Macht Amerika wieder gross

Unser Sprachgebrauch bestimmt unsere Wahrnehmung der Welt: Die USA sind nicht Amerika.

Lateinamerikaner sind auch Amerikaner: Amerika ist ein Doppelkontinent mit über 30 Staaten.

Lateinamerikaner sind auch Amerikaner: Amerika ist ein Doppelkontinent mit über 30 Staaten.

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Die Amtsübernahme von Donald Trump als 45. Präsidenten der USA ist für viele ein Schock. Sie ist aber gleichzeitig eine Chance, unser Verhältnis zu diesem Land neu zu überdenken. Dies gilt auch für lieb gewonnene Sprachgewohnheiten.

Die USA sind nicht Amerika. Amerika ist die Bezeichnung für ein Gebiet von über 30 Staaten mit insgesamt rund einer Milliarde Einwohnerinnen und Einwohner. Seinen Namen erhielt der Doppelkontinent im frühen 16. Jahrhundert aufgrund einer Karte. Darauf war die Neue Welt als «America» gekennzeichnet, in Anlehnung an den Florentiner Kaufmann und Kosmografen Amerigo Vespucci. Es war zunächst die spanische Krone, die weite Teile Mittel- und Südamerikas dominierte. Die Kolonisierung Nordamerikas – mit Ausnahme Mexikos – begann hingegen vergleichsweise spät und wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen.

«Ihr seid nicht die einzigen Amerikaner, wissen Sie?»

Viele Lateinamerikaner stören sich daran, dass die USA sich selbstbewusst als Amerika bezeichnen. Der mexikanische Autor Carlos Fuentes hat das in seinem Erzählband «El Naranjo» auf ironische Weise zum Ausdruck gebracht. Fuentes schildert, wie ein Schauspieler aus Hollywood in einem Hotel im Badeort Acapulco ein Boot mieten will. Der Réceptionist bemerkt listig, dass nur noch eine Jacht mit dem Namen Las Dos Américas (Die Zwei Amerikas) zur Verfügung stehe, und reibt dem Gast aus den USA unter die Nase: «Ihr seid nicht die einzigen Amerikaner, wissen Sie? Auf diesem Kontinent sind wir alle Amerikaner.»

Die hier zum Ausdruck kommende Empfindlichkeit ist zu einem guten Teil auf die historische Erfahrung im 20. Jahrhundert zurückzuführen, als die USA regelmässig militärisch in Mittel- und Südamerika intervenierten. In Europa hingegen fehlt eine solche sprachliche Sensibilität. Ein Blick in die Tageszeitungen genügt. Da ist von Mexikanern die Rede, welche die «amerikanische Staatsbürgerschaft» erhalten wollen, von einer «amerikanisch-kubanischen Annäherung» am Rande eines Treffens der Organisation Amerikanischer Staaten (!) oder auch von «Amerikas Kongress» als Vorbild für das Schweizer Parlament.

Ein Kontinent, nicht ein einzelner Staat

Die Geschlechterforschung hat es zur Genüge belegt: Unser Sprachgebrauch bestimmt unsere Wahrnehmung der Welt. Wenn wir bei Amerika immer nur an die USA denken, rückt der Rest des Doppelkontinents in den Hintergrund. Das sollte gerade in der Schweiz, wo viele sich an der Gleichsetzung der EU mit Europa stören, zum Nachdenken anregen. Machen wir Amerika also zumindest begrifflich wieder gross: nämlich zu einem Kontinent und nicht zu einem einzelnen Staat.

Joël Graf ist Historiker. Er forscht an der Universität Bern mit Schwerpunkt Iberische und Lateinamerikanische Geschichte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2017, 08:57 Uhr

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