Der scheinheilige Maulkorb

An amerikanischen Universitäten gilt Redefreiheit je länger je mehr nur noch für Linke. Kritiker der Entwicklung werden mit einer regelrechten Hexenjagd mundtot gemacht.

Milo Yiannopoulos hat nicht vor, den dritten Weltkrieg anzuzetteln, er will keine Zivilisation ­auslöschen.

Milo Yiannopoulos hat nicht vor, den dritten Weltkrieg anzuzetteln, er will keine Zivilisation ­auslöschen. Bild: Keystone

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Redefreifreiheit ist, wenn man einen ­Provokateur an einem Event auftreten lässt. Das dachte sich auch die University of ­California in Berkeley und genehmigte ­neulich den Auftritt von Milo Yiannopoulos. Die Hysterie seiner Gegner gipfelte in einer Hexenjagd.

Milo (33) ist Autor beim rechtskonservativen Webportal Breitbart, bekennender Schwuler und Trump-Wähler. Er tingelt mit seiner «Dangerous Faggot»-Tour durch Amerikas Universitäten; weil seine Auftritte eine Mischung aus Vortrag und Unterhaltung sind, hat er oftmals Lacher auf ­seiner Seite. Wegen seiner provokativen Ansichten («Radikaler Feminismus ist ein Krebsgeschwür für Männer» oder «Der Islam ist bösartig, weil er in einigen Ländern Homosexuelle wie mich mit dem Tod bestraft») wird er von der Opposition ­Hassprediger genannt, Rassist, Sexist, weisser Unterdrücker, Nazi. Der Nazi-Vergleich ist ja heute wie eine Trumpfkarte – er sticht alle Argumente aus, legitimiert offenbar alle Gewalt.

Wenn man sich Vorträge von Milo ansieht, hat man nicht den Eindruck, dass hier ein Monster am Werk ist. Er hat nicht vor, den dritten Weltkrieg anzuzetteln, er will keine Zivilisation ­auslöschen. Milo ist ein selbstverliebter, extrovertierter Typ, der sich mit teils nachvollziehbaren, teils beleidigenden, nicht plausiblen, aber gewaltfreien Argumenten gegen ­politische Korrektheit stellt, den Feminismus und die Black-Lives-Matter-Bewegung.

Weil einige Hundert Menschen seine Ansichten nicht hören wollten, und eine konstruktive Debatte mit einem angriffslustigen rechten Aktivisten für sie ganz offensichtlich die Apokalypse herbeiführt, schlugen sie Scheiben ein, zündeten Holzpaletten an, warfen Molotowcocktails, stürmten Gebäude. Milo musste evakuiert werden, Trump stellte daraufhin die öffentlichen Gelder der Uni infrage. Die New York Times twitterte gross die Schlagzeile: «Präsident Trump empört, dass Berkeley die Rede des rechten Yiannopoulos absagte.» Die Ausschreitungen waren ihr eine kleine Erwähnung darunter wert.

Mangelt es an intellektueller Stärke, bringt man eben leicht etwas durcheinander.

Trump ist nicht der Einzige, der laut darüber nachdenkt, den Universitäten Geld zu entziehen. Gemäss einem Artikel der New York Times vom vergangenen August streichen immer mehr Alumni ihre finanzielle Unterstützung, weil sie mit «der gegenwärtigen Kultur an Universitäten» nicht mehr einverstanden sind. Zu den Beanstandungen zählen: Die Redefreiheit ist gefährdet, die Administration kuscht vor protestierenden Aktivisten, Studenten sind zu sehr eingebunden in Rassen- und Identitätspolitik. Ein Amhurst-­Absolvent fasste es so zusammen: «Universitäten sind heute eingewickelt in diese politisch aufgeladene Mission, anstatt eine Institution der höheren Bildung zu sein. (…) Wenn Studenten und Administration so viel Zeit mit Hexenjagd verbringen, geht viel von der intellektuellen Stärke verloren.»

Man kann mit den Ansichten eines Milo ­Yiannopoulos übereinstimmen oder nicht. Fakt ist, auch Provokateure dürfen ihre Thesen ­öffentlich darlegen. Der linke Mob, pardon, die Demon­­stranten, die sich gerne als Vertreter einer ­gerechten, liberalen und toleranten Gesellschaft sehen, greifen Menschen an, zerstören Eigentum, halten einen Redner gewaltsam von seinem ­Auftritt ab und nennen diesen einen Nazi. ­Mangelt es an intellektueller Stärke, bringt man eben leicht etwas durcheinander. Eines aber haben sie mit ihren Gewalteskapaden erreicht: Milos Bekanntheit hat es zweifellos um ein ­Viel­faches gesteigert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 10:44 Uhr

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