«Willkommen in der Koka-Hauptstadt»

Von Sandra Weiss, Chulumani. Aktualisiert am 13.03.2009

In Bolivien wird immer mehr Koka angebaut. Präsident Evo Morales gerät deshalb in Schwierigkeiten.

Kokablätter in rauen Mengen: Auf dem (legalen) Kokamarkt in La Paz werden die Blätter rege gehandelt.

Kokablätter in rauen Mengen: Auf dem (legalen) Kokamarkt in La Paz werden die Blätter rege gehandelt.
Bild: Keystone

Drogenbekämpfung und Bedürfnisse der Landbevölkerung vereinen: Morales bringt verschiedene Interessen kaum zusammen.

Drogenbekämpfung und Bedürfnisse der Landbevölkerung vereinen: Morales bringt verschiedene Interessen kaum zusammen. (Bild: Keystone)

«In der Sackgasse»

Drogenexperten aus über 100 Ländern haben Mitte Woche in Wien Beratungen über ein neues Konzept zum Kampf gegen den Drogenmissbrauch begonnen. Für die Schweiz nehmen zwei Vertreter an der Konferenz der Uno-Suchtstoffkommission teil. Die Finanzkrise erschwere die Bekämpfung der Geldwäsche durch Drogendealer, sagte der Generaldirektor der Uno-Drogen- und Kriminalitätsbehörde, Antonio Maria Costa. Die Knappheit an Barkapital und Krediten mache es für Drogenhändler «wieder relativ einfach», Bargeld bei den Banken unterzubringen. Der Wert des illegalen Drogengewerbes weltweit wird auf etwa 300 Milliarden US-Dollar geschätzt.

An der eineinhalbwöchigen Konferenz wird auch über «harm reduction» (Schadensbegrenzung) diskutiert. Dabei geht es um die Abgabe von Ersatzmitteln wie Methadon und die Bereitstellung von Fixerstuben, um Schwerstabhängige aus dem kriminellen Umfeld zu holen. Nahezu alle Nicht-Regierungsorganisationen befürworten dieses Konzept, doch eine Mehrheit der Uno-Mitgliedstaaten ist dagegen. Das neue Programm der Uno-Suchtstoffkommission soll in der kommenden Woche verabschiedet werden.

Ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der EU-Kommission hatte den weltweiten Bemühungen im Kampf gegen Drogenhandel und -missbrauch ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Demzufolge steckt der weltweite Kampf gegen den Drogenmissbrauch in einer Sackgasse. Zwar gebe es «leichte Verbesserungen» in einigen reicheren Ländern. In ärmeren Staaten habe sich die Lage jedoch «erheblich verschlechtert». (sda)

Die Yungas, die steilen Osthänge der bolivianischen Anden mit ihren grünen Schluchten, dramatischen Wasserfällen und ihrem subtropischen Klima, sind für die Bewohner des nur 120 Kilometer entfernten, kargen Hochlands ein kleines Paradies. Für die US-Regierung befindet sich dort die neue Drogenhölle Südamerikas. Seit Januar wird das Kokablatt – der Vorläufer von Kokain – in Bolivien verfassungsrechtlich geschützt. Nachdem die Anbaufläche unter der Regierung Morales laut Uno um 30 Prozent auf 29 000 Hektaren gestiegen ist und Staatschef Evo Morales – selbst ein Kokabauer – die US-Drogenbekämpfer wegen Spionage aus dem Land warf, erteilte Washington dem Andenland einen Rüffel und strich die Zollbefreiung für verschiedene bolivianische Exportprodukte wie Textilien.

Wenig Arbeit, viel Ertrag

Freilich: Noch produziert Bolivien deutlich weniger als das Nachbarland Peru oder gar Kolumbien, das von den USA in den vergangenen zehn Jahren drei Milliarden US-Dollar für den Drogenkrieg erhielt und 2008 eine Rekordanbaufläche von 99 000 Hektaren Koka auswies. Beide Länder gelten jedoch im Gegensatz zum linken Morales als treue Verbündete der USA.

«Die Kooperation mit den USA war immer schon schwierig», sagt German Loza, ein Kokabauer aus den Yungas. «Sie helfen uns zwar beim Anbau von Mais, Bohnen und Zitrusfrüchten, aber nur, wenn wir im Gegenzug dafür alle Koka ausreissen.» Doch dazu sind Loza und seine Kollegen nicht bereit. «Ohne die Koka stünden wir schlecht da, weder Kaffee noch Zitrusfrüchte bringen so viel ein und benötigen so wenig Pflege, Pflanzenschutzmittel und Dünger wie die Kokablätter. Ausserdem geben die Sträucher drei bis vier Ernten im Jahr», sagt Loza, der zusammen mit fünf Brüdern 7 Hektaren Land in der Nähe von Chulumani bewirtschaftet. Früher bauten die Brüder Kaffee an – doch der brachte nur 250 Bolivianos (rund 30 Euro) für 25 Kilo gegen 70 Euro für die gleiche Menge Koka.

«Wie Bier für die Bayern»

«Willkommen in der Koka-Hauptstadt», steht am Ortseingang von Chulumani, 129 Kilometer von La Paz entfernt und 2200 Meter tiefer gelegen. Hier dreht sich alles um das Blatt, das auf Sportplätzen und sogar vor Kirchen zum Trocknen ausgelegt ist. Links und rechts der Strassen ziehen sich auf Terrassen Kokafelder die Hänge entlang, vor den staatlichen Sammelstellen warten grosse, bunte Plastiksäcke voller Blätter darauf, abgeholt zu werden. Auf dem Samstagsmarkt kann Loza seine fünf Pfund Reis entweder mit Geld bezahlen – oder mit einem Pfund Kokablätter.

In Chulumani ist der Wohlstand augenfällig, den die Koka den rund 20 000 Familien in der Region gebracht hat: Neubauten, Handys und Pick-ups allenthalben. Schon zu Zeiten der Inkas wurde hier Koka angebaut für rituelle und medizinische Zwecke. Bis heute gilt die Koka aus den Yungas als die geschmackvollste der Welt – sogar der Konzern Coca Cola lässt sich von hier mit den Blättern für seine braune Brause beliefern. Auch der bittere Mate-Tee, der gegen die Höhenkrankheit hilft und in den Andenländern weitverbreitet ist, wird aus den Blättern gewonnen, ebenso wie Zahnpasta und Likör. Ausserdem werden die Kokablätter gekaut, um Kälte, Hungergefühl und Schmerz zu betäuben.

«Koka ist für die Bolivianer wie Bier für die Bayern», sagt der Entwicklungshelfer Andreas Wauer, der im Auftrag der EU in den Yungas tätig ist. Kokain, das durch eine aggressive chemische Umwandlung von Koka gewonnen wird, ist hingegen für Europa und die USA bestimmt. Für Morales liegt das Problem daher in der Nachfrage, nicht im Angebot.

Lasche Kontrollen

Auf 12'000 Hektaren darf in den Yungas «legal» Koka kultiviert werden. Das entspricht der Regierung zufolge dem traditionellen Konsum. Doch laut der Uno beträgt die Anbaufläche derzeit mehr als das doppelte. Die Kinder der Kokabauern und Migranten aus dem armen Hochland stossen in immer tiefere Lagen und benachbarte Regionen vor und steigen in das lukrative Geschäft ein. Wie viel Koka legal konsumiert und wie viel zu Kokain verarbeitet wird, weiss niemand genau. Zwar hat die Drogenpolizei Posten an den beiden Verbindungsstrassen zwischen La Paz und den Yungas eingerichtet, doch die Kontrollen sind sporadisch, die Beamten bestechlich. Weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt ist der Posten überhaupt besetzt.

Oftmals kaufen die Drogenhändler auch legale Blätter auf den Grossmärkten in La Paz, Cochabamba und Santa Cruz ein. Im Armenviertel El Alto bei La Paz sind in den vergangenen Jahren Drogenlabors wie Pilze aus dem Boden geschossen, rund 100 Tonnen Kokain werden Schätzungen zufolge jährlich in Bolivien produziert.

Lukrative Alternativen?

Unbequeme Fakten für Morales, der zwischen den Forderungen seiner Basis und dem internationalen Druck aufgerieben wird. Während seiner Rede an der Uno-Konferenz in Wien (siehe Kasten links) kaute er genüsslich Kokablätter und bekräftigte seine Forderung, die Blätter von der Liste der verbotenen Substanzen zu streichen. «Kokablätter sind kein Kokain, sie sind für die Gesundheit nicht schädlich, sie verursachen weder psychische Störungen noch Abhängigkeit», sagte er.

Wenig Erfolg hatte bisher allerdings sein Appell an die Kokabauern, freiwillig überschüssige Kokaflächen stillzulegen. Nun will Morales die legale Anbaufläche auf 20 000 Hektaren ausweiten. Er möchte das Kokablatt international rehabilitieren und ihm neue Exportmärkte erschliessen. Damit wäre den Bauern geholfen und das Angebot für die Drogenhändler verringert.

«Das ist ökonomisch sinnvoll, aber politisch schwer durchzusetzen», sagt der Entwicklungshelfer Wauer. Er setzt vielmehr auf Schulungsprogramme. «Kokabauern haben auch in Bolivien ein anrüchiges Image. Wenn man ihnen eine lukrative Alternative wie etwa biologischer Kakao oder Honig bietet und Vertriebswege organisiert, gibt es eine reelle Chance, dass zumindest die nächste Generation nicht mehr von Koka abhängt.» (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2009, 07:17 Uhr

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