Ausland

So erwischte die Polizei den letzten Paris-Attentäter

Aktualisiert am 20.03.2016

Vier Monate lang hielt der meist gesuchte Mann Europas Polizei und Geheimdienste auf Trab. Ein verhängnisvoller Telefonanruf brachte die Behörden auf die Spur.

1/18 Am Ort des Massakers, im Bataclan soll einer der Terroristen zwischen den Gewehrsalven auf der Bühne Xylophon gespielt haben. (Archiv)

   

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Das Fahndungsplakat war allgegenwärtig: «1,75 Meter gross, braune Augen» stand neben dem Foto des jungen Mannes mit den gegelten Haaren, darunter die Warnung «gefährlich, auf keinen Fall selbst eingreifen». Der mutmassliche Terrorist Salah Abdeslam war in Paris, ihm gelang jedoch, als letzter überlebender Attentäter die Flucht nach Belgien.

Vier Monate nach den Anschlägen mit 130 Toten hat die belgische Polizei im Problemviertel Molenbeek den mutmasslichen Mittäter festgenommen, nach dem unter Hochdruck gefahndet worden war. Das war die Jagd nach dem meistgesuchten Terroristen in Europa:

  • 13. November: Abdeslams Bruder Brahim war einer der Selbstmordattentäter, die sich in Paris in die Luft sprengten. Salah Abdeslam selbst organisierte zumindest zwei Mietautos und zwei Zimmer, die von den Kommandos genutzt wurden. Am Abend der Anschläge soll er die Stade-de-France-Angreifer zum Fussballstadion gefahren haben. Womöglich sollte auch er einen Selbstmordanschlag verüben: Ein im Pariser Vorort Montrouge gefundener Sprengstoffgürtel gehörte möglicherweise ihm.

  • 14. November: Abdeslam wurde am Tag nach den Anschlägen von Gehilfen zurück nach Belgien gefahren - und schlüpfte sogar durch Polizeikontrollen, weil nach ihm noch nicht gefahndet wurde. Seine Komplizen setzten ihn am frühen Nachmittag im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek ab.

  • Razzia in St. Denis: Heftige Schusswechsel ein einem Pariser Vorort fünf Tage nach den Anschlägen (18. November 2015, Video: Reuters).

  • 23. November: Sicherheitskräfte verüben nächtliche Razzien in Brüssel. Die Suche nach Abdeslam ist aber erfolglos.

  • 10 Dezember: Abdeslam soll sich drei Wochen in einer Wohnung in Schaerbeek versteckt gehalten haben. Am 10. Dezember konnten Ermittler seine Fingerabdrücke sicherstellen.

  • 15. März: Abdeslams Spur verlor sich - bis die Ermittler am Dienstag in einer Wohnung im Brüsseler Vorort Forest offenbar eher zufällig fündig wurden. Belgische und französische Polizisten wollten eine vermeintlich leerstehende Wohnung durchsuchen und gerieten unter Beschuss. Vier Polizisten wurden verletzt, ein Verdächtiger wurde getötet. Zwei Menschen konnten fliehen – unter ihnen Abdeslam.

  • 18. März: Am Freitag wurde Abdeslam dann bei einem Grosseinsatz in Molenbeek am Bein verletzt und gefasst. Ein Telefonanruf soll die Polizei zum Flüchtigen geführt haben. Abdeslam hat laut Medienberichten einen Freund kontaktiert, damit dieser ihm helfe, ein neues Versteck zu finden. Weil dieses Telefonat offensichtlich abgehört und lokalisiert werden konnte, ist es den belgischen Behörden schliesslich gelungen, Abdeslam in einer Wohnung in Molenbeek festzunehmen.

Bekannte beschrieben ihn als gewöhnlich

In dem wegen seiner Islamistenszene berüchtigten Stadtteil war der Franzose marokkanischer Abstammung aufgewachsen. Bekannte beschreiben ihn als eher gewöhnlichen Jugendlichen, der wie sein Bruder Brahim gerne Fussball spielte, abends ausging und mit Frauen anbändelte. Von einer islamistischen Radikalisierung bemerkte lange niemand etwas.

Doch dann lernte er Abdelhamid Abaaoud kennen, der später einer der bekanntesten belgischen Jihadisten werden sollte und als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt. Wegen eines Raubs landeten beide 2010 hinter Gittern.

2013 übernahm Abdeslam zusammen mit seinem Bruder Brahim eine Bar in Molenbeek, das «Les Béguines». Dort soll viel Haschisch konsumiert worden sein - im November 2015 wurde die Bar nach dem Fund halb gerauchter Joints dicht gemacht. Da hatten sich die Brüder aber bereits aus dem Geschäft zurückgezogen – vermutlich bereiteten sie die Anschläge von Paris vor.

Abdeslam ist offenbar der einzige noch lebende Attentäter von Paris: Bei den Attacken sprengten sich sieben der Selbstmordattentäter in die Luft oder wurden erschossen; Abdelhamid Abaaoud und ein weiterer mutmasslicher Attentäter starben bei der Erstürmung einer Wohnung im nördlich von Paris gelegenen Saint-Denis.

Geheimdienste versagt?

Abdeslams Ergreifung ist ein grosser Erfolg für die Ermittler. Der 26-Jährige soll bald nach Frankreich gebracht werden, die Behörden erhoffen sich neue Erkenntnisse zur Organisation der Anschläge und zu möglichen Hintermännern.

Doch zugleich werden sich die bereits in der Vergangenheit viel kritisierten belgischen Behörden unangenehme Fragen stellen lassen müssen. Denn sollte sich herausstellen, dass Abdeslam sich tatsächlich seit vier Monaten in Brüssel verstecken konnte, wäre das ein gewaltiges Versagen der Geheimdienste. (kat/SDA)

Erstellt: 19.03.2016, 19:50 Uhr