Das Leiden der Venezolaner

20 Jahre ist im erdölreichsten Land der Welt eine sozialistische Regierung an der Macht. Statt Wohlstand für Alle gibt es Warteschlangen am Supermarkt.

Bilder der Verzweiflung. Riesige Menschenschlangen vor dem Supermarkt gehören zum venezolanischen Alltagsbild.

Bilder der Verzweiflung. Riesige Menschenschlangen vor dem Supermarkt gehören zum venezolanischen Alltagsbild. Bild: Reuters

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«Hola, cómo estás?» – «Ich habe fünf Kilos abgenommen.» Venezuela hungert. Die Bewohner des südamerikanischen Landes drücken ihr Allgemeinbefinden zurzeit in Kilos aus. Offen erzählen Eltern über den summierten Gewichtsverlust in ihrem Haushalt. Abwechselnd verzichten die Erwachsenen auf eine oder gar zwei Mahlzeiten. Die Zeiten, in denen alle Familienmitglieder drei Mal pro Tag assen, sind auch für die Mittelschicht vorbei. Lehrer beklagen sich über Schüler, die sich mit leerem Bauch nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren können. Rentner wühlen auf der Suche nach Essensresten in Mülltonnen vor Restaurants und Lebensmittelläden – ein Anblick, der die Bevölkerung im sozialistischen Land schockiert.

An Nahrungsmittel zu kommen, ist für viele Venezolaner zur grossen Herausforderung geworden. Während die Preise wie nirgendwo auf der Welt steigen, fehlen in den Geschäften Dinge des täglichen Bedarfs. Der Kampf um elementarste Produkte wie Mehl und Zucker, die der staatlichen Preiskontrolle unterworfen sind, entscheidet sich in den Schlangen vor den Supermärkten. Nicht selten formieren sich riesige Menschenansammlungen bereits mitten in der Nacht. Die gelieferten Produkte sind zwar dank der Regierung zu Niedrigstpreisen erhältlich, doch deren Mengen unberechenbar und knapp. Der Zwang, für den Staat ohne Gewinnmarge zu produzieren, hat unzählige Unternehmer zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Viele Venezolaner gehen trotz stundenlangem Anstehen leer aus und müssen ihr Glück mit den nicht vom Staat subventionierten oder kontrollierten Lebensmitteln in den Geschäften und auf dem Schwarzmarkt versuchen. Im sozialistischen Venezuela hat sich ein riesiges Schwarzmarkt-System, eine Parallelwelt mit eigenen Preisen und Wechselkursen, entwickelt. Schnelles Handeln ist auch dort gefordert.

Notenbündel ohne Wert

«Die Preise steigen täglich und es ist mir unmöglich, ein wöchentliches Budget für Essen zu machen», erzählt die Lehrerin Ana Gonzalez aus der Metropole Caracas. Der Preis für das Brot, das die Familie früher noch für Sandwiches verwendete, habe sich seit Jahres­beginn verdoppelt, von 3000 auf 6000 Bolivar (umgerechnet etwa zwei Franken). Eine Zwei-Liter-Flasche Coca-Cola, in Venezuela zu einem Luxusgut geworden, hat sich in den ersten acht Wochen des Jahres um fast 50 Prozent verteuert, nachdem sich der Preis bereits zum Jahresende verdreifacht hatte.

Wer privilegiert ist und es sich leisten kann, einen Kaffee in einer Bar der Hauptstadt zu geniessen, bezahlt heute den vierfachen Preis im Vergleich zu vergangenem November, wie der simple Milchkaffee-Index von Bloomberg aufzeigt. Die Beispiele belegen, wie die aktuell höchsten Inflationsraten der Welt die Ersparnisse und Einkommen der Venezolaner aller Schichten rasant auffressen. Asdrubal Oliveros, Direktor des Wirtschaftsberaters Ecoanalitica in Caracas, spricht von einer massiven Verarmung der Gesellschaft und der Auflösung des Mittelstandes. «Am härtesten trifft es aber die Arbeiter, die nie die Möglichkeit hatten, Rücklagen in Dollar anzulegen», gibt der Ökonom zu bedenken. Die grosse Mehrheit der Produkte, die heute in den Regalen der Supermärkte stehen, erreicht ein höheres Preisniveau als in vielen europäischen Ländern und ist nur für die Reichsten und Korruptesten des Landes erschwinglich.

Treibstoff der Revolution

Die Regierung schweigt zu den steigenden Preisen. Offizielle, verlässliche Daten veröffentlicht die Zentralbank seit Monaten nicht mehr. Die Schätzungen von Experten variieren zwischen 300 und 700 Prozent für 2016. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt nun vor einer Inflation von 1660 Prozent bis Ende 2017 und von über 2000 Prozent für das Folgejahr. Die lokale Währung ist fast wertlos geworden. Wer bar bezahlt, trägt Taschen voller Geldscheine durch die Märkte. Bilder von Händlern gehen um die Welt, die das Geld nur noch wägen, statt es zu zählen. Eltern, wie die junge Anwältin Marta Vidal, die ihre Kinder zum Geburtstag mit einer Glace-Kugel zu beglücken wünschen, brauchen mindestens 150 Noten – vom grössten sich aktuell im Umlauf befindenden Schein. Die 100-Bolivar-Note ist auf dem für die Bevölkerung relevanten Schwarzmarkt gerade mal drei US-Cent wert, gemäss offiziellem Kurs 14 Cent. Wer in der glücklichen Lage ist, Dollar zu besitzen, bekommt für den kleinsten Schein der US-Währung auf der Strasse beinahe 4000 Bolivar, in einem Bündel von 400 Scheinen. Banküberfälle gäbe es heutzutage nicht mehr, spassen Venezolaner, denn sie lohnen sich nicht.

Venezuela verfügt nach offiziellen Zahlen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) weltweit über die grössten nachgewiesenen Ölreserven. Der Erdölreichtum dominierte die venezolanische Ökonomie seit den ersten Funden in immer stärkerem Ausmasse und führte dazu, dass das Land zeitweise das höchste Pro-Kopf-Einkommen Lateinamerikas verzeichnete. Zugleich wuchsen Begehrlichkeiten, Korruption und Misswirtschaft der jeweiligen Eliten, aber auch die soziale Ungleichheit, die den Aufstieg von Hugo Chávez im Jahr 1999 ermöglichte.

Seit fast 20 Jahren üben nun die Sozialisten die Kontrolle über die Petroindustrie aus, die aufgrund fehlender Anreize und Investitionen immer weniger produziert. Die Öleinnahmen, die rund 90 Prozent der Exporterlöse wie auch der Deviseneinnahmen und die Hälfte der Staatseinnahmen sichern, wurden zum wichtigsten Instrument der von Chávez ausgerufenen anti-neoliberalen «Bolivarianischen Revolution». Die Anhänger erfreuten sich nach dessen Tod auch unter seinem Nachfolger Nicolás Maduro an Sozialprogrammen und subventionierten Leistungen – nun fehlt der Treibstoff der Revolution. Die weltweiten Ölpreise sind seit 2014 dramatisch eingebrochen und verharren auf tiefem Niveau. Das Land ist aufgrund fehlender Devisen nicht mehr in der Lage, überlebenswichtige Produkte wie Nahrungsmittel und Medikamente zu importieren. Die Einfuhren gingen im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte zurück. Die Tilgung der internationalen Schuldverpflichtungen entspricht bis zu einem Drittel der jährlichen Devisen­einkünfte. Bislang ist Venezuela seinen externen finanziellen Verpflichtungen stets nachgekommen. Die entsprechenden Reserven der Zentralbank haben mit rund elf Milliarden Dollar, davon fast acht Milliarden Dollar als Goldreserven, nun den tiefsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Die Worte Zahlungsunfähigkeit und Staatspleite geistern immer häufiger durch die Büros der Finanz- und Länderanalysten. Anlass dazu gab auch die UNO, die dem südamerikanischen Staat wegen überfälliger Beitragszahlungen das Stimmrecht in der Generalversammlung entzogen hatte.

Nestlé inmitten des Chaos

Besorgniserregend ist vor allem die massiv schrumpfende Wirtschaft. Gemäss IWF nahm das Bruttoinlandprodukt um über 18 Prozent ab. Bereits seit 2014 reduzierte sich die Wirtschaftsleistung des Landes jährlich um fünf Prozent. Die Unternehmen produzieren noch auf dramatischen 39 Prozent ihrer Kapazitäten, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie aufzeigt. Der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé, der fünf Produktionsstätten im Land betreibt und rund 1500 Personen beschäftigt, widerspricht dieser Zahl auf Anfrage nicht. Die grössten Herausforderungen vor Ort seien die Beschaffung von Rohstoffen und von harter Währung, teilt Nestlé mit. Das Unternehmen versuche, selbst unter schwierigsten Bedingungen, die Produktion aufrechtzuerhalten.

Mitte Februar berichteten venezolanische Medien von einem Streik im Werk El Tocuyo, der die Produktion von Nahrungsmitteln stark beeinträchtige – nicht zum ersten Mal. Im Vorjahr musste Nestlé wegen fehlender Materialien zeitweise einzelne Produktionslinien stilllegen. Bereits 2015 liess Maduro einen Industriepark in Caracas räumen. Von der Enteignung war auch der Schweizer Konzern betroffen. Präsenz von Militärs in und um Produktionsstätten gehöre inzwischen gemäss Zeugenaussagen zum venezolanischen Alltag. In einer Pressemitteilung von Juli 2016 sah sich auch Nestlé dazu gezwungen, über den Besuch einer Kontrollkommission der venezolanischen Armee zu informieren. Der Staat beschlagnahmt häufig Lebensmittel und Produkte, die aus seiner Sicht von Unternehmen mit spekulativer Absicht gehortet werden.

Sogar bekennende «Chavistas» wenden sich von ihrem Präsidenten Nicolás Maduro ab: Bezüglich Charisma, Beliebtheit und Intellekt kann er seinem Vorgänger Hugo Chávez das Wasser bei Weitem nicht reichen. Der aktuelle Amtsinhaber scheint mit der wirtschaftlichen Notlage überfordert zu sein und fördert das Chaos zusätzlich. Anfang Dezember kündigte er die schrittweise Einführung von sechs neuen Banknoten mit Werten von 500 bis zu 20'000 Bolivar an und feierte die Ankunft der ersten mit neuen Scheinen voll bepackten Flugzeuge. Zwei Monate später hat noch kaum jemand die neuen Bolivar in den Händen gehalten. Die grösseren Scheine würden zumindest die mit Geld gefüllten Taschen überflüssig machen und den tristen Alltag mit galoppierender Inflation erleichtern.

Noch unüberlegter handelte Maduro Mitte Dezember: Innerhalb von drei Tagen wollte er die von den Venezolanern am häufigsten benutzte 100er-­Note aus dem Verkehr ziehen, mit der Begründung, dass diese vorwiegend von internationalen Verbrecherbanden verwendet würde. Die Argumentation entspricht dem typischen Verhaltensmuster der sozialistischen Regierung: Schuld sind immer die anderen, vor allem die kapitalistischen Staaten und die bösen Unternehmer. Oder in den Worten der Anwältin Marta Vidal: «Der Staat kontrolliert alles, übernimmt aber für nichts die Verantwortung.» Nach landesweiten Protesten und Plünderungen aufgrund mangelnder alternativer Zahlungsmittel hat die Regierung inzwischen bereits die vierte Fristverlängerung für die Abschaffung der Note verkündet. Neuer Termin ist der 20. März. Gemäss Ökonom Oliveros bestehen aber Anzeichen, dass die Notenbank aktuell sogar weiterhin 100er-Noten druckt. Der Vorsitzende des Finanzausschusses im Parlament, José Guerra, spricht im Gespräch mit der BaZ von einer Lähmung der Regierung in Wirtschaftsthemen. Der Oppositionspolitiker und ehemalige Ökonom der Zentralbank kritisiert auch die Ernennung von elf neuen Ministern, welche die Situation zusätzlich verschlechtern würden.

Keiner der befragten venezolanischen Experten hat Hoffnung auf eine kurz- oder mittelfristige Besserung der Situation. Die Ökonomen sind sich einig, dass die Regierung lediglich die Symptome, nicht jedoch die Ursachen der Inflation bekämpft. «Die venezolanische Regierung agiert im besten Stil der Sozialisten des vergangenen Jahrhunderts: Planwirtschaft, steigende Personalkosten im öffentlichen Sektor und unzählige Subventionen», sagt die junge Wirtschaftsprofessorin Anabella Abadi, die für die Wirtschaftsberater von ODH in Caracas und mehrere Universitäten tätig ist. Es gäbe keinen Grund zur Annahme, dass Maduro die Ausgaben reduzieren werde. Kein Wunder, lässt die Regierung die Notenpresse heiss laufen.

Überleben dank Informalität

Aufgrund der dramatischen Wirtschafts- und Ernährungskrise versuchen viele Venezolaner ihr Glück im Ausland. Um seine Klientel und die Millionen Mitbürger einigermassen bei Laune zu halten, die das Land nicht verlassen können, verkündet Maduro in komisch-tragisch anmutenden Fern­sehansprachen immer häufiger Erhöhungen des Mindestlohnes – bereits fünf Mal in zwölf Monaten. Der Präsident rennt offensichtlich der Inflation nach, die offiziell nicht existiert. Die letzte Anpassung, die am 1. März in Kraft getreten ist, betrug satte 50 Prozent, aber nicht einmal diese Massnahme mag den Kaufkraftverlust annähernd zu kompensieren. Der neue Mindestlohn von 40 600 Bolivar entspricht auf dem Schwarzmarkt weniger als 15 Dollar. Zusätzlich zum Lohn sind Arbeitnehmer verpflichtet, den Angestellten Lebensmittelhilfen (aktuell im Umfang von 108 000 Bolivar) zu bezahlen. Bei Lebensmittelknappheit und Inflation helfen diese monatlichen Gutscheine nur bedingt und kurzfristig. «Die Tatsache, dass diese Essensgutscheine weit über dem formalen Lohn liegen, ist das beste Indiz, dass die Venezolaner auch offiziell nur noch arbeiten, um zu essen», gibt Oliveros zu bedenken. Für Anabella Abadi handelt es sich um populistische Massnahmen, die den wirtschaftlichen Teufelskreis Venezuelas noch stärker antreiben. Die Unternehmen, vor allem KMU, seien aufgrund der befohlenen integralen Entschädigungserhöhungen gezwungen, Angestellte zu entlassen.

Noch mehr Menschen werden sich Parallelgeschäften wie dem Wiederverkauf von regulierten und knappen Produkten zu horrenden Preisen, teilweise bis zum Hundertfachen, widmen. Für alle Befragten ist dieses Verhalten keine Frage der Moral mehr, sondern eine Notwendigkeit, um in diesem Wirtschaftschaos zu überleben. 93 Prozent der venezolanischen Haushalte generieren aktuell nicht genug Einkommen, um die Bedürfnisse an Nahrungsmitteln zu decken, zeigt die vor wenigen Wochen publizierte Studie Encovi von drei renommierten venezolanischen Universitäten auf. Die Umfrage gibt auch Auskunft über die Eingangsfrage: Drei von vier Venezolanern haben im letzten Jahr aufgrund Mangelernährung über acht Kilos verloren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.03.2017, 14:22 Uhr

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