Ausland
«Wir haben es satt, dass man uns ständig Vorschriften macht»
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 06.09.2010 14 Kommentare
Auch der Bruder arbeitet für Kuba: Alejandro und Mariela Castro bei der Beerdigung ihrer Mutter 2007. (AFP)
Mariela Castro, Pädagogin
Die 48-jährige Mariela Castro ist die Tochter des kubanischen Staatschefs Raúl Castro. Sie ist Pädagogin und Leiterin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung. Sie ist in zweiter Ehe mit dem italienischen Fotografen Paolo Titolo verheiratet. Das Paar hat zwei gemeinsame Kinder.
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Frau Castro, was machen Sie in der Schweiz?
Ich bin auf Einladung der medizinischen Hilfsorganisation Amca hier, die in Mittelamerika tätig ist und dieses Jahr ihren 25. Geburtstag feiert. Ich stelle an Podien und Tagungen meine Arbeit zugunsten der kubanischen Homo- und Transsexuellen vor.
Warum setzen Sie sich auf Kuba für die Rechte von Homosexuellen ein?
Eigentlich hat diese Arbeit schon meine Mutter Vilma Espín in den 1960er-Jahren begonnen. Damals ging es vor allem um Frauenrechte, und es waren die Frauen selber, die für ihre Töchter und Söhne eine sexuelle Aufklärung verlangten. So schuf die Föderation kubanischer Frauen 1972 ein entsprechendes Programm, dessen Mitarbeiter sich auch um die Diskriminierungen zu kümmern begannen, unter denen Männer leiden. Später entstand das Nationale Zentrum für Sexualerziehung, das ich heute leite.
Welches sind die wichtigsten Ziele Ihrer Organisation?
Die Bevölkerung über Probleme im Zusammenhang mit der Sexualität aufzuklären und Vorurteile zu bekämpfen, die zu einem diskriminierenden Verhalten gegenüber Homo- und Transsexuellen führen könnten. Wir arbeiten mit dem Bildungsministerium zusammen, organisieren Vorträge, lancieren öffentliche Kampagnen und führen jeweils im Mai die kubanische Woche gegen die Homophobie durch. Zudem ist im Parlament seit längerem ein Gesetzesvorschlag deponiert, um die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu erlauben.
Wenn Fidel oder Raúl Castro auf Kuba eine Änderung wollen, dann wird doch nicht lange diskutiert, sondern ruck, zuck gehandelt.
Das glauben Sie! Fidel wollte schon vor seiner Erkrankung viele Änderungen, die scheiterten, weil andere dagegen waren. Und mein Vater hat eine ganze Liste von Reformen, von denen er bisher einige aus demselben Grund nicht verwirklichen konnte.
In den Anfängen der kubanischen Revolution wurden Schwule in Arbeitslager gesteckt. Kürzlich hat sich sogar Fidel dafür entschuldigt.
Ja, und ich finde es falsch, dass er persönlich die Schuld für die damaligen Fehler auf sich genommen hat. Ich will ihn nicht verteidigen – aber die ganze Gesellschaft, die Psychiatrie, die Justiz waren damals schwulenfeindlich, nicht nur auf Kuba, sondern auf der ganzen Welt. Fidel konnte sich in den turbulenten Zeiten nach dem Triumph der Revolution nicht um alles kümmern.
Haben Sie häufig Kontakt zu ihm?
Nein, ich habe ihn seit seiner Erkrankung nicht mehr gesehen. Als er im Spital lag, durften ihn nur Personen besuchen, die mit seiner Arbeit zu tun haben. Genau wie alle anderen Kubaner rätselte ich, wie es ihm wohl geht. Mein Vater war zu diskret, um darüber zu sprechen. Er hat nur gesagt, dass er mir irgendwann einmal erzählen wird, wie sehr er während Fidels Krankheit gelitten hat.
Warum engagieren Sie sich nicht auch für andere wichtige Rechte wie die Meinungsfreiheit oder die Versammlungsfreiheit?
Über diese Dinge verbreiten die internationalen Medien viele Klischees, die nichts mit dem wahren Kuba zu tun haben. Auf Kuba gibt es Meinungsfreiheit! Wir können alles sagen, was wir denken, sogar im Internet. Wir können für oder gegen die Regierung sein, und niemand kommt deswegen ins Gefängnis.
Und was ist mit den Gewissensgefangenen, die Kuba kürzlich freiliess, nachdem sie jahrelang zu Unrecht eingesperrt waren? Oder der regierungskritischen Bloggerin Yoani Sánchez, der jede Auslandreise verweigert wird?
Yoani Sánchez ist eine ganz andere Geschichte. Laut kubanischem Strafrecht ist sie eine Söldnerin. Sie erhält genau wie die anderen sogenannten Dissidenten Geld aus den USA, um Lügen zu verbreiten und die Regierung anzuschwärzen. Wenn ein Schweizer während des Zweiten Weltkriegs heimlich für Nazideutschland arbeitete, riskierte er gar, erschossen zu werden. Die Straftat des Landesverrats hat auch jede andere westliche Demokratie in ihrem Strafgesetzbuch. Und die Presse wird in der ganzen Welt von ökonomischen Interessengruppen kontrolliert. Ganz zu schweigen von den Journalisten, die in anderen lateinamerikanischen Ländern ermordet werden oder verschwinden. Ist Yoani Sánchez verschwunden? Nein, sie verbreitet weiter ihre Lügen.
Andrei Sacharow, Vaclav Havel und Lech Walesa galten im Ostblock auch als Verräter. Die Geschichte hat sie freigesprochen.
Kuba mit den ehemaligen Ostblockstaaten zu vergleichen, ist völlig falsch. Als ich 1984 mit meinem Vater in die Sowjetunion reiste, fragte ich ihn: «Ist das der Sozialismus, den du Kuba wünschst? Ich nicht!» Wissen Sie, was er antwortete? «Ich auch nicht.» Aber warum soll Kuba seine Gesetze ändern, nur weil es das Ausland verlangt? Wir haben es satt, dass man uns ständig Vorschriften macht. Wir haben das Recht, selber über unsere Zukunft zu bestimmen. Kuba ist keine Diktatur, das Volk kann einen Abgeordneten wählen oder auch nicht, und es wird im ganzen Land über die Vorzüge und Mängel des Systems diskutiert. Aber wir verteidigen den Sozialismus, weil es vom Volk so gewünscht wird.
Wie wollen Sie das wissen, wenn es auf Kuba keine freien Wahlen gibt?
Im Jahr 1992 gab es eine Volksabstimmung, bei der sich die überwiegende Mehrheit für den Sozialismus ausgesprochen hat.
In der DDR standen angeblich auch 99 Prozent der Bürger auf der Seite der SED. Auf Kuba hat einer nicht einmal das Recht auf einen eigenen Internetanschluss.
Weil die Amerikaner nicht erlauben, dass wir uns an ihr Glasfaserkabelnetz anschliessen. Wir haben nun ein Abkommen mit Venezuela geschlossen, um ein eigenes Kabel zu verlegen. Danach wird auf Kuba selbstverständlich jeder seinen eigenen Anschluss haben.
Könnte es sein, dass Sie als Tochter von Raúl Castro die Realität des kubanischen Sozialismus anders erleben als normale Bürger? Mussten Sie je mit dem Rationierungsheft in einer Schlange stehen, um etwas Reis und Bohnen zu bekommen?
Aber natürlich! Das muss ich immer noch, und mein Vater übrigens auch. Meine Nachbarn können das bezeugen. Und wenn ich ins Ausland reiste, habe ich Raúl jeweils Seife, Zahnpasta und Shampoo gekauft, weil ihm diese Dinge fehlten. Nie hat er mir irgendwelche Privilegien zugeschanzt, und ich bin ihm dafür dankbar. Nur so konnte ich wissen, wie sich die kubanische Realität anfühlt.
Diese Realität ist ein ziemliches Desaster.
An unseren wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind zu einem Grossteil die USA mit ihrem kriminellen Embargo schuld. Aber es stimmt, dass die Revolution Fehler gemacht hat. Ich bin genau wie mein Vater dafür, über diese Fehler offen zu diskutieren und weitere Reformen zu beschliessen, um den kubanischen Sozialismus zu verbessern.
Was muss sich auf Kuba ändern?
Ich wünsche mir mehr Raum für einen kritischen, aber fairen Journalismus. Die Reisebeschränkungen gehören abgeschafft. Will jemand auswandern, ist das sein gutes Recht. Die ganze Landwirtschaftspolitik der Revolution war derart einseitig, dass wir heute 80 Prozent der Lebensmittel importieren müssen. Aber ich bin überzeugt, dass wir diese Fehler korrigieren und die Errungenschaften der Revolution retten können.
Halten Sie es für ausgeschlossen, dass die Revolution scheitern könnte?
Völlig auszuschliessen ist das sicher nicht. In diesem Fall werde ich mein Alter damit verbringen, den Untergang der kubanischen Revolution zu bedauern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 06:22 Uhr
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14 Kommentare
Wer einmal Kuba bereist hat, weiss dass die Wirklichkeit ein bisschen anders aussieht. Das perverseste was ein sozialistisches Regime machen kann, ist die doppelte Währung. Die Arbeiter bekommen den Lohn in Pesos National können aber damit praktisch nichts kaufen, die Oberschicht und Touristen können hingegen mit den Pesos Convertible in speziellen Läden alles kaufen und haben auch Internet. Antworten
Wenn mich etwas stört, dann ist es diese eurozentristische Überheblichkeit und Schweizer Selbstgerechtigkeit, mit der hier Cuba verurteilt wird ohne irgendeinen Vergleich mit andern Ländern anzustellen. Man "bike" mal so locker durch Mexiko, Guatemala oder Kolumbien... Umso bewundernswerter wie Frau Castro die typischen Fangfragen des in Washington-Consensus eingebetteten Journalismus kontert Antworten
Wenn man mit Kubanern im eigenen Land an einem sicheren Ort über "Fidel Castro und seine alternden Mitläufern" frei sprechen kann,wie ich es auf einer mehrw. Biketrour tun konnte,stellt man schnell fest,dass KubanerINNEN nichts sehnlicheres wünschen,als endlich frei leben zu können.Nur Dank eines gutfunktionierendes Spitzelsystems(Made"DDR")können sich diese Genossen noch eine Weile halten! Antworten
Hallo, was für einen Blödsinn gibt die Tochter von Raul Castro von sich. Freie Meinungsäußerung? Das ich nicht lache! Sozialismus -vom Volk gewünscht? Falsch oder wer ist das Volk? Der Castro-Clan und Konsorten, die davon profitieren. Wir sind ja alle gleich-aber es gibt gleichere! Mir tut das einfache Volk sehr leid und kann nur hoffen, das man seitens der Regierung bald was zum Guten ändert! Antworten
Das sog. revolutionäre Kuba hat seit seinen Anfängen in politischen und wirtschaftlichen Fragen alles falsch gemacht,was es falsch machen konnte.Socialismo o muerte!Die Revolution, Einheitspartei, Planwirtschaft und Nichtzulassung einer privaten Initiative ging über alles.Immer nur das Embargo für die desolate Situation verantwortlich zu machen ist ein Witz.Sehr schade um dieses Land und Leute. Antworten
Schon allein die Tatsache, dass Mariela Castro ins Ausland reisen darf, ist der Beweis, dass sie privilegiert ist. Und Armut kennt sie im Gegensatz zu vielen Kubanern wohl kaum. Und wer glaubt, dass Frau Castro oder gar ihr Vater für Reis und Bohnen Schlange stehen müssen, der muss wirklich naiv sein. Welche "Errungenschaften" der Revolution meint Frau Castro eigentlich? Antworten
Eine etwas absurde Darstellung der Lage auf Cuba. Aber andererseits: wer war denn schon dort? Dass sich Cuba vom IWF und Konsorten nicht diktieren lassen will, welche zu privatisierenden Firmen es welchem westlichen Konzern zuschanzen soll ist ja irgendwo verständlich. Die nach der Revolution exilierten Mafia-Bosse waren ja eine treibende Kraft der Anti-Cuba-Politik der 60-Jahre. Antworten
Besuch Kuba, dann weisst Du, dass es viele 'Schichten' gibt. Wer kein Spanisch spricht, erfreut sich im Kuba-Urlaub ueber: was er sieht: ein Film ohne Worte! Per Mietwagen findest Du raus: im Staate Kuba brauts - tausende hauen ab. Privilegierte: Polizei , Reisefuehrer und, wie immer: wer Geld hat. Kuba ist ein Einheitsstaat. Die USA Politik ist doof und grossenteils verantwortlich fuer den Salat! Antworten
...in Kuba sind in meiner Touristenwahrnehmung 90% der Menschen schwarz, in Castro's Kabinett alle weiss und erst noch miteinander verwandt. Es werden Generationen um ihre wirtschaftliche, gesellschafliche und intellektuelle Chance betrogen von einer lächerlichen aber brutalen stalinistischen Senilclique. Genau wie damals in der DDR und heute in Nordkorea. Einfach eklig. Antworten
Ich danke für das Interview. Ich finde, es ist recht zynisch vom Westen, erst seit Jahrzehnten ein Embargo gegen dieses kleine Land zu verhängen und dann darauf zu verweisen, wie schlecht es doch dem Land wirtschaftlich geht. Es geht dabei ja nicht um Menschenrechte, denn sonst gäbe es fast keinen Welthandel mehr, es geht darum, dass Kuba die USA vor die Tür gesetzt hat. Das muss bestraft werden. Antworten





Daniel Ryf
In Bolivien leiden viele Menschen Hunger, in Kuba nicht (laut der UNO ist es das einzige Land Lateinamerikas und der Karibik ohne unterernährte Kinder). In Brasilien leben 19 % der Bevölkerung in Favelas, Kuba liegt betreffend Lebensstandart vor den meisten lateinamerikanischen Ländern sowie vor Russland, China und den EU-Staaten Rumänien und Bulgarien. Die Analphabeten Rate Nicaraguas liegt bei über 23%, die von Kuba bei weniger als 1 % (bei einer Einschulungsrate von 100%). In Peru können sich viele Menschen keine medizinische Versorgung leisten, in Kuba ist sie gratis. In Mexiko herrschen Drogenkriege, in Kuba gibt es nur wenige Gewaltdelikte. In den USA ist der Rassismus weiterhin fest verankert, in Kuba zeigt er sich zumindest nicht in den gesellschaftlichen Strukturen. Wir gehen kurzsichtig mit der Umwelt um, Kuba erhielt vom WWF als weltweit einziges Land die Bescheinigung einer „nachhaltigen Entwicklung“. Haiti, das unter anderem mehrere Militäreingriffe der USA erlitt, erscheint auf der Liste der 50 ärmsten Regionen der Welt, Kuba liegt beim Human Development Index auf Platz 51 (Schweiz Platz 9). Die Haitianer würden wohl sofort mit den Kubanern tauschen… Antworten