Clinton sollte mehr Schuld bei sich und weniger bei anderen suchen

Hillary Clinton sucht Sündenböcke für ihre Niederlage. Ein Blick in den Spiegel würde helfen.

Clinton beschuldigt Russen und FBI: Die Demokratin macht Russland und das FBI für ihre Wahlniederlage verantwortlich. Video: Tamedia/CNN

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Die Verliererin meldete sich diese Woche zurück. In einem Interview versuchte Hillary Clinton, das schockierende Wahlergebnis des vergangenen Novembers zu erklären. Sie versuchte es, aber sie scheiterte. Das mag teilweise daran gelegen haben, dass Clintons Interviewerin, CNN-Star Christiane Amanpour, der unterlegenen Kandidatin Wattebäusche statt harter Fragen zuwarf.

Vor allem aber lag es an Clinton: Sie übernahm zwar die Verantwortung für die demokratische Niederlage, suchte die Schuld aber anderswo. Etwa bei den Russen, die demokratische E-Mails gehackt und an Wikileaks weitergereicht hatten. Oder bei FBI-Direktor James Comey, der eine politische Bombe hochgehen liess, als er kurz vor dem Wahltag eine neuerliche Untersuchung gegen Clinton wegen ihres privaten E-Mail-Servers einleitete.

Das Konzept politischer Dynastien hat sich erledigt.

Vielleicht beeinflusste Comeys Fehltritt tatsächlich das Wahlergebnis, eine Möglichkeit, die dem FBI-Boss «einen milden Brechreiz» beschert, wie er am Mittwoch vor einem Senatsausschuss eingestand. Aber schon eher den Nagel auf den Kopf traf Barack Obamas ehemaliger Wahlstratege und Berater David Axelrod. «Gegen Trump zu verlieren, erfordert viel Arbeit», höhnte «Axe», wie der stets modisch zerknitterte demokratische Stratege genannt wird.

Schliesslich habe Comey nicht zu Clinton gesagt, sie solle in den entscheidenden Wochen vor dem Urnengang auf Wahlkampfauftritte in den Staaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania verzichten – und so die Präsidentschaftswahl verlieren. Axelrod hat recht: Von ihrem Hauptquartier im New Yorker Hipsterparadies Brooklyn konnten Clinton und ihr Tross offenbar nicht jene Proleten und ehemaligen Obama-Wähler orten, die sich in den drei wahlentscheidenden Bundesstaaten von ihr abwandten und zu Donald Trump überliefen.

Die eigene Welt der Clintons

Dass die Unzufriedenen von Clinton abfielen, ist nicht weiter verwunderlich: Mal waren es hochdotierte Reden an der Wallstreet, mal zweifelhafte Verbindungen zwischen der Clinton-Stiftung und irgendwelchen Geldgebern oder sonst etwas, womit suggeriert wurde, die Clintons lebten in einer eigenen Welt. Beide sind reich geworden im amerikanischen Politikbetrieb und haben sich dabei entsprechend abgenutzt.

Hillary Clinton sollte mehr Schuld bei sich und weniger bei anderen suchen. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Immerhin werden es 2018 dreissig geschlagene Jahre sein, seit Bill Clinton auf dem Demokratischen Parteitag in Atlanta eine überlange Rede hielt und sich samt seiner Gattin für höhere Weihen empfahl. Dass beim Wahlvolk gewisse Ermüdungserscheinungen auftraten, versteht sich von selbst, und es versteht sich erst recht, wenn die Diva-Anwandlungen des prominenten Paars mit in Betracht gezogen werden.

Zumal sich das Konzept politischer Dynastien in den Vereinigten Staaten erledigt hat, wovon die Bushs und besonders Jeb Bush ein Lied zu singen wissen. Übrigens würde das auch für Trump gelten, falls er in Versuchung geriete, seine Ivanka als politische Erbin einzusetzen.

Willkommen beim «Widerstand»

Wie auch immer: Hillary Clinton sollte mehr Schuld bei sich und weniger bei anderen suchen. Dass sie sich als Normalbürgerin jetzt dem «Widerstand» gegen Trump anschliessen wird, wie sie in ihrem CNN-Interview sagte, ist ja schön. Wären sie und ihre Loser-Truppe in Brooklyn etwas gescheiter gewesen, bräuchte es allerdings keinen «Widerstand» gegen Trump. Oder wie «Axe» anmerkte: Man muss schon brutal malochen, um gegen einen wie Trump zu verlieren.

Trotzdem willkommen beim «Widerstand». Auch bleibt zu hoffen, dass die Widerstandskämpferin samt ihrem Gatten bald in den politischen Sonnenuntergang reiten und dabei im Rückspiegel der amerikanischen Geschichte zusehends kleiner werden wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2017, 10:20 Uhr

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