Ausland

Die Diktatur der Angst

Von Markus Somm. Aktualisiert am 17.01.2015 133 Kommentare

Was heisst Redefreiheit? Gibt es dabei Grenzen? Ein Kommentar über gefährliche Gedanken.

Satire oder doch schon Blasphemie? Demo in Pakistan gegen Charlie Hebdo.

Satire oder doch schon Blasphemie? Demo in Pakistan gegen Charlie Hebdo.
Bild: Keystone

BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

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Am Freitag vor einer Woche – die französische Polizei machte sich gerade daran, die Fabrik zu stürmen, in der sich die beiden Attentäter von Paris verschanzt hatten, – gab der private Fernsehsender «Canal+» bekannt, dass man auf die Ausstrahlung eines Interviews mit Michel Houellebecq verzichte. Das Gespräch mit dem Autor war am Tag zuvor aufgenommen worden, am Donnerstag, einen Tag also nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo», einem Satire-Magazin, das sich hin und wieder auch über den islamischen Propheten Mohammed lustig gemacht hatte. Zwölf Menschen waren deshalb erschossen worden.

Ob der berühmte, kontroverse Schriftsteller mit dieser Programmänderung einverstanden gewesen war, wurde nicht bekannt. Der Sender teilte lediglich mit, Houellebecq habe Paris verlassen und werde sein neuestes Buch, das eine Machtübernahme der Islamisten in Frankreich beschreibt, nicht mehr promovieren: er wird keine Interviews geben, er liest nirgendwo vor, er verschwindet vom Erdboden, mit anderen Worten, Houellebecq befindet sich auf der Flucht. Zu ­welchem Zeitpunkt er sich je wieder in Frankreich zeigen wird, ist offen. Zur Stunde hiess es, er werde kommende Woche in Deutschland sein neues Buch vorstellen. Aufwendigste Sicherheitsmassnahmen werden vorbereitet.

Überrascht ist darüber niemand. Wenn es in Frankreich jemanden gibt, der um sein Leben fürchten muss, dann dieser überaus mutige, ­originelle, fürchterlich schmuddelige Mann. ­Houellebecq verstört seit langem die Franzosen und seine Leser weltweit: Fast jedes Mal lösen seine Bücher Debatten aus, besser: Aufruhr, Widerstand, Ärger und Begeisterung, Zuneigung und Hass. Vor ein paar Jahren bezeichnete er den Islam als die «dümmste Religion», die es gibt, wofür er vor Gericht gezogen wurde, das die Klage jedoch abwies. Frauen, Muslime, Linke, wenn nicht alle Menschen, die nicht zufällig Houellebecq heissen, werden von ihm zerstampft, in den Dreck gezogen, beschimpft, mit Worten aus­gepeitscht, mit Sätzen gefoltert. Gibt es jemanden, dem man nahelegen möchte, sich etwas zu beherrschen? Houellebecq wäre ein Kandidat. Warum muss er das Recht auf freie Meinungs­äusserung dermassen missbrauchen?

Der Reiz der Unmündigkeit

Das sind gefährliche, doppelzüngige Ermahnungen. Wer diese Frage stellt – und sie wird oft gestellt von Leuten, die im gleichen Atemzug beteuern, das freie Wort zu schätzen – wer diese Frage stellt, hat sie schon beantwortet und sich selber widerlegt: Er hält die wirklich freie Rede nicht aus. Was er als Prinzip hochhalten mag, möchte er im konkreten Einzelfall, unter Todesangst oder Konformitätsdruck, relativ gehandhabt wissen; ein Luxus, den man sich von Fall zu Fall leistet. So aber ist es nicht gemeint. Eine Freiheit kann man nicht missbrauchen. Ein Recht bleibt ein Recht, ganz gleich, was man damit anstellt, solange man keine Gesetze bricht. Gewiss, es gibt Gesetze gegen Verleumdung zum Beispiel, die seit jeher die Redefreiheit begrenzen, ansonsten aber besteht diese Freiheit eben gerade darin, Dummes, Falsches, Abscheuliches, ja: auch Blasphemisches zu sagen.

In Anbetracht der besonderen Empfindlichkeiten einzelner Religionsgemeinschaften und unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse in Paris hat der Tages-Anzeiger neulich vorgeschlagen, dieser Redefreiheit eine vermeintlich klügere Variante entgegenzusetzen, oder wie der Autor, Guido Kalberer, sie nannte: «die Freiheit, zu schweigen»,– es wird demnach empfohlen, sich «freiwillig» zurückzuhalten, wenn man befürchten muss, dass andere Menschen sich verletzt ­fühlen könnten: Doch das hat mit Redefreiheit nichts mehr zu tun.

Es ist stattdessen der Heroismus der Unterwerfung, es ist eine Hymne auf die Selbstzensur, es liegt hier eine frivole Umdeutung der Sprache vor, die an George Orwell erinnert, den grossen englischen Schriftsteller, und dessen Roman 1984, wo das Kriegsministerium «Ministerium des Friedens» heisst und der Sicherheitsapparat mit seinen Foltermeistern und Kerkern als «Ministerium der Liebe» firmiert. Gemäss diesem Newspeak ist frei, wer in Ketten liegt, aus arm wird reich, dumm ist klug – oder gemäss Tages-Anzeiger: Wer frei ist, zu reden, schweigt am besten.

Reden ist Gold

Schweigen darf aber jeder, schweigen kann jeder, diese «Freiheit» musste noch nie verteidigt werden, kein König und kein Papst hat sich je an der Kritik gestört, die wir nicht geäussert haben – es ist die Rede, deren Freiheit unsere Vorfahren im 18. und 19. Jahrhundert, ob in Frankreich oder Amerika, ob in der Schweiz oder in Holland, errungen haben gegen die Obrigkeit, gegen die Kirche, gegen den Aberglauben – und es ist diese Freiheit, die in Paris und anderswo zur Disposition hätte gestellt werden sollen.

Redefreiheit ist unteilbar. Es gibt keine Satire, keinen Text, kein Bild, kein Musikstück und ­keinen Film, die von Staates wegen verboten werden dürfen. Keine Ausnahmen, keine Relativierung. Weder Imame noch Rabbiner, weder Pfarrer noch Gurus haben das Recht, zu zensieren, auch Private nicht unter dem Vorwand des guten Geschmacks, ebenso wenig Politiker oder NGO, auch wenn ihnen die Meinung eines Kontrahenten missfällt, sie mag noch so schlecht belegt oder kränkend sein, noch steht es Parteien zu, diese Freiheit zu beschränken, noch Verbänden oder Anti-Rassismus-Kommissionen.

Triumphzug der Heuchler

Es hatte auf den ersten Blick ja durchaus etwas Bewegendes, zu erleben, wie so viele Regierungschefs am vergangenen Wochenende nach Paris geeilt waren, um für die Redefreiheit einzustehen und die Morde der Islamisten zu verdammen. Bei näherem Hinsehen erwies sich der Aufmarsch aber auch als ein Triumphzug der Heuchelei: Waren hier die geeigneten Verteidiger der Freiheit angetreten? Es reihten sich da Politiker in die Demonstration ein, die in ihren Territorien von Pressefreiheit wenig wissen wollen, wie etwa Mahmud Abbas, der Präsident der Palästinen­sischen Autonomiebehörde oder Ahmet Davutoglu, der Premierminister der Türkei. Ebenso fehl am Platz war Sergei Lawrow, der Aussenminister Russlands, einem Land, wo die staatlichen Medien die groteskesten Geschichten über die Vorgänge auf der Krim oder in der Ostukraine verbreiten, während regierungskritische Journalisten nach Kräften bekämpft werden. Oder was um Himmels willen hatte Ali-Ben Bongo in Paris verloren, der Präsident von Gabun, wo Journalisten bedroht und verhaftet werden, wenn sie den Fehler begehen, über die Korruption in der Familie Bongo zu berichten? Das sind bloss die krassesten Beispiele.

Ebenso irritierend, ebenso zweideutig wirkte das Engagement vieler westlicher Politiker, die Unliebsames zwar nicht gerade verbieten lassen, aber doch recht deutlich ächten, eine undemokratische Unart, wie sie zum Beispiel neuerdings auch Angela Merkel, die deutsche Bundeskanz­lerin, immer öfter pflegt, wenn sie ex cathedra Dinge aburteilt, die ihr nicht behagen. Sei es ein Buch, das sie für «überhaupt nicht hilfreich» erklärt, ohne es je gelesen zu haben (Thilo Sarrazin, «Deutschland schafft sich ab»), sei es, dass sie die zahlreichen, je nach Standpunkt besorgten oder paranoiden Demonstranten der Pegida-Bewegung in Dresden von Amtes wegen abkanzelt: «Zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja, sogar Hass in deren Herzen!», donnerte sie in ihrer Neujahrsansprache.

Politisch korrekte Zensur

Schockiert über das Verbrechen in Paris, haben manche Kommentatoren übersehen, dass nicht nur Islamisten die Meinungsfreiheit in Frage stellen – sondern auch im Westen, in sogenannt säkularen Kreisen, kommt es immer öfter vor, dass im Namen der politischen Korrektheit oder des Anti-Rassismus oder unter welchem Titel auch immer die wohlmeinenden Zensoren auftreten, Meinungen, die einem nicht passen oder Darstellungen, die andere verletzen, unterdrückt werden: An amerikanischen Universitäten werden Redner ausgeladen, die Israel verteidigen oder das Recht auf Abtreibung in Frage stellen. Leute, die den Klimawandel bezweifeln, werden als ­Klima-Leugner zum Schweigen gebracht, und wenn harmlose Politiker, wie etwa Alexander Tschäppät, der sozialdemokratische Stadtpräsident von Bern, einen geschmacklosen Witz über Italiener macht, muss er sich wortreich entschuldigen, andernfalls Konsequenzen drohen. Sicher: Ob man jemanden daran hindern will, sich zu ­äussern, ist nicht im Entferntesten das Gleiche, wie jemanden umzubringen, der einen Propheten karikiert. Und doch gleichen sich die Motive. Man redet der Zensur das Wort. Unterschiedlich mag das Ausmass sein, unterschiedlich sind vor allem die Sanktionen, die befürchten muss, wer dagegen verstösst.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Redefreiheit bedeutet keineswegs, dass man das, was gesagt wird und einem widerstrebt, nicht mehr beurteilen darf. Im Gegenteil. Alle sind zur Debatte eingeladen. Unsinn bleibt Unsinn. Eine Beschimpfung ist eine Beschimpfung. Hass ist Hass. Redefreiheit bedeutet aber, dass man nicht unterdrückt, was man nicht hören will – oder wie es der britische Vizepremier Nick Clegg vor Wochenfrist gesagt hat: «In einer freien Gesellschaft müssen die Leute frei sein, sich gegenseitig zu beleidigen. Es gibt kein Recht darauf, nicht beleidigt zu werden. Sie können keine Freiheit haben, wenn es nicht erlaubt sein soll, sich gegenseitig zu beleidigen.»

Auf dem Cover des Magazins «Charlie Hebdo», das an jenem Tag erschien, als die Islamisten die Redaktion überfielen und zehn Journalisten sowie zwei Polizisten töteten, zeigte eine Karikatur von Michel Houellebecq. Ein hässlicher, rauchender Mann mit einer scheusslichen Nase sagt: «Im Jahr 2015 verliere ich meine Zähne. Und im Jahr 2022 mache ich den Ramadan!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.01.2015, 07:09 Uhr

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133 Kommentare

Marc Fessler

17.01.2015, 07:32 Uhr
Melden 306 Empfehlung 39

Wenn die Journalisten dieser Erde, speziell im westlichen Teil sich selbst zensieren, hat der muslimische Terror seinen Zweck erreicht. Ich rufe daher die Journalisten auf genau das Gegenteil zu tun und den Terror und die Religion über die er sich verbreiten kann, anzuprangern. Auch wenn dabei ein Risiko für das eigene Leben entsteht. "Je suis Charlie" Antworten


walter roth

17.01.2015, 09:32 Uhr
Melden 246 Empfehlung 19

Man darf und sollte manchmal schweigen.
Reden ist Silber, schweigen ist Gold.
Aber eben NUR unter zivilisierten und gleichberechtigten Menschen.
Gegenüber von Gewalt, Ideologie, dem Zwang, der Unterdrückung ist Reden die höchste Plicht eines jeden.
Puckeln hat nie etwas positiv verändert. Und wie ein Charlie Redakteur sagte... " es ist besser aufrecht zu streben, als kriechend zu leben.
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