«Ein Kouachi-Bruder trank ein Glas Wasser direkt über meinem Kopf»

Während sich die «Charlie Hebdo»-Attentäter in der Druckerei nahe Paris verschanzten, versteckte sich Lilian Lepère in einem kleinen Schrank unter dem Waschbecken – acht Stunden lang. Nun erzählt er seine Geschichte.

Erzählt von den wohl schlimmsten Stunden seines Lebens: Der 26-jährige Grafiker Lilian Lepère im Interview mit France 2.


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«Es war meine grösste Angst, dass sie Lilian entdecken», sagt Michel Catalano, Geschäftsführer der Druckerei in der Nähe von Paris, wo sich die Kouachi-Brüder nach dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» verschanzten. Lilian Lepère sitzt im Studio von France 2 und kämpft mit den Tränen, als er die Worte seines Chefs im Einspieler hört. «Danke», sagt der Grafiker, nachdem er sich wieder gefasst hat, «es ist ihm zu verdanken, dass ich heute hier bin.»

Im französischen Fernsehen spricht er erstmals ausführlich über die wohl schlimmsten Stunden seines Lebens. Es war neun Uhr am Freitag, als sich Saïd und Chérif Kouachi der Druckerei in Dammartin-en-Goële näherten. «Sie haben Kalaschnikows bei sich», sagte Michel Catalano und forderte seinen Mitarbeiter auf, sich zu verstecken. «Zuerst glaubte ich ihm nicht», erzählt Lepère im TV-Interview, «doch seinem Gesichtsausdruck sah ich an, dass es kein Witz war.»

Der 26-Jährige ging ins Obergeschoss und kroch in den Schrank unterhalb des Waschbeckens in der Küche. In der Hosentasche hatte er sein Handy. «Über acht Stunden sass ich hier, zusammengekauert, ohne einen Ton von mir zu geben und ohne mich zu bewegen», sagt Lepère. 70 Zentimeter breit, 90 Zentimeter hoch und nur 40 Zentimeter tief sei das Möbel gewesen, ergänzt er auf Nachfrage des Moderators David Pujadas.

Im Erdgeschoss öffnete Geschäftsführer Catalano den Attentätern in der Zwischenzeit die Tür. «Sie fragten mich ganz ruhig, ob sie Wasser haben könnten», erzählt der Druckerei-Chef später gegenüber mehreren Medien. Er habe versucht cool zu bleiben und bot den beiden einen Kaffee an. «Monsieur» hätten die Kouachi-Brüder ihn respektvoll genannt. Einen weiteren Mitarbeiter liessen die Attentäter auf sein Bitten hin gehen. Beim Kaffeemachen sei ihm bewusst geworden, in welch dramatischer Situation er sich befände. «Ich überlegte, mit Lilian zu sprechen, doch es war zu gefährlich. Ich wusste ja nicht, wo er sich versteckt», sagt Catalano.

«Er war bloss einen halben Meter entfernt»

Die Kouachi-Brüder folgten ihm in die Küche – wo Grafiker Lepère versteckt unter dem Waschbecken sass. Dieser erinnert sich: «Einer der Attentäter öffnete den Schrank rechts von mir, danach den Kühlschrank, er war bloss einen halben Meter von mir entfernt. Er trank direkt über mir ein Glas Wasser. Durch den Türspalt sah ich seinen Schatten. Ich spürte das Wasser an meinem Rücken den Siphon hinunterfliessen. Ich dachte, wenn er sich die Hände mit dem Handtuch an der Möbeltür trocknet, wird er mich entdecken.» In diesem Moment habe sein Gehirn aufgehört zu denken, sein Atem habe gestockt und sein Herz sei beinahe still gestanden.

Doch die Kouachi-Brüder haben den jungen Grafiker nicht entdeckt. Dies vor allem dank Michel Catalano, der alles tat um die Attentäter abzulenken. «Ich sprach die ganze Zeit mit den beiden», erzählt er später den Journalisten. Zudem verarztete der Druckerei-Chef einem der Brüder eine Wunde, die er sich bei einer Schiesserei mit der Polizei zugezogen hatte. Ob sie ihn gehen lassen würden, fragte Catalano danach. Die Attentäter sagten Ja und liessen ihn vor dem Angriff der Polizei ziehen.

Kontakt mit der Polizei

Lepère blieb alleine mit den Jihadisten zurück, ohne deren Wissen. Erst als die Attentäter in den Raum nebenan gingen, griff er zum Handy und schrieb folgende Zeilen an seinen Vater: «Ich verstecke mich im ersten Stock. Ich glaube, sie haben alle umgebracht. Informiert die Polizei.»

Weshalb er so lange gewartet habe, bis er zum Handy griff, fragt der Moderator David Pujadas. «Ich konnte mein Telefon nicht aus meiner Hosentasche nehmen, ohne Lärm zu verursachen. Deshalb musste ich abwarten», erklärt Lepère. Sein erster Reflex sei gewesen, es auf stumm zu schalten. Von diesem Zeitpunkt an war der 26-Jährige in stetigem Kontakt mit der Polizei – informierte sie darüber, was er hörte und wo sich die Attentäter aufhielten. Die Antwort der Beamten, dass ein Team kommen und ihn retten würde, habe ihn beruhigt. Er solle weiter ausharren und sich ruhig verhalten, lautete die Anweisung der Polizei.

Mehrere Stunden vergingen, bis Lepère «einen lauten Knall hörte». «Ich befürchtete, die Attentäter könnten das ganze Gebäude in die Luft sprengen», sagt er. Doch anstatt eines Knalls habe er plötzlich die Stimmen seiner Retter gehört. Da habe er gewusst, es sei überstanden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2015, 14:00 Uhr

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