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«Wir haben zu viel bezahlt»
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 23.12.2011 85 Kommentare
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Zuerst wurde der amerikanische Einmarsch in den Irak mit der Existenz von Massenvernichtungswaffen und deren Bedrohung für die USA gerechtfertigt. Als sich Monate später im Sommer 2003 herausstellte, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab, wurde der US-Einmarsch im Irak mit der Ausschaltung von Saddam Husseins Unrechtsregime und dem Aufbau einer irakischen Demokratie legitimiert, die gleich einem Leuchtturm in der arabischen Welt wirken sollte.
Nach beinahe neun Jahren Krieg und dem Abzug der letzten US-Verbände am vergangenen Wochenende könnte jetzt neuerlich Krieg im Irak ausbrechen – und die Legitimierung der amerikanischen Intervention endgültig untergraben. Eine Bombenserie tötete gestern in Bagdad über 60 Menschen, Hunderte wurden verletzt, womit das geschundene Land einmal mehr den Ausbruch sektiererischer Kämpfe zwischen Sunniten, Kurden und Schiiten befürchten muss.
Koalitions-Premier als Autokrat
Premierminister Nouri al-Malikis Koalition ist überdies auseinandergebrochen, zusehends spielt sich der Premier als Autokrat auf. Er bezichtigte seinen Vize, den Sunniten Tariq al-Hashemi, der Planung von Mordanschlägen und stellte ihn unter Anklage, worauf sich al-Hashemi in den kurdischen Norden absetzte und Malikis Koalitionspartner, die sunnitische Iraqiya-Partei, dem Premier die Gefolgschaft versagte. Schon bezichtigte deren Führer Ayad Allawi den schiitischen Premierminister, sich wie Saddam Hussein zu verhalten.
In der Tat: Maliki kommandiert die irakischen Sicherheitskräfte im Stil eines Autokraten, auch ist die Unabhängigkeit der irakischen Justiz längst gefährdet. In irakischen Gefängnissen wird wieder gefoltert, sunnitische Politiker werden verfolgt. Der Irak befinde sich «in einer neuen Phase», sagte ominös der Premierminister, der trotz des Verlusts seiner Parlamentsmehrheit nicht an einen Rücktritt oder an Neuwahlen denkt.
Washington bleibt nur das Telefon
Vorgestern Dienstag versuchte Barack Obamas Vize, Joe Biden, den Premierminister in einem langen Telefonat zur Räson zu bringen. Al-Maliki, plädierte Biden, müsse eine «partnerschaftliche Regierung» bilden. Auch beschwor der Mann in Washington seinen Gesprächspartner in Bagdad, sich «im Einklang mit der Herrschaft des Rechts und der irakischen Verfassung zu verhalten».
Es fruchtete offenbar nichts: Hatte Maliki bereits zu Zeiten, als sich noch 140'000 US-Soldaten im Land befanden, nur selten und zumeist unter Druck die amerikanischen Ratschläge angenommen, so liess er Biden dem Vernehmen nach regelrecht abblitzen – und schürte in Washington die Angst vor einem Wiederaufflammen des sektiererischen Kriegs.
Iran als letzte Hoffnung
Schon verlangen drei mehrheitlich sunnitische Provinzen wie die Kurden im irakischen Norden eine Autonomie, die Maliki keinesfalls gewähren möchte. Und je länger der Konflikt schwelt und der Premierminister rücksichtslos die Interessen der schiitischen Mehrheit im Irak vertritt, desto stärker wird die Gefahr, dass sich al-Qaida erneut entfalten und das irakische Kartenhaus zum Einsturz bringen könnte.
Nun muss die Regierung Obama vor allem darauf hoffen, dass ausgerechnet der schiitische Iran den renitenten Maliki zur Vernunft bringen wird – was einmal mehr bewiese, dass der US-Einmarsch Teheran einen grossen strategischen Sieg bescherte: Der Erzfeind Saddam verschwand und die unterdrückte schiitische Mehrheit im Irak fand endlich zur Macht. Eine Destabilisierung des Irak kann kaum im Interesse Teherans sein, da dies womöglich Saudiarabien als Schutzherrin der sunnitischen Minderheit auf den Plan riefe und die Stabilität der gesamten Region gefährdete – zumal das mit Teheran alliierte Mörder-Regime in Damaskus zusehends wackelt.
Die ernüchterten Falken
Die Zuspitzung der Lage im Irak nur Tage nach dem amerikanischen Abzug erhärtet freilich die Befürchtung amerikanischer Skeptiker, der Konflikt im Irak sei noch nicht ausgestanden und der amerikanische Abzug deshalb verfrüht gewesen. Auch viele Befürworter des Einmarschs von 2003 sind inzwischen ernüchtert.
Die Amerikaner, schrieb am Dienstag in der «New York Times» der Kolumnist Thomas Friedman, einst ein flammender Anhänger des Einmarschs, hätten zu viel bezahlt für die Intervention: «Wir haben zu viel bezahlt mit Gefallenen und Verwundeten, mit unseren beschmutzen Werten, mit unserem Geld und weil wir uns nicht auf die Entwicklung Amerikas konzentriert haben.»
Die Iraker, so Friedman weiter, «haben gleichfalls viel bezahlt». So ist es: Die Iraker bezahlten mit Millionen Flüchtlingen und mindestens einhunderttausend Toten. Und jetzt bezahlen sie womöglich mit einer Neuauflage der Kämpfe. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.12.2011, 22:04 Uhr
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85 Kommentare
Der Einmarsch war auf einer Lüge aufgebaut und die Aufgabe die den Streitkräften nachher gestellt wurde war so nicht geplant, sie waren dazu nicht ausgebildet und wenn auch: Die Arroganz mit der die USA auftraten und dachten sie könnten diesem geschundenen Land Demokratie bringen stand dauernd im Weg. Das konnte nicht gut gehen. Antworten
Nun. Es ist ernüchternd. Als viele von diesem dummen (Angriffs)Krieg der Amerikaner gewarnt haben, hat man sie als unverbesserliche Linke betitelt. Wo sind jetzt die Befürworter dieses Einmarsches? Wer bezahlt für das Leid 100'000er toder und invalider Irakis? Die Amerikaner haben niemandem geholfen (wie so oft), ausser ihrer eigenen Waffenindustrie. Antworten
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