Ausland
China-Paradox: Verpestete Flüsse, grüne Träume
Von Henrik Bork, Peking. Aktualisiert am 04.09.2010 5 Kommentare
... und Smog über Peking. (Bild: Keystone )
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Reich der Mitte, Volksrepublik, das alte Cathay – China hört auf viele Namen. Heute könnte es auch so heissen: das Reich der Paradoxe. Ganz besonders Chinas Umweltpolitik ist ein Sammelsurium des Einerseits und Anderseits. Pechschwarze Flüsse wälzen sich ins Meer, 60 Prozent aller Wasserwege sind hoffnungslos verdreckt, die Luft in Peking oder Shanghai sollte am besten nicht mehr eingeatmet werden, und 20 der schmutzigsten Städte der Erde liegen in China. Einerseits.
Anderseits ist das Land innerhalb weniger Jahre zu einem weltweit führenden Produzenten von Solarzellen und Windturbinen geworden, subventioniert den Ausbau von erneuerbaren Energien oder Elektroautos mit so gewaltigen Summen, dass manche Beobachter schon von einer «grünen Revolution in Rotchina» reden. Wie passt das zusammen? Wie erklären sich solche Diskrepanzen?
Eine Röhre fürs Dreckwasser
Zunächst zum Einerseits. Nicht weit entfernt von Peking fliesst ein schwarzer Fluss ins Gelbe Meer. Das Meer heisst nur so; der Fluss aber ist wirklich schwarz. «Er ist total verdreckt, weil die Fabriken dort ihre Abwässer völlig ungeklärt in den Fluss leiten», sagt der chinesische Umweltfotograf Lu Guang. Die Rede ist vom Ziya-Fluss, der sich rund 130 Kilometer Luftlinie von Peking entfernt wie eine Kloake ins Meer entleert.
Nun gibt es in China ein Umweltministerium, es gibt Umweltgesetze, die mit Geldstrafen drohen, und es gibt eine Parteiführung, die immer häufiger die Worte «Umweltschutz» und «Nachhaltigkeit» im Munde führt. Wie kann dann gleichzeitig ein natürlicher Wasserlauf so zugerichtet werden? Fotograf Lu machte kürzlich eine Entdeckung. «Mehr als 100 Firmen hatten zusammengelegt und ein 15 Kilometer langes Rohr verlegt.» Ihr Dreck fliesst noch immer ungeklärt in den Fluss. Aber man sieht es nicht mehr, und es lässt sich auch nicht mehr fotografieren.
Unterentwickeltes Umweltbewusstsein
Die Episode illustriert nicht bloss das unterentwickelte Umweltbewusstsein in China. Sie verweist auch auf zwei Hintergründe, ohne die eine Diskussion der chinesischen Umweltpolitik und ihrer Widersprüche nicht auskommt. Erstens hat in China die wirtschaftliche Entwicklung noch immer Vorrang vor dem Schutz natürlicher Ressourcen. Und zweitens sind die hehren Absichten der Zentrale in Peking manchmal schon ein paar Kilometer weiter nicht durchzusetzen. Von einer «grünen Revolution» kann daher noch nicht gesprochen werden.
Doch nun zum Anderseits. Chinas Regierung fördert einen nur noch als explosiv zu bezeichnenden Ausbau der Windenergie. Im Jahr 2006 hatte sich die oberste politische Führung zur systematischen Förderung erneuerbarer Energien bekannt. Sie stellte Gelder für die Forschung bereit und setzte konkrete Ziele. 2006 hatte es noch kaum Windparks in China gegeben. «Jetzt sind es über 25,8 Gigawatt installierte Kapazität», sagt Pan Jiahua, Chinas führender Klimaforscher, «und bis zum Jahr 2020 sind 120 Gigawatt geplant.» Zum Vergleich: In den USA sind momentan 35 Gigawatt installiert, in Deutschland 26 und in der Schweiz 0,015 Gigawatt.
Grüne Subventionswelle
In China gibt es also heute keine grüne Revolution, wohl aber eine Revolution im Bereich grüner Technologien. Chinas Kommunistische Partei mag nicht besonders gut darin sein, die Umwelt oder die Gesundheit ihrer Bürger zu schützen. Doch sie ist unschlagbar im Subventionieren von Industriezweigen, hat sie diese einmal als lukrativ erkannt. Wo Gelder der Zentrale zu verteilen sind, da funktioniert das System auch in den Provinzen. Mit westlichem Knowhow und heimischen Fördergeldern werden strategische Industrien aufgepäppelt, die dann irgendwann den Weltmarkt erobern sollen.
Bei solchen industriepolitischen Kraftakten produziert der Sozialismus chinesischer Prägung allerdings auch immer wieder Absurditäten. So sind schätzungsweise ein Fünftel der nagelneuen Windturbinen, die in Provinzen wie der Inneren Mongolei oder Gansu die Landschaft verschandeln, gar nicht ans Stromnetz angeschlossen. Der Ausbau des Netzes konnte nicht mit dem vom Staat geförderten Turbinenrausch mithalten. Allerdings sind auch für die Modernisierung eines Smartgrid schon wieder Milliarden Renminbi vorgesehen.
In 10 Jahren zum Marktführer
Auch bei der Solartechnik legt China ein Tempo vor, dass mit der Explosion einer Supernova verglichen werden könnte. Noch vor wenigen Jahren wurden Solarzellen in Taiwan oder Kalifornien oder sonst wo hergestellt, jedenfalls nicht in China. 1999 kam gerade 1 Prozent aller Solarpanel auf dem Weltmarkt aus China. Schon 2008 hatte es Festlandchina zum weltweit führenden Produzenten geschafft – mit einem Marktanteil von 32 Prozent. Heute kommen mehr als die Hälfte aller Solarzellen aus China.
Anfangs hatten chinesische Firmen westliche Umwelttechnologien gekauft oder kopiert. Inzwischen können sie diese Produkte aufgrund niedriger Löhne und Strompreise, hoher Volumen sowie massiver Unterstützung durch die Regierung oft billiger anbieten als die Konkurrenz im Ausland. «China bewirft diese Sektoren sozusagen mit Geld», zitierte die Agentur Reuters den Unternehmer Peter Fung aus Hongkong. Er sprach von der Wind- und Solarenergie. «Ich würde mich nicht wundern, wäre das Land bald der weltgrösste Produzent von sauberen Technologien.»
Herrschaft mit Energie sichern
China müsse «präventiv Chancen in der neuen Runde der globalen Energierevolution beim Schopf ergreifen», hatte Parteichef Hu Jintao 2006 beim Startschuss zu diesem Spurt formuliert. Das Primat der Entwicklung vor dem Umweltschutz war dabei nicht zu überhören. Es geht um Arbeitsplätze und damit auch um die Sicherung der Herrschaft der Partei. Einige Flüsse dürfen schwarz ins Meer fliessen, Bauern und Fischer an Durchfall erkranken. Wachstum aber ist willkommen, auch wenn es grün ist.
Das zweite Motiv für den Ausbau erneuerbarer Energien ist die Abhängigkeit Chinas von Ölimporten. Die Parteiführer sind besorgt, dass schon mehr als die Hälfte allen Rohöls über die Weltmeere, teilweise durch militärische Einflussgebiete der USA, importiert werden muss. «China muss aus Sorge um die Sicherheit seiner Energieversorgung zunehmend auf nachhaltiges Wirtschaften setzen», sagt Pan Jiahua. Er ist kürzlich zum Direktor des Forschungszentrums für Umweltstudien ernannt worden.
Fokus liegt auf Wachstum
Die Zentrale fördert daher konsequent alles, was sowohl den Verbrauch von fossilen Brennstoffen reduziert als auch neues Wachstum bringt. Was hingegen nur der Umwelt zugutekäme, das Wachstum jedoch bremsen könnte, hat keine Chance. Dazu gehören etwa verbindliche Reduktionsziele bei der Emission von Treibhausgasen. So ist das Paradox zu verstehen, dass China in saubere Technologie investiert, gleichzeitig aber auf der Klimakonferenz in Kopenhagen die gesamte Welt vor den Kopf stossen kann.
Nun schliessen sich die Subventionierung von grünen Industrien und eine Besserung des Umweltschutzes keinesfalls gegenseitig aus. So sieht es jedenfalls Chinas Politbüro, in dem überwiegend Ingenieure sitzen. Hu Jintao hat Wasserbau studiert, Premier Wen Jiabao Geologie. Diese Männer glauben an technische Lösungen für alle Probleme – die der Umwelt inklusive. Megastaudämme und Wasserkraftwerke haben daher in China ebenso Konjunktur wie die Atomkraft. 9,7 Gigawatt an Strom kommen derzeit aus Chinas Atommeilern. In zehn Jahren sollen es bis 70 Gigawatt sein.
Drei Viertel Kohlestrom
Die Frage ist nur, ob technische Lösungen allein als Ersatz für wirklich nachhaltiges Wirtschaften taugen. Von Grenzen des Wachstums will Chinas Führung nichts hören. Zuwachsraten des Bruttoinlandprodukts von über 10 Prozent lassen den Energiehunger des Landes explodieren. Daher werden nicht nur erneuerbare Energien gefördert, sondern gleichzeitig immer mehr Kohlekraftwerke gebaut. Immerhin sind das weniger schlimme Dreckschleudern als die alten, die nach und nach geschlossen werden. Knapp 74 Prozent der chinesischen Gesamtstromkapazität von 900 Gigawatt aber entfallen auf Kohle, und dieser Energiemix wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern.
Letztlich ist Chinas widersprüchlicher Umgang mit der eigenen Umwelt nicht ohne die Ungleichgewichte in seiner Entwicklung zu verstehen. In der Bevölkerung gibt es grosse und weiterwachsende Einkommensunterschiede. Sowohl die reichsten wie auch die ärmsten Gruppen der Bevölkerung erschweren umweltpolitisch sinnvolle Massnahmen. Die neuen Mittelständler in den Städten wollen ihr erstes Auto kaufen, was das Anheben der Benzinpreise brisant macht. Die armen Bauern und die armen Städter aber stehen einer Anhebung der Strompreise im Weg. «Für die Armen in China, von denen immer noch 20 Millionen Menschen überhaupt keinen Zugang zu Elektrizität haben, ist der Strom schon jetzt zu teuer. Und für die Reichen ist er zu billig, wobei in China die Politik von den Reichen gemacht wird», sagt Pan Jiahua. Auch das ist zumindest in einer «Volksrepublik» ein interessantes Paradox. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.09.2010, 14:31 Uhr











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