China importiert jetzt mehr Öl als die USA

Schnelleres Wirtschaftswachstum und ein boomender Automarkt: China hat die USA als weltgrösster Nettoimporteur von Erdöl abgelöst. Für die Führung in Peking ist das kein Grund zur Freude.

Die inländische Förderung kann den wachsenden Bedarf nicht mehr decken: Tankstelle in Nanjing. (Archiv)

Die inländische Förderung kann den wachsenden Bedarf nicht mehr decken: Tankstelle in Nanjing. (Archiv) Bild: Reuters

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Seit Jahren boomt die Wirtschaft in China, was dem Land einigen Wohlstand beschert hat. Die Schattenseite: China kann seinen Durst nach Erdöl nicht mehr aus eigener Kraft stillen. Jetzt ist China die weltweite Nummer eins.

China hat die USA überholt und ist zum weltgrössten Ölimporteur aufgestiegen. Das zeigen Zahlen, die die US-Regierung diese Woche veröffentlichte. Bereits zuvor hatten Prognosen der EIA dies angedeutet. Schnelleres Wirtschaftswachstum und ein boomender Automarkt haben dazu geführt, dass China im September erstmals netto mehr Erdöl aus dem Ausland bezog als jedes andere Land.

Wie die US-Energiebehörde EIA meldete, überstieg Chinas Ölverbrauch die Fördermenge um 6,3 Millionen Barrel pro Tag. Diese Differenz habe China vermutlich importieren müssen, um die Nachfrage abzudecken, teilte die EIA mit. Ein Barrel entspricht 159 Litern.

Abhängig vom Ausland

«Die stetig wachsende Ölnachfrage Chinas hat dazu geführt, dass das Land zum weltgrössten Nettoimporteur von Erdöl wurde und im September 2013 an den USA vorbeizog», hiess es in einem Bericht der EIA. Die Behörde geht davon aus, dass sich 2014 daran nichts ändern wird.

Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hat den Wohlstand Chinas ebenso vergrössert wie den Einfluss des Lands auf der politischen Weltbühne. Gleichzeitig stieg jedoch die Notwendigkeit, Öl und Erdgas zu importieren. Der kommunistischen Führung Chinas ist das ein Dorn im Auge, weil sie sich vom Ausland abhängig und damit strategisch anfällig macht.

Chinas Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, liegt aber mit voraussichtlich acht Prozent 2013 noch weit oberhalb des für die USA vorhergesagten Wertes. Und Chinas Automarkt ist mittlerweile der nach verkauften Fahrzeugen grösste der Welt. Auch hier ist das Wachstum nicht mehr so rasant wie noch vor wenigen Jahren, aber der Absatz lag im August immer noch elf Prozent über dem im Vorjahr.

Kritik am Wachstumskurs

Dies Entwicklung geht keineswegs spurlos am Land vorbei, der Verkehr hat so stark zugenommen, dass viele Städte in China am Smog ersticken. In der Öffentlichkeit werden Forderungen laut, die Luftverschmutzung einzudämmen, während andere Nationen China zur Mässigung beim Ausstoss von Treibhausgasen aufrufen.

Dessen ungeachtet verbrauchen die USA pro Kopf immer noch deutlich mehr Erdöl als China. Der Gesamtverbrauch der USA an Öl und anderen fossilen Brennstoffen lag im September bei 18,6 Millionen Barrel pro Tag, China kam auf 10,9 Millionen Barrel, wie die EIA meldet. Die USA förderten 12,5 Millionen Barrel pro Tag, China 4,6 Millionen Barrel.

Sorge über Isolation des Iran

Peking fördert Wind- und Solarenergie und die Nutzung von Elektroautos oder mit Erdgas betriebenen Modellen, dennoch wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich nichts daran ändern, dass Chinas Fahrzeuge in erster Linie auf Benzin laufen. Auch arbeitet Chinas Regierung daran, die Energienutzung zu verbessern. Obwohl in diesem Bereich Fortschritte erzielt wurden, liegt China weit hinter den Industrienationen zurück.

Noch Ende der 90er-Jahre konnte China seinen Ölbedarf aus eigener Kraft decken, vor allem aus dem gewaltigen Daqing-Feld im Nordosten des Lands. Aber die Wirtschaft boomte stärker, als die Ölproduktion stieg. Das Resultat: Chinas Abhängigkeit von Importen wächst, insbesondere aus Saudiarabien und dem Iran kommt das Öl. Mit entsprechend grosser Besorgnis verfolgt die chinesische Führung deshalb die politische Isolation des Irans und mögliche Anzeichen für politische Instabilität in der Golfregion.

Einheimische Produktion sinkt

Experten sagen, China wird künftig weniger Öl aus seinen bestehenden Feldern fördern. Im Sommer sank zudem die Produktion, weil grosse Regionen des Lands zwei Monate lang von einer Flutkatastrophe betroffen waren.

Um den Bedarf besser abdecken zu können, investieren Chinas staatliche Ölkonzerne und ihre ausländischen Partner massiv in die Suche nach neuen Ölquellen in China und in Alternativen wie Flözgas. Bislang wurden jedoch noch keine Felder entdeckt, die mit Danqing vergleichbar wären. Auch im Ausland suchen die chinesischen Firmen nach neuen Vorkommen und haben dafür im Irak, in Zentralasien und in Afrika Milliardeninvestitionen getätigt. Ein Teil des dort geförderten Öls ist für China gedacht, aber der Grossteil wird auf anderen Märkten verkauft.

Umgekehrter Trend in den USA

Während Chinas Durst nach ausländischem Öl weiter zunimmt, ist in den USA der umgekehrte Trend zu beobachten. Durch Fracking und andere neue Fördertechniken konnten US-Firmen üppige neue Öldepots erschliessen. Amerikas Ölbedarf stieg in den ersten neun Monaten des Jahres der EIA zufolge um 110 000 Barrel pro Tag oder gerade einmal 0,6 Prozent. Das hänge auch mit der verbesserten Energieeffizienz zusammen, erklärte die Behörde. Für 2014 prognostiziert die EIA sogar einen Rückgang des Verbrauchs um 0,4 Prozent.

All das wird nichts daran ändern, dass die USA auch kommendes Jahr der grösste Ölverbraucher weltweit sein werden – mit voraussichtlich 18,7 Millionen Barrel pro Tag dann aber doch schon spürbar unter den täglich 20,8 Millionen Barrel aus dem Jahr 2005. Für China erwartet die EIA 2014 einen Verbrauch von rund elf Millionen Barrel pro Tag.

Erstellt: 11.10.2013, 20:57 Uhr

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