Ausland
Wie McChrystal den Krieg in Afghanistan revolutionierte
Von Tobias Matern, Delhi. Aktualisiert am 24.06.2010 4 Kommentare
Geschlagener General: McChrystal vor dem Weissen Haus. (Bild: Keystone )
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Im Nato-Hauptquartier in Kabul gibt es einen Kommandoraum, in dem Stanley McChrystal gemeinhin mehr Zeit verbracht hatte als in seinem Büro. Um ihn herum sassen die engsten Mitarbeiter vor Laptops, an der Wand waren Bildschirme mit Daten zu den Operationen im ganzen Land angebracht. Sie wurden ausgeblendet, wenn Besucher kamen.
Vier Stunden Schlaf, ein Essen
General McChrystal, der entlassene Oberkommandierende der Nato-Truppen am Hindukusch, habe einen offenen Stil gepflegt, sagen sie im Hauptquartier. Das war die eine Seite des Viersternegenerals. Als «Arbeitstier», als Asketen, der nur vier Stunden schläft und angeblich nur einmal am Tag etwas isst, weil sein durchgeplanter Tag ihm nicht mehr Zeit liess, beschreiben ihn Vertraute. Und als Entscheidungsträger, der hart zu sich selbst und anderen war. Etwas Furcht, aber noch mehr Bewunderung schwingt in diesen Aussagen mit.
Hörte man sich in Kabul um, sagten auch unabhängige Stimmen, General McChrystal habe seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr einen neuen Stil geprägt – obwohl die Nato im Kampf gegen die Taliban auch mit ihm an der Spitze nicht vorangekommen war. Unter Oberbefehlshaber McChrystal habe es eine «Revolution» in der Art der Kriegsführung gegeben, sagte ein Beobachter in Kabul. Der General habe einen Wandel eingeleitet, seinen Soldaten eingebläut, afghanische Zivilisten in Gefechtslagen besser zu schützen. «Für einen US-Marinesoldaten im Feld muss das ein ganz neues Gefühl gewesen sein, im Einsatz nicht unbedingt den Abzug drücken zu dürfen», sagte der Beobachter, der auf Anonymität besteht.
Der «Partner des Vertrauens»
McChrystal, der gegen den Willen von US-Vizepräsident Joe Biden eine massive Truppenaufstockung genehmigt bekommen hatte, gab zu Beginn seines Einsatzes folgende Direktive heraus: «Wir müssen die Bevölkerung vor Nötigung und Gewalt schützen – und so agieren, dass wir ihre Unterstützung gewinnen.» Bei jedem Schritt sei auf das Wohl der Zivilisten zu achten. Vor allem zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai pflegte McChrystal engen Kontakt. Er sah ihn als Teil der Lösung, nicht des Problems wie die Regierung in Washington. Karzai liess denn auch durch seinen Sprecher vor dem Treffen McChrystals mit Obama ausrichten, der General sei ein «Partner des Vertrauens» und «eine der wichtigsten Figuren» für die afghanisch-amerikanischen Beziehungen. Vor dem Abflug zur Entlassung bescheinigte Karzai dem General öffentlich, dieser sei ein «grossartiger Partner der afghanischen Regierung und des afghanischen Volkes» gewesen.
Karzai beeindruckt
Besonders beeindruckt war der afghanische Präsident von McChrystals öffentlichen Entschuldigungen, wenn die Nato den Tod von Zivilisten verursacht hatte. Dass der General diese Praxis auch über den Zusammenhalt im eigenen Bündnis stellte, demonstrierte er im September, als er nach der vom deutschen Oberst Georg Klein angeordneten Bombardierung zweier Tanklastwagen schon am Tag danach in Kunduz auftauchte. Im Schlepptau hatte er einen US-Reporter, der so viel Zugang bekam, dass er die in Berlin hochgehaltene Darstellung, beim Luftschlag seien ausschliesslich Taliban getötet worden, früh in Zweifel ziehen konnte.
Trotz dieser Bemühungen um mehr Transparenz: Die Menschen in Afghanistan verfolgten den von McChrystal verursachten Streit mit dem Weissen Haus emotionslos. Sie hätten ganz andere Sorgen, sagt der Kabuler Politanalyst Haroun Mir: «McChrystal hat ihnen mehr Sicherheit versprochen, aber er war bislang nicht in der Lage, diese auch zu liefern.» Die mit grosser Fanfare angekündigte Nato-Offensive von Marjah habe die Stadt nicht wirklich sicher gemacht. Und die Nato-Operation in der TalibanHochburg Kandahar sei verschoben worden. Die Menschen im Süden Afghanistans hätten bislang das Gefühl, dass die Nato nicht zur Verbesserung ihrer Situation beitrage, sagt Mir. Die Entlassung von General McChrystal sei ein weiterer Rückschritt für Afghanistan. Denn in der jetzigen Situation hätte der Nato-Oberkommandierende nicht ausgewechselt werden dürfen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.06.2010, 07:36 Uhr
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4 Kommentare
Es ist immer falsch, wenn Entscheide aufgrund persönlicher Kränkung gefällt werden. Der General hat einen guten Job gemacht in Afghanistan, aber offenbar hat es Joe Biden nicht verkraftet, dass McCrystal im letzten Herbst gegen ihn gewonnen hatte in der Frage der Truppenerhöhung. Die Politik erteilt die Aufträge und das Militär muss es umsetzen. Vor Ort sind aber die Militärs die Spezialisten. Antworten
McCrystal ist sicher nicht unersetzbar. Doch gute Führungskräfte gibt es nicht sehr viele. Obama hätte Grösse zeigen können, indem er McCrystals Bemerkungen mit Humor und Schlagfertigkeit gekontert hätte. Obama hätte gezeigt, dass im Westen kontroverse Meinungen möglich sind. Jetzt steht er als ein wenig kleinlich da, als wäre er schnell beleidigt und als müsse er sofort seine Macht demonstrieren. Antworten
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