine oft an Irrationalität grenzende Widersprüchlichkeit. Seine Sozialprogramme finanziert er mit Einnahmen aus dem Erdölgeschäft, dessen wichtigster Abnehmer ausgerechnet die dämonisierten USA sind. Internationale Experten loben das venezolanische Wahlsystem als eines der fälschungssichersten der Welt, doch setzt Chávez den staatlichen Propagandaapparat derart exzessiv ein, dass Wahlen und Abstimmungen – die er mit wenigen Ausnahmen gewinnt – zwar formal korrekt verlaufen, aber nicht gerecht sind.

Venezuela unter Chávez ist weder Demokratie noch Diktatur. Es ist ein System, in dem Oppositionelle ihre Meinung äussern können, aber die öffentlichen Institutionen zu Erfüllungsgehilfen der Regierung verkommen. Chávez verwirklicht weniger den Sozialismus als vielmehr den Autoritarismus des 21. Jahrhunderts: die Schwächung der Demokratie und die Aushöhlung der Gewaltentrennung mit demokratischen Mitteln.

Chávez hinterlässt ein Land mit weniger Armut und besserer Gesundheitsversorgung, aber auch mit einer der weltweit höchsten Inflations- und Mord­raten. Bei seinem Amtsantritt lag der Preis für Erdöl, dessen Verkauf 60 Prozent von Venezuelas Staatseinnahmen und 95 Prozent seines Exporterlöses ausmacht, bei neun Dollar. Heute ist es rund zehnmal mehr. Die sozialen Errungenschaften der bolivarianischen Revolution haben ihrem Schöpfer die authentische Verehrung der Armen eingetragen – eine Verehrung, die schon vor seinem Tod in religiösen Mystizismus umschlug. Aber angesichts des Reichtums, über den Chávez verfügte, hätte er es besser machen können. Viel besser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2013, 06:19 Uhr

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60 Kommentare

Thomas Kunz

06.03.2013, 09:54 Uhr
Melden 88 Empfehlung 47

Macht korrumpiert die Seele. Trotzdem war er einer der wenigen Staatschefs auf der Welt, der sich auf die Seite der Armen stellt. Antworten


Walter Grämer

06.03.2013, 07:49 Uhr
Melden 78 Empfehlung 40

Ob dieser Chavez ein Heiliger war glaub ich nicht so recht eher ein Scheinheiliger.Auch in diesem Land gibt es Korruption. Antworten



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