Ausland

Was tun mit dem mächtigsten Drogenboss der Welt?

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 09.01.2016

Chapo Guzmán ist wieder gefasst. Ihn an die USA auszuliefern, wäre für Mexiko riskant – ihn zu behalten genauso.

1/19 Wieder gefasst: Der Anführer des Sinaloa-Kartells, Joaquin «El Chapo» Guzmán, ist nach seiner Flucht im Juli wieder hinter Gittern (8. Januar 2015).
EPA/Jose Mendez

   

Sandro Benini: «Drogen, Krieg, Mexiko», Echtzeit-Verlag, ca. 35 Fr.

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Die Festnahme von Chapo Guzmán verschafft dem mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto endlich wieder einmal ein Erfolgserlebnis. «Mission erfüllt: Wir haben ihn. Ich will die Mexikaner informieren, dass Joaquín Guzmán Loera verhaftet wurde», schrieb der Präsident auf Twitter. Im Juli 2015 war es dem Chef des Sinaloa-Kartells gelungen, durch einen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano zu entkommen. Für die mexikanische Regierung war es eine beispiellose internationale Schmach, die sie nun halbwegs wieder wettgemacht hat.

Bevor ein Helikopter der Marine Chapo Guzmán ins selbe Gefängnis flog, aus dem er vor sechs Monaten geflohen ist, wurde er in Mexiko-Stadt den Medien vorgeführt. Er trug Trainingshosen und Turnschuhe, seine Hände waren auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt, ein Marinesoldat packte ihn mit energischem Griff am Nacken und drückte ihm den Kopf nach unten – ein Demütigungsritual, um der Welt zu demonstrieren: Die mexikanische Regierung hat über den mächtigsten Drogenboss der Welt triumphiert. «So ist es, wenn Präsident Enrique Peña Nieto seine Versprechen gegenüber der mexikanischen Bevölkerung erfüllt», hatte zuvor Innenminister Ossorio Chong behauptet. Und: «Diese Verhaftung beweist, dass es keinen Verbrecher gibt, der sich dem Zugriff der mexikanischen Autoritäten entziehen kann.»

Mexikos Probleme gehen tiefer

Für Peña Nieto ist die Festnahme des Drogenbosses ein beachtlicher Propagandaerfolg, aber nicht mehr. Die Popularität des Präsidenten, der sein Amt im Dezember 2012 mit dem Versprechen angetreten hatte, das Land durch Reformen zu modernisieren und den das amerikanische «Time»-Magazin kurz darauf als «Retter Mexikos» gefeiert hatte, liegt bei knapp 40 Prozent. Der für mexikanische Verhältnisse tiefe Wert dürfte nun etwas steigen, doch ändert dies nichts daran, dass Mexiko von Peña Nieto enttäuscht ist. Viele seiner Reformen haben nicht die erhoffte Wirkung gezeigt – sei es, weil sie kontraproduktiv waren (Steuerreform) oder halbherzig umgesetzt wurden (Bildungsreform). Hinzu kommt, dass Mexiko wie alle Schwellenländer unter dem Zerfall der Rohstoffpreise leidet. Daran ist Peña Nieto zwar unschuldig, seinem Ansehen schadet es trotzdem. Vor allem aber bedroht die Krise der Schwellenländer seine wichtigste Reform, nämlich die Öffnung des Erdölsektors für ausländische Investoren.

«Mission erfüllt»: El Chapo wird von den mexikanischen Behörden abgeführt (Video: Reuters, 9. Januar 2016).

Die Sicherheitslage hat sich unter Peña Nieto kaum verbessert, und noch immer ist unklar, was mit 43 von der Drogenmafia entführten Studenten des ländlichen Lehrerseminars Ayotzinapa genau geschehen ist. Laut einer Studie der Universität Los Angeles hat die anhaltende Gewalt dazu geführt, dass die Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung erstmals seit der mexikanischen Revolution im Jahre 1910 gesunken ist. Das Ausmass der Korruption wird von der Öffentlichkeit noch immer als katastrophal wahrgenommen. Dass Peña Nieto und seine Gattin Angélica Rivera beim Bau einer Luxusresidenz selber auf unappetitliche Weise gemauschelt haben, macht alles noch schlimmer. Und die notorische Bestechlichkeit von Teilen des Staatsapparates, die vor einem halben Jahr Guzmáns Flucht ermöglichte, ist durch seine erneute Verhaftung keineswegs überwunden.

Das Auslieferungsproblem

Die Festnahme von Chapo Guzmán stürzt Peña Nietos Regierung zudem ins Dilemma, ob sie den Drogenboss an die USA ausliefern soll. Tut sie es nicht, riskiert sie, dass Guzmán abermals auszubrechen versucht. Oder zumindest, dass er seine unermessliche Korruptionsmacht erneut auch aus dem Hochsicherheitsgefängnis heraus wirken lässt. Gibt sie dem Auslieferungsbegehren hingegen nach, wird dies die Öffentlichkeit als nationale Demütigung empfinden: Selbst die Regierung muss indirekt zugeben, dass das mexikanische Justiz- und Gefängniswesen unfähig ist, mit einem Verbrecher vom Kaliber des Chapo Guzmán fertig zu werden.

Guzmáns letzte Minuten im Gefängnis: Videomaterial der mexikanischen Behörden zeigt, wie «El Chapo» flüchtet. (Video: Reuters, 15. Juli 2015).

Vorläufig ist Guzmán durch gerichtliche Verfügungen vor einer Überstellung in die USA geschützt. Laut Experten würde es mindestens sechs Monate dauern, um die juristischen Hürden beiseite zu räumen. Amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse sind für Drogenbosse aus Lateinamerika der schlimmste Albtraum überhaupt. Es ist kein Zufall, dass Chapo Guzmán die Auslieferung drohte, als er vor sechs Monaten geflohen ist. Aus demselben Grund war er im Januar 2001 aus der Hochsicherheitsanstalt Puente Grande entwichen. Seither nennt der Volksmund das Gefängnis «Puerta Grande» – grosse Türe.

Droht jetzt neue Gewalt?

Oft zerfällt ein Drogenkartell nach der Ausschaltung seines Bosses in rivalisierende Untergruppen, die sich gnadenlose Nachfolgekämpfe liefern. Der Tod von Arturo Beltrán Leyva im Dezember 2009 hat das Beltrán-Leyva-Kartell atomisiert und dadurch in Zentralmexiko und an der Pazifikküste eine Welle von Gewalt und Barbarei ausgelöst, die bis heute nicht abgeebbt ist. Was Polizei und Regierung als Triumph des Rechtsstaates feiern, bedeutet für die Lokalbevölkerung oft zusätzlichen Schrecken.

Während der Zeit zwischen Februar 2014 und Juli 2015, als Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano sass, blieb das Sinaloa-Kartell jedoch weitgehend intakt. Das dürfte daran liegen, dass der Drogenboss mit Ismael «El Mayo» Zambada einen gleichermassen starken wie loyalen Stellvertreter hat. Und dass seine Befehlsgewalt erhalten blieb, solange er in einem mexikanischen Gefängnis sass. Die Auslieferung von Chapo Guzmán an die amerikanische Justiz würde deshalb das Risiko bergen, dass eines der mächtigsten Verbrechersyndikate der Welt auseinanderbricht – und ein neues blutiges Kapitel in der Geschichte des mexikanischen Drogenkriegs beginnt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2016, 16:10 Uhr

Werbung